Hans und Hilde Coppi: Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Meinung machen oder Meinung ermöglichen? Nicht nur Zeitungsmacher auch Geschichtsschreiber stehen vor dieser Frage. Historiker Hans Coppi jr. hat das Leben seiner berühmten Eltern, die Widerstandskämpfer Hans und Hilde Coppi, erforscht. Entstanden ist in der Reihe Wedding-Bücher der Band „Annäherung an meine Eltern. Hans und Hilde Coppi“. Ein lesenswertes Buch für alle, die noch Fakten mögen.

Das Buch über Hans und Hilde Coppi. Im Hintergrund sind weitere Bücher aus der Wedding-Bücher zu sehen. Foto: Hensel
Das Buch über Hans und Hilde Coppi. Im Hintergrund sind weitere Bücher aus der Wedding-Bücher zu sehen. Foto: Hensel

Solange es Geschichtsschreibung gibt, gibt es Geschichte als Erzählung, wie es wirklich gewesen ist und Geschichte als Erzählung, wie sie Interessen entspricht. Das gilt auch für die Widerstandskämpfer Hans und Hilde Coppi. Die DDR hat sie heroisiert, die alte Bundesrepublik herabgewürdigt. Der Sohn der beiden Coppis hat über Jahrzehnte die Biographie seiner Eltern erforscht, um ein Bild von ihnen zu zeichnen, das den Tatsachen folgt und nicht Absichten illustriert.

Ein Buch gegen Legenden

„Annäherung an meine Eltern. Hans und Hilde Coppi“, heißt das Buch, das Vorträge von Hans Coppi jr. in einen durchgehenden Text bringt. Es ist der 12. Band der verdienstvollen Reihe Weddinger-Bücher im Verlag Walter Frey. Darin beschreibt der Autor anhand von Belegen und Akten, was sich nachzeichnen lässt.

Im Fall seiner Mutter Hilde Coppi ist es manchmal wenig. Das ist ein Glück für Romanautoren und Filmemacher, die in einer solchen Situation mit Filmen wie „In Liebe, eure Hilde“ viel sagen können, ohne dass es sich widerlegen lässt. Das ist ein Pech für alle, die wissen wollen, was sich anhand der Quellen rekonstruieren lässt.

Zwischen Heroisierung und Herabwürdigung

Zu wissen, wie es wirklich war, ist im Fall der Coppis wichtig. Denn nach dem Krieg gab es in der alten Bundesrepublik Bestrebungen, den Widerstand des Ehepaars als Verrat darzustellen. Und in der DDR gab es den Wunsch, die beiden als Helden und Vorbilder zu stilisieren.

Die Realität ist an manchen Stellen bescheiden, weniger heroisch als man sich es sich vielleicht vorstellt. So scheiterte Hans Coppis Versuch, geheime Nachrichten in die Sowjetunion zu funken, an mangelndem technischen Know-how. Unterm Strich bestand der Widerstand aus dem Verteilen von Flugblättern und aus Netzwerkarbeit. Für das NS-Regime bereits zu viel. Die Coppis wurden als Teil der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ 1942 und 1943 in Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet.

Briefe aus der Haft

Wer als Geschichtsschreiber Dokumente befragt, dem fehlen oft die Zwischenräume. Will er nichts erfinden, muss er die Leerstellen akzeptieren. Das können die Leser des Buches nachempfinden. Denn ein wichtiger Teil des Buches sind Briefe, die Hans und Hilde Coppi in der Haft geschrieben haben. Es sind 40 Seiten, die einerseits einen Blick in persönliche Grüße erlauben, andererseits aber vieles aussparen. Offensichtlich wollten die Schreiber eben nicht die Herzen der Mütter, Schwiegereltern und der Ehefrau mit klaren Worten schwer machen. Nur notgedrungen, wenn es zum Beispiel um die Frage des Vormunds für das in Haft geborene Kind geht, wird das nahende Todesurteil berührt.

Jugendjahre im Wedding

Über Hans Coppi gibt es mehr Dokumente als über seine Frau. So kann Hans Coppi jr. das Leben seines Vaters mit Schulbesuch in der Böttgerstraße und am Lessing-Gymnasium schildern. Auch über den Besuch der Schulfarm Scharfenberg, die als Reformschule bedeutend war, lässt sich vieles belegen. Zum Beispiel wie Hans Coppi hier als Heranwachsender die Gruppe „Rote Pfadfinder“ gründete. Ein Engagement, das von der Schule trotz ihrer fortschrittlichen Ausrichtung nicht gefördert wurde, weil sie Politik aus dem Schulleben heraushalten wollte. Auch wie Hans Coppi Anschluss an das Netzwerk der Widerstandskämpfer um Harro Schulze-Boysen fand, lässt sich anhand von Fakten erzählen.

Der Historiker als Sohn

Der Autor Hans Coppi jr. wurde erst spät Historiker. In der DDR arbeitete der Ökonom als Direktor im Außenhandelsbetrieb Werkzeugmaschinen und Werkzeuge. Noch vor dem Ende der DDR wechselte er nach einem einjährigen Studium in Moskau zur Forschungsstelle Harnack/Schulze-Boysen an der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1992, im Alter von 50 Jahren, promovierte er an der TU Berlin mit einer biographischen Studie zu Harro Schulze-Boysen.

Ein lesenswerter Band der Wedding-Bücher

Das Buch „Annäherung an meine Eltern. Hans und Hilde Coppi“ in der Reihe Wedding-Bücher enthält ein Vorwort vom langjährigen Leiter der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“ Johannes Tuchel und eine Einleitung der Herausgeberin Geertje Andreesen. Es ist im Verlag Walter Frey erschienen und kostet 17 Euro.

Lesung im Mitte Museum

Das Mitte Museum in der Pankstraße 47 lädt am Donnertag, den 18. Juni, zu einer Buchvorstellung ein. Ab 19 Uhr sprechen Dr. Geertje Andresen und Markus Tervooren über die Widerstandskämpfer und den Buchautoren. Im Anschluss liest die Berliner Schauspielerin Ruth Reinecke aus den Gefängnisbriefen Hans und Hilde Coppis. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.

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Kommentar

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Juten Morjen

    mir gefällt gleich zu beginn des Artikels die Bemerkung…. für alle, die noch Fakten mögen.
    Seit einiger Zeit wollen viele keine Fakten mehr hören

    Gruß

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