Joggen mit Andacht: Schweinehunde und harte Kerne

Als Corona begann, entstand im Kiez ein neues Format, das Bewegung und Religion verbindet. Jeden Mittwochabend kommen seitdem Menschen im Humboldthain zum „Joggen mit Andacht“ zusammen.

Mein innerer Schweinehund spricht zu mir, nein, er bellt mich an: WARUM? Ja, warum eigentlich? Warum jogge ich bei minus zwei Grad abends allein im Dunkeln durch den Humboldthain? Weil ich mich auf die gemeinsame Zeit gleich vor der Kirche freue und es mir am Ende immer gut tut, dabei gewesen zu sein.

Aufwärmen auf der roten Brücke im Humboldthain, gleich geht es los mit dem Joggen. Foto: Evangelische Kirchengemeinde am Humboldthain

Es ist ein Mittwochabend, und ich nehme teil an dem von Robert Weber im vergangenen Sommer ins Leben gerufenen Projekt Joggen mit Andacht. Er schrieb mir im Juli 2020 eine Mail mit der Idee, Joggen und Kirche/Glauben zu kombinieren. Der Corona-Zeit, in der so vieles nicht mehr stattfinden darf, wolle er etwas entgegensetzen. Er schrieb auch, dass viele seiner Freunde die Idee blöd fänden. Ich antwortete, dass ich auf alle Fälle dabei sein werde, und er sich neue Freunde suchen soll.

Und so laufen wir nun schon seit vielen Monaten jeden Mittwochabend unsere zwei oder drei Runden durch den Humboldthain. Ok, manche walken, andere radeln. Es ist noch kein einziges Mal ausgefallen, egal wie die Wetterbedingungen waren. Ich bin mächtig stolz auf uns! Anfangs, als die Temperaturen höher und die Abende hell waren, fanden sich zehn bis 15 Personen vor der Kirche an der Gustav-Meyer-Allee ein. Im Winter bildete sich ein harter Kern von vier bis sieben Teilnehmenden heraus. Es ist also noch Luft nach oben, und wir freuen uns sehr auf alle, die es einmal ausprobieren wollen.

… und später folgt die Andacht vor der Himmelfahrtkirche. Foto: Evangelische Kirchengemeinde am Humboldthain

Wir joggen auf Abstand, jede und jeder mit seinem oder ihrem eigenen Tempo. Start ist um 19.30 Uhr vor der Himmelfahrtkirche, wo wir uns auch alle wieder um 20.15 Uhr zur gemeinsamen Andacht – auch wieder auf Abstand – zusammenfinden. Mal wird die Andacht von einem Pfarrer gehalten, mal kommen die Gebete, Textbeiträge, Lieder, Impulse aus unseren Reihen. Wir teilen unsere Gedanken, wir diskutieren, wir beten, wir schweigen. Alles kann, nichts muss. Ich denke, dass uns allen diese gemeinsame Zeit gut tut, und uns die Stimmung des Abends noch etwas durch den Corona-Alltag trägt. Auch wenn es COVID-19 irgendwann nicht mehr geben sollte, wollen wir JmA, wie wir Insider Joggen mit Andacht liebevoll abkürzen, beibehalten.

Mein Schweinehund meldet sich auch wieder. Ich bin auf meiner dritten und letzten Runde bei dem kurzen Anstieg gleich nach dem Schwimmbad, und ich keuche und kämpfe. Oh Mann, warum tue ich mir das nur an? Weil ich es kann :-)

Text: Hannah Engels, Fotos: Evangelische Kirchengemeinde am Humboldthain

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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Der Kiez hinter dem Blätterdach“ enthalten, das im Mai 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge aus dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Der Kiez hinter dem Blätterdach“ gesammelt und verlinkt.

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