An jedem Sonnabend um 12 Uhr rufen die Glocken zum Friedensgebet an der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße. Es wird um Frieden für die Ukraine gebetet.

Das wöchentliche Ritual wiegt an diesem Ort aufgrund seiner Geschichte besonders schwer. Auf einem Gedenkstein unweit der Kapelle ist das alte Bibelwort „Es soll nicht durch Armeen oder Mächte geschehen, sondern durch meine Kraft, spricht Gott“ eingemeißelt. Es stammt aus dem Alten Testament vom Propheten Sacharja. Bereits zweimal hat es an diesem Ort seine Kraft unter Beweis gestellt.
Ein besonderer Ort
Zum ersten Mal wirkte es, als die 1985 in Folge des Kalten Krieges gesprengte Kirche der Versöhnung im Jahr 1999 einen Nachfolgebau erhielt – in Form der heutigen Kapelle. Sie hat damit an der Nahtstelle der größten militärischen Konfrontation der Geschichte, der atomaren Bedrohung zwischen NATO und Warschauer Pakt, überlebt.
Zum zweiten Mal entfaltete die Bibelzeile Wirkung, als die Kapelle 1999 das Nagelkreuz der Kathedrale von Coventry verliehen bekam. Die englische Stadt Coventry war 1940 im Zweiten Weltkrieg samt seiner Kathedrale von deutschen Bombern zerstört worden. Nach Kriegsende hat man aus den Trümmern der Kathedrale die Zimmermannsnägel geborgen. Aus ihnen wurde als Mahnung ein Nagelkreuz geschmiedet. Als sich in den 1950er Jahren abzeichnete, dass sich mit NATO und Warschauer Pakt zwei militärische Blöcke positionierten, kam es 1959 in Coventry zur Formulierung eines Bittgebetes. Es wurde zusammen mit einem Nagelkreuz an ausgewählte Kirchen und Stätten in der Welt gersendet. Sie bilden die Nagelkreuzgemeinschaft. In der Kapelle der Versöhnung steht das Nagelkreuz vor der Wand der Kapelle, deren Stampf-Lehm mit dem Trümmerschutt der gesprengten Kirche vermischt wurde.
Das Gebet von Coventry

Die samstäglichen Friedensandachten enden immer mit dem Vortrag des Gebetes von Coventry. Seit März diesen Jahres wird es in den drei Sprachen Ukrainisch, Russisch und Deutsch gehalten. Das Friedensgebet mit seiner bestürzenden Aktualität wird hier im Wortlaut wiedergegeben.
Jede Strophe endet mit der Bitte: Gott vergib.
- Den Hass, der Menschen von Menschen trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse
- Das Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht das Ihre ist
- Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen auffrisst und die Erde verwüstet
- Unseren Neid auf das Glück und das Wohlergehen der anderen
- Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge
- Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht
- Den Hochmut, der uns verleitet auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich
Friedensgebet mit Schilderungen von Ukrainerinnen
Im ersten Teil der Andacht kamen bislang Zeitzeugen aus der Ukraine oder andere von Krieg betroffene zu Wort. Im April waren es zwei Frauen, Xenia und Yevgenia, die Tage zuvor aus Kiew gekommen waren. Innerhalb weniger Minuten brachten sie ihre frischen Eindrücke zur Sprache. Durch die Nähe zu den Anwesenden hat der Charakter ihrer Darstellung fast private Natur. Die Kapelle verlieh ihnen die Geborgenheit eines geistlichen Schutzraumes, anders als es in TV-Studios oder Straßeninterviews der Fall ist.
Auf der Suche nach Ansprechpartnern
Es erschüttert, von der Verzweiflung zu hören, die über Kriegsschäden hinaus durch gegenseitige Schuldzuweisung und Falschinformationen ausgelöst wird. Es verstört, wenn vom Beschuss bei Fütterung von Tieren eines Parks in Charkiw berichtet wird. Und es macht ratlos, wenn die Beschriftung eines Gebäudes in Mariupol mit den Riesenbuchstaben K I N D E R geschildert wird, um Rücksicht zu erwirken, verbunden wird mit der Fragestellung, wer eigentlich die Ansprechpartner sind, die man damit erreichen will? Sind sie ansprechbar oder geht der Hinweis ins Leere?
Pfarrer Thomas Jeutner verwies in diesem Zusammenhang auf Gott, der als übergeordneter Ansprechpartner in der Welt sei. Angesichts des leidgeprüften Werdegangs der Kirche der Versöhnung möchte man Gedanken dieser Art nicht leichtfertig von der Hand weisen. Auch im Herbst 1989 erwiesen sich die Montagsgebete in den Kirchen der DDR als hilfreich für die Bewältigung der gesellschaftlichen Bedrängnisse.
Text und Fotos: Michael Becker

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