Was bedeutet es, sich an einem Ort willkommen zu fühlen? Nach 15 Jahren im Berliner Brunnenviertel ist Evelyne Leandro nach Osnabrück gezogen. In ihrem persönlichen Beitrag beschreibt sie, wie kleine Gesten das Ankommen erleichtern können. Mit dem Thema Integration beschäftigt sie sich auch in ihrem gerade erschienenen Buch.

Nach 15 Jahren im Brunnenviertel zog ich im März 2025 nach Osnabrück. Als frisch Zugezogene musste ich mich neu integrieren. Neue Stadt, neue Nachbarschaft, neuer Arbeitsplatz.
Ankommen in einer neuen Stadt
In meinem Berliner Kiez habe ich ehrenamtlich beim Brunnenviertel e.V. gearbeitet, schrieb in der Bürgerredaktion und besuchte viele Kiez-Veranstaltungen. So konnte ich meine Nachbarschaft besser kennenlernen und verstehen, wie die unterschiedlichen Menschen leben.
In Osnabrück habe ich Spaziergänge gemacht, Veranstaltungen besucht und mich beim Sport angemeldet, um mich heimischer zu fühlen. Hier fiel mir auf, dass mich niemand gefragt hat, woher ich ursprünglich komme – oder woher mein Akzent stammt. Es war, als hätte ich schon immer dazugehört.
Integration ist keine Einbahnstraße. Meine Beobachtungen zeigen, dass manchmal schon kleine Gesten einen großen Schritt nach vorn bedeuten – für alle.
Ein Lächeln in der Drogerie
Unterwegs beobachtete ich eine Frau, die in einer Drogerie eine Verkäuferin ansprach und sie mit gebrochenem Deutsch um Hilfe bat. Die Verkäuferin unterbrach ihre Arbeit und half der Frau mit einem Lächeln im Gesicht.
Wo liegt hier die Integration? In dem Gefühl, das die Verkäuferin vermittelte, als sie die Frau freundlich bediente: dass diese das Recht hat, dort zu sein. Dass sie unabhängig davon, wie gut sie Deutsch spricht, freundlich behandelt wird. Viele Menschen verlieren den Mut, Deutsch zu sprechen, weil sie bei ihren Versuchen schlechte Erfahrungen machen.
Wenn der Busfahrer wartet
Ich beobachtete eine ältere Frau, die mit ihrem Rollator in einen Bus einstieg. Der Busfahrer wartete mit der Abfahrt, bis sie einen Platz gefunden hatte. Er fragte: „Sind Sie sicher auf Ihrem Platz?“
Das hat nur eine Minute gedauert. Aber diese Minute war wichtig, damit die Frau sicher mitfahren konnte. Höflichkeit und Rücksichtnahme gehören für mich ebenfalls zur Integration. Denn es geht auch darum, allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Wenn man an einem Ort lebt, an dem man als Teil des Ganzen wahrgenommen wird, fällt es leichter, sich zu integrieren. So muss man nicht darum kämpfen, sondern wird ganz selbstverständlich aufgenommen. So habe ich mich gefühlt, als ich im Brunnenviertel lebte. Und so fühle ich mich jetzt auch in Osnabrück.
Es kann doch einfach sein.
Zum Weiterlesen: Bereits 2024 blickte Evelyne Leandro im Brunnenmagazin auf ihre Zeit im Kiez zurück. In ihrem Beitrag „Evelyne Leandro sagt: Tschüss“ erzählt sie von ihren Erfahrungen im Brunnenviertel.
Mehr zum Thema: Das neue Buch von Evelyne Leandro
In ihrem gerade erschienenen Buch „Sob a luz do Farol“ (deutsch: „Im Licht des Leuchtturms“) beschäftigt sich Evelyne Leandro ausführlicher mit Integration und Sichtbarkeit in Deutschland. Sie gibt Anregungen, wie Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können, ohne dabei ihre eigene Geschichte und Identität aufzugeben.
Das Buch ist auf Portugiesisch erschienen. Die digitale Ausgabe kann über die Website der Autorin sowie über die Online-Plattform Amazon bestellt werden. Evelyne Leandro bietet außerdem Lesungen an. Informationen dazu gibt es direkt bei ihr auf Instagram unter @programafarolando und @evelyneleandro.de.
Der persönliche Beitrag von Evelyne Leandro erschien zuerst im gedruckten Kiezmagazin und wurde für die Onlineveröffentlichung leicht bearbeitet und um die Buchveröffentlichung ergänzt.

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