Geschichten vom Leben am Leo

Eva-Lena Lörzer ist nicht am Leo geboren, wohnt nicht am Platz, arbeitet nicht am Leopoldplatz und kommt auf ihren Wegen auch eigentlich nie an ihm vorbei. Trotzdem hat sie sich mit einer Schreibmaschine auf den Leo gesetzt und bittet: „Erzähl Deine Geschichte“. Im Text steht, wie sie den Leopoldplatz und seine Menschen erlebt hat.

Sein Ruf eilt dem Leopoldplatz voraus. Besser: Ein Ruf ruft ihm voraus. Und der ist kein guter. Auch Eva-Lena Lörzer hat er erreicht. Als sie Mitte Oktober beginnt, die Geschichten der Menschen vom Leo zu sammeln, hat sie zunächst ein mulmiges Gefühl. Wohl fühlt sie sich am Anfang nicht. Sie geht dennoch auf den Platz, weil sie eine Künstlerresidenz des Bezirks erhalten hat. Deshalb ist sie von Mitte Oktober bis Ende Dezember mehrmals in der Woche auf dem Platz, um mit Menschen zu reden, zuzuhören und aufzuschreiben, was ihr erzählt wird. Bis Silvester kann man sie noch antreffen und ihr eine Geschichte schenken. Sie sagt, bei ihrer Zuhöhr- und Schreibarbeit hat sie nach einigen Wochen den Leo kennengelernt. Besser kennengelernt.

Eva-Lena Lörzer bittet am Leo: Erzähl Deine Geschichte. Foto: Andrei Schnell
Eva-Lena Lörzer bittet am Leo: „Erzähl Deine Geschichte“. Foto: Andrei Schnell

„Man muss sich klarmachen, wir leben in Momentaufnahmen“, sagt Eva-Lena Lörzer. Es seien immer nur Ausschnitte, die man wahrnimmt. Um diesen Satz zu illustrieren, erzählt sie eine Geschichte. Eine ungewöhnliche, aber eine wahre. Sie berichtet von dem Tag, an dem sie mit ihrer Tochter den Platz besuchte:

Es war ein Sonntag, es war Wintermarkt. Ihre Tochter hat an einem Designstand etwas geschenkt bekommen. Später bekam das Mädchen in einem syrischen Imbiss eine Süßigkeit geschenkt, weil es zufällig der Tag war, an dem Assad gestürzt worden war. Und an einem Wahlstand der SPD gab es einen Luftballon geschenkt. Zuletzt konnte die Tochter im Makerspace der Schiller-Bibliothek etwas mit nach Hause nehmen. „Das ist der schönste Platz Berlins, alle schenken einem was“, war das Fazit der Tochter, „und du erzählst, da gibt es viele arme Menschen“. Ist diese Kindersicht eine Ausnahme? Ist sie untypisch? Oder ist es eben ein einzelner Blickwinkel unter vielen möglichen?

Ein Mosaik der Stimmen

Eva-Lena Lörzer möchte nun schreibend viele unterschiedliche Blickwinkel festhalten. „Es soll ein Mosaik von Stimmen entstehen“, sagt sie. Dieses Mosaik aus Texten will sie in einer Broschüre zusammenfügen. Am 23. Januar um 18 Uhr liest sie ihre Eindrücke und gesammelten Geschichten vom Leben am Leo in der Schiller-Bibliothek vor, am 25. Januar um 16 Uhr in der Nazarethkirchgemeinde. Die Texte sollen sich irgendwo zwischen Journalismus und Literatur bewegen. „Ich gehe in Resonanz mit dem Platz“, beschreibt sie ihren Ansatz. Jene Texte, zu denen sie eine lebende Person inspiriert hat, lässt sie sich freigeben. „Denn eine Anonymisierung ist am Leo gar nicht möglich, hier kennt jeder jeden.“ Offenbar hat Eva-Lena Lörzer ein Beziehungsnetzwerk entdeckt. Der dem Leo vorauseilende Ruf hatte davon nichts verkündet.

Cafe Leo
Welche Geschichten haben die Menschen vom Leo? – Foto: Andrei Schnell

Das Netzwerk hat ihr dabei geholfen, dass die Menschen ihr ihre Geschichten erzählt haben. Brücken gebaut habe zum Beispiel Harun, der Coffee Man am U-Bahnhof-Eingang. Bei ihm sitzt sie, wenn sie zum Leo kommt. Ein Becher mit Kakao steht neben ihr, wenn sie im Wind ausharrt. Ein Schild mit der Aufschrift „Erzähl Deine Geschichte“ hat sie aufgestellt. „Wenn Harun zu einem seiner Kunden sagt, hey, sie hat auch meine Geschichte aufgeschrieben“, dann fassen die Menschen zu ihr Vertrauen. Auch der gut vernetzte Sven Dittrich von der Initiative „Wir am Leo“ und Mitarbeiter im Infopoint hat ihr geholfen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Die Idee, dass die Reiseschreibmaschine vertrauensbildend wirken könne, habe sich als „eine romantische Idee“ erwiesen. Eher habe das Gerät, so der Eindruck von Eva-Lena Lörzer, einem Gespräch im Wege gestanden. Optisch sei die Maschine schön, aber hilfreich sei sie nicht.

Zwischen Journalismus und kreativem Schreiben

Sichtbar auf dem Platz zu sitzen, exponiert, mit Schreibmaschine und sich auch noch für Instagram zu fotografieren, das alles sei für sie ungewohnt, sagt Eva-Lena Lörzer. Eigentlich arbeite sie nach dem Prinzip, als Schreibende unsichtbar zu bleiben. Als Journalistin für die Tageszeitung taz zum Beispiel. Oder als Autorin für die zurückliegende Ausstellung „Die Kant – Text.Kunst.Straße“ in der Villa Oppenheim. So hat sie es gelernt, als sie mit Diplom an der Universität Hildesheim 2014 das Studienfach Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus abschloss. Die in ihrem Studium gelernten unterschiedlichen Techniken für wahrhaftige Berichte einer Journalistin und für literarischen Ausdruck wendet sie nun auf dem Leo an. Es entstehen Texte, die irgendwo zwischen Journalismus und kreativer Schreibkunst angesiedelt sind.

Dass sie über und mit den Menschen vom Leo schreiben darf, verdankt sie dem Programm „Artist Residencies“. Der Bezirk hat Künstler um Projekte gebeten, die den Leopoldplatz kulturell beleben. Dafür nutzt der Bezirk Geld, das beim Sicherheitsgipfel im September 2023 reserviert wurde. Sechs Residenzen (Förderungen) mit Beträgen zwischen 4000 und 15.000 Euro hat das Bezirksamt nun im Herbst vergeben.

Zu den geförderten Kunstprojekten gehört zum Beispiel der Nudeltausch (Nudelbar500). Hier hat Urbanist Silvan Hagenbrock mit dem Kollektiv Lingsanling030 an zwei Wochenenden im Dezember 500 Nudelsuppen kostenlos verteilt. Beinahe kostenlos. Denn auch er wollte im Austausch Geschichten einsammeln. Um Geschichten ging es auch den Podcast Leografien. Unübersehbar ist: Nachdem in den letzten Jahren viel in der allgemeinen Draufsicht über den Platz diskutiert wurde, finden jetzt die Einzelsichten konkreter Menschen Interesse.

Erzähl Deine Geschichte – Lesungen

Die Geschichten von Eva-Lena Lörzer wurden teilweise als Instagram-Adventskalender veröffentlicht. Bei einer Lesung trägt die Autorin diese und weitere dem interessierten Publikum vor. Die erste Lesung ist am Donnerstag, dem 23. Januar um 18 Uhr in der Schiller-Bibliothek. Die zweite Lesung ist am Samstag, dem 25. Januar um 16 Uhr im Gemeindehaus der Nazareth-Kirchgemeinde.

Erzähl Deine Geschichte – zum Weiterlesen

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