Alte Bücher auf Wiedervorlage: Heute geht es hier um Evelyne Leandros „Ausgesetzt. Oder: Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit“. Das Tagebuch erschien im Dezember 2014. Heute, beim zweiten Lesen zehn Jahre später, ist weniger die seltene Krankheit der Autorin interessant als vielmehr das Drumherum.

Lepra – ein Wort, das im Gehirn sofort Vorurteile, tiefe Ängste und Blockade auslöst. Ganz anders das Wort „Hansenkrankheit“. Neugier und Offenheit ist geweckt: Was ist das für eine Krankheit? Wie kann man die heilen? Wie kann man vorbeugen? Solche Fragen kommen bei diesem Wort in den Kopf.
Diagnose Lepra
Vor zehn Jahren, als Evelyne Leandro ihr Tagebuch „Ausgesetzt“ über ihre eigene Krankengeschichte im Eigenverlag herausbrachte, drehte sich für sie alles um Lepra. „Eine Krankheit, die man in Europa längst vergessen hat, die man in seinem Bewusstsein mit der Pest und der Cholera ins Mittelalter oder mit Ebola und Malaria in unzivilisierte Welten verdrängt hat“, heißt in der Buchbeschreibung bei Amazon. Deshalb hat die Autorin auch als Anhang drei Seiten über die Krankheit beigefügt.
Lepra ist ein Wort, das erst seit zweihundert Jahren im deutschen Sprachraum allgemein gebräuchlich ist. Vorher wurde die Krankheit eher „Aussatz“ genannt. Aber nicht, weil Aussatz klingt wie Ausschlag, sondern weil die Erkrankten buchstäblich ausgesetzt wurden, von der Gesellschaft abgesondert wurden, aussortiert wurden.
Damals war das Tagebuch auch als ein Kampf Evelyne Leandros zu verstehen, sich von der Krankheit nicht an den Rand drängen zu lassen. Das Tagebuch beschreibt den Weg zur Diagnose, das Ringen, zur alten Stärke zurückzufinden. Als starke Frau hat sich Evelyne Leandro vor der Krankheit selbst beschrieben. Als eine Person, die Herausforderungen anpackt, die sich in der Gesellschaft hocharbeitet. Die Länder wechselt und die damit verbundenen Anforderungen meistert, die sich nicht unterkriegen lässt. „Von Anbeginn wollte ich nicht zulassen, dass diese Krankheit mein Leben zerstört oder mich daran hindert, das zu erreichen, was ich erreichen will“, ist einer der ersten Sätze im Buch.
Vor zehn Jahren las sich das Buch wie eine Hilfe zur Selbsthilfe. Evelyne Leandro ist mit dem Buch auf Tour gewesen, hat Lesungen veranstaltet, extra eine mittlerweile abgeschaltete Webseite angelegt. Sie hat das Buch sogar ins Englische übersetzt (oder übersetzen lassen).
Und heute?

Das Drumherum – zum Beispiel Hinfallen
Beim zweiten Lesen, wenn im Leser die Unwissenheit um die Krankheit fort ist, wenn in Kindertagen gelernte Kurzsätze durch umfangreichere Kenntnisse ersetzt sind, dann interessieren an dem Tagebuch plötzlich andere Dinge.
So gibt „Ausgesetzt“ einen tiefen psychologischen Einblick in erkrankte Menschen. Man wünscht sich, alle Medizinstudenten sollten dieses Buch (oder ein vergleichbares) lesen, um zu verstehen, wie sich Krankenhaus anfühlt, wenn man nicht der Arzt ist. Auf über 200 Seiten kann nachempfunden werden, was ein lapidarer Stichpunkt bedeutet: „Nebenwirkung des Mittels kann eine Depression sein“.
Auch wer nicht Medizin studiert, kann in dem Buch etwas Spannendes finden. Denn eigentlich ist die Krankheit austauschbar. Worum es in „Ausgesetzt“ geht, ist der Umgang mit Rückschlägen. Wer kennt nicht Managerweisheiten wie „Hinfallen kann jeder, es kommt darauf an, wieder aufzustehen“. Leicht gesagt und doch schwer getan.


Enttäuschungen und Rückschläge
Die Krankengeschichte, die Evelyne Leandro festhält, ist eine andauernde Wiederholung von Enttäuschungen, Rückschlägen und Niederlagen. Jahrelang hat sie mit allwissenden und wenig redenden Ärzten, mit Nebenwirkungen von Medikamenten und mit körperlichen Schmerzen zu tun. Weil es ein Tagebuch ist, ein authentisches zudem, spürt man beim Lesen, dass es jederzeit möglich ist, dass die Patientin aufgibt, sich hängen lässt und ihre Träume an den Nagel hängt. Das Leben ist eben keine sich entfaltende Romanidee. Im Leben ist das Ende des Buches offen. Und das ist beim Lesen der Erinnerungen zu spüren.
Dabei – und das ist das Besondere – stellt sich Evelyne Leandro nicht als Heldin dar. Sie traut sich, über ihre Tränen zu schreiben. „Wieder lange geheult“ nennt sie diese Zeiten der Schwäche. Das liest sich erstaunlich, weil der aktuelle Zeitgeist gnadenlos verlangt, keine Schwäche zu zeigen. Wenn derzeit zum Beispiel über Scheitern diskutiert wird, dann immer als Trick, um unauffällig über Erfolge reden zu können. Selbst beim Sport schaut das Fernsehen auf Tadej Pogačar und wie er sich fühlt, wenn er gewinnt; aber nicht ins Bild rückt, wie sich die 183 anderen Radler fühlen, die umsonst trainiert haben.
Wie sehr die Leute den Umgang mit Gefühlen verlernt haben, die zwangsläufig kommen, wenn man sich klein, schwach und ohnmächtig fühlt, zeigt der Aufstieg des Rechtspopulismus. Die Radikalen verwerten genau dieses Tabu, Gefühle beim Hinfallen darzustellen. Deshalb ist Evelyne Leandros Buch „Ausgesetzt“ weiterhin lesenswert.

Das Buch bestellen
Das Taschenbuch hat 228 Seiten und kostet 14,95 Euro. Es ist im Online-Buchhandel verfügbar und über die ISBN-Nummer in allen Buchläden bestellbar (ISBN-10 : 3734736579, ISBN-13: 978-3734736575).
Über die Autorin
Evelyne Leandro ist 1981 in Brasilien geboren, lebte von 2010 bis 2024 im Brunnenviertel, wo sie das Buch auch geschrieben hat. Heute arbeitet sie als Integrationsmanagerin bei der Diakonie in Osnabrück (Vom Wedding nach Osnabrück). In ihrem Tagebuch flechtet sie viele Erinnerungen aus ihrer Kindheit, Jugend und dem Leben als junge Erwachsene in Brasilien ein. In Berlin hat sie sich stark gesellschaftlich engagiert. So hat sie zum Beispiel beim Brunnenviertel e.V. die Wissensbörse organisiert, war Mitglied der Bürgerredaktion im Brunnenviertel. Schließlich hat siel den Verein Janainas e.V. mitgegründet, der brasilianische Frauen in Deutschland empowert und beim Ankommen unterstützt. Zuletzt war sie Stadtteilkoordinatorin im Brunnenviertel.
Evelyne Leandros Webseite: www.evelyne-leandro.de

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