Gutes Wedding, schlechtes Wedding: Warum die Theater-Sitcom gut ist

Was braucht es für einen richtig tollen und witzigen Abend? Das ist eine Frage, die man sich als Theaterkritikerin beim Besuch einer Folge der Theater-Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ im Prime Time Theater automatisch stellt. Braucht es eine gute Geschichte, gute Schauspielerinnen und Schauspieler, ein gutes Bühnenbild, ganz viel Lokalkolorit, treue Fans? Was ist das Geheimnis, das die Menschen seit vielen Jahren immer wieder in das kleine Theater in der noch viel kleineren Weddinger Burgsdorfstraße führt und sie dort für einen Abend die Welt vergessen lässt? Hier ist der Versuch einer Antwort im Angesicht der Folge 135 „Absturz mit Folgen“.

Eine Szene der Folge 135 der Theater-Soap. Foto. Hensel
Eine Szene der Folge 135 der Theater-Soap. Foto. Hensel

Die gute Geschichte

Kann sich noch jemand an Folge 84 erinnern? Oder an Folge 3, Folge 27 oder Folge 123? Vermutlich kann niemand, vielleicht bis auf den künstlerischen Theaterleiter Oliver Tautorat, sagen, was in diesen Episoden inhaltlich passiert ist. Vielleicht war irgendwas im Döner-Imbiss los, irgendwer hat sich heimlich in irgendwen verliebt, vielleicht gab es Stress in der Yoga-Gruppe. Wer weiß das schon! Kurz gesagt: Die Geschichte ist nicht das Wichtigste in diesem Theater. Es gibt natürlich eine, aber sie ist sehr langsam erzählt, homoöpathisch sozusagen, und sie ist mehr eine Klammer, die die Szenen von Folge zu Folge lose verbindet. Das Gute daran ist, dass der Zuschauer jederzeit in die Geschichte einsteigen kann, auch erst in Folge 135.

Den Inhalt der einzelnen Folgen der Theater-Sitcom aus dem Wedding wiederzugeben, ist nicht leicht. Es passiert viel, doch was passiert im Kern? Bei Folge 135 reagiert das Ensemble im Wesentlichen auf einen Flugzeugabsturz, in den einige Bekannte, Freunde und Familienmitglieder involviert sind. Außerdem tritt ein Pfarrer aus der Uckermark auf, der Berlin für einen Sündenpfuhl hält. Anders seine Tochter: sie möchte unsbedingt in die Hauptstadt, um bei der Buchmesse im Wedding ihren Lieblingsautoren zu treffen. Mit dabei ist ein altbekannter Döner-Imbiss-Betreiber, ein Männer-Coach im Strickpulli, eine Detektiv-Praktikantin, der Ex-Scotland-Yard-Mann James Worthingbottom und ein Nerd namens Kevin. Die Figuren prallen in verschiedenen Szenen aufeinander. Es wirkt alles wie Improtheater. Allerdings ohne Improvisation.

Das gute Bühnenbild

Wer länger nicht bei „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ war, wird Unterschiede bemerken. Es gibt mehr Einspieler, mehr vorproduzierte Videoeinblendungen als früher. Es gibt eine Art Nachrichtensendung (Wedding TV). Und es gibt auf der kleinen Bühne ganz klassische Szenen. Sofas und Tische werden hereingerollt, auf der Videoleinwand erscheint die digitale Kulisse. Aus der Dachwohnung wird so schnell der Döner-Imbiss, das hippe Sharing-Appartment oder die Detektei. Alles erinnert an eine Art heutige und digitalisierte Variante von Willy Millowitschs Volkstheater. Nur in lustig.

Gute Schauspieler

Bei „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ treffen Charaktere aufeinander, die in einen Strudel von Ereignissen fallen. Es sind sehr schrille Charaktere, charmant und einfach zum Liebhaben. Die Theater-Sitcom ist wie eine große Karaoke-Verkleidungs-Party. Perücken, Kostüme, Dialekte und Requisiten wechseln in Windeseile. Dass sich am Ende nur fünf Darstellerinnen und Darsteller vor dem Publikum zum Abschlussapplaus verbeugen, kann man kaum glauben. Die einzelnen Schauspieler füllen ihre Rollen wirklich gut aus. Zu Recht gibt es ganz eigene Fangemeinden für Oliver Tautorat, für Susanna Karina Bauer, für Daniel Zimmermann, für Ryan Wichert und für Noémi Dabrowski. Nach dem turbulenten Stück ist es manchmal schwer, zu entscheiden, wer da wohl welche Perücke auf hatte und wer in diese oder jene Rolle geschlüpft ist. Gute Schauspielerinnen und Schauspieler sind es aber auf jeden Fall, die da auf der Bühne im Prime Time Theater stehen.

Das Prime Time Theater in der Burgsdorfstraße von außen. Foto: Hensel
Das Prime Time Theater in der Burgsdorfstraße von außen. Foto: Hensel

Lokalkolorit: Hallo Wedding!

Das Prime Time Theater gibt es nun schon seit über 20 Jahren. Wenn ein Theater so lange an einer Geschichte weiterschreibt, ändern sich automatisch die Zeiten drumherum. Und die Sehgewohnheiten. Und der Wedding. Früher war mehr Lokalpatriotismus in der Theater-Sitcom und viel mehr Wedding-gegen-Prenzlberg. Veganer gegen Döner-Imbiss. Gutherzige Weddinger Proleten gegen Menschen von der anderen Seite der Welt, die andere ungefragt und sehr tief fühlen. All das gibt es auch in Folge 135 noch, aber deutlich dezenter als früher, wohldosierter. Dafür gibt es Einspieler aus der Müllerstraße oder vom Bahnhof Wedding, oder Clips über das leerstehende Karstadt am Leopoldplatz, in dem sich Straußenfarm und Buchmesse tummeln. Damit beweist „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, dass sein Herz noch immer im Wedding schlägt. Aber es reitet die Klischees nicht tot. Das ist gut gelungen.

Applaus für die Vorstellung! Foto: Hensel
Applaus für die Vorstellung! Foto: Hensel

Treue Fans

Bei der Vorstellung am Donnerstag (6.2.) blieb kaum ein Platz leer im Prime Time Theater. Bei der Frage vor Vorstellungsbeginn, wer zum ersten Mal da ist, hob sich kaum eine Hand. Die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer kommen immer wieder. Sie kennen und lieben die turbulente Theater-Sitcom und die seit Jahren gepflegten Traditionen wie das Prinzip Schöneberg, den gelebten Akkusativ oder den stetigen Hinweis auf die vielleicht wichtigste Sache der Welt, den Humor. Sie wird es sicherlich freuen, dass das Theater nun wieder dazu übergangen ist, alle sechs Wochen eine neue Folge von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ auf die Bühne zu bringen. Folge 135 „Absturz mit Folgen“ läuft noch bis 8. März, am 14. März hat schon die nächste Folge Premiere. Der eine oder andere Fan wird dafür sicherlich schon eine Karte gekauft haben.

Spaß muss sein: Brunnenmagazin-Autorin Dominique Hensel mit dem Ensemble des Prime Time Theaters. Foto: Schnell
Spaß muss sein: Brunnenmagazin-Autorin Dominique Hensel mit dem Ensemble des Prime Time Theaters. Foto: Schnell

Organisatorisches

Die Folge 135 „Absturz mit Folgen“ läuft noch bis 8. März im Prime Time Theater in der Burgsdorfstraße. Termine und Tickets gibt es im Online-Shop. Die nächsten Folgen sind schon in Sicht: Folge 136 „Bis dass der Clan Euch scheidet“ hat am 14. März um 20.15 Uhr Premiere. Folge 137 (Name noch nicht veröffentlicht) hat am 23. Mai um 20.15 Uhr Premiere.

📍 Kiez: ,

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen