Keine Feier ohne Meyer

Keine Feier ohne Meyer: So hieß der Werbeslogan einer erfolgreichen Lebensmittelkette. Hermann Meyer war Mitgründer der Wein- und Spirituosen Aktiengesellschaft mit 250 Geschäften in Berlin und rund 150 Verkaufsstellen im Umland. Ralf Schmiedecke forschte auch im Brunnenviertel zur Firmengeschichte.

Hermann Meyer und das Logo des Supermarkts. Grafik: Katrin Merle
Hermann Meyer und das Logo des Supermarkts. Grafik: Katrin Merle

Es begann mit einer Spiritusbrennerei

Auf halbem Weg zwischen Berlin und Warschau wurde Hermann Meyer am 12. Januar 1846 in der preußischen Stadt Posen an der Warthe, seit 1920 polnisch Poznań, geboren. Mit Anfang 20 kam er nach Berlin und betrieb eine Getreidehandlung in der Oranienburger Straße 23 nahe Krausnickstraße, später auch mit Bankgeschäft. Mit seinem Schwager Max Warschauer sowie Louis Licht gründete er am 29. Januar 1890 die Firma „Meyer & Co. KG“ mit Spiritusbrennerei.

Statt den Getreidesprit nur als Brennstoff oder zu Farben zu verarbeiten, destillierte man bevorzugt hochgeistige Getränke daraus. Um 1900 kam in der Deutschen Reichshauptstadt Berlin auf 25 Familien eine Kneipe. Überall bekam man billigen Fusel. Der jüdische Geschäftsmann, mosaisch mit seiner Frau Rosa (1860–1933) verbunden, erkannte seine Chance und produzierte eine Vielzahl von hochwertigen Spirituosen: Liköre, Schnäpse, Weinbrände sowie einheimische, südländische und palästinensische Weine, wie Santa Rosa und Nervus Rerum Gesundheitsbitterlikör. An verschiedenen Standorten in Berlin wurde produziert.

Auch in der Usedomer Straße wurde produziert

1892 bezog man für die Destillatherstellungen und -abfüllungen und die Hauptverwaltung das Grundstück Usedomer Straße 7 zur Wattstraße 10–11 im Brunnenviertel. Die 1870 erbauten und 1883 stillgelegten großen Gewölbekeller des Vieh- und Schlachthofs wurden als Kühllagerräume genutzt. Ein heute noch vorhandenes großes Gewerbegebäude im Hof von Kurt Berndt entstand 1901–02.

Meyer führte soziale Leistungen ein

Als verantwortlicher Unternehmer schuf Hermann Meyer zusätzliche Fürsorgeleistungen, wie ein Arbeiterinnenheim im Vorderhaus, eine Unterstützungskasse zur staatlichen Rentenversicherung sowie ein Erholungsheim in Königs Wusterhausen mit Turngeräten und Badestelle. Diejenigen, die schon drei Jahre
festbeschäftigt waren, erhielten einen Urlaub von zehn Tagen mit fortgezahltem Lohn.

Durch eigene Pferdetransportwagen und später durch Kraftfahrzeuge belieferte man die rund 400 Filialen. Diese waren hauptsächlich von alleinstehenden Frauen mit Kindern oder Witwen selbstgeführt. Angrenzend stand meist eine kleine mietfreie Wohnung zur Verfügung. Es gab eine umsatzabhängige Provision und einen Festbezug von 30 Mark (kaufkraftbereinigt knapp 200 Euro) im Monat.

Es entstand ein Aktienunternehmen

Allen Geschäften gemein war das einheitliche Erscheinungsbild mit dem weißen Schriftzug „Weine Liköre Fruchtsäfte – Hermann Meyer“ auf rotem Blechschild. Man druckte Sammelbilder, gab Rabattmarken heraus und schuf 1922 das Logo der Meyer-Männchen mit zwei Likörgläsern. Ergänzt wurde das Sortiment durch weitere eigene Produkte aus einer Fruchtsaftpresserei und Weinkellerei, einer Marmeladen- und Konservenfabrik, einer Sukkade- und Marzipanrohmassen-Fabrik, der 1911 ersteigerten Abfüllstation der sächsischen Oppacher Mineralwasserquelle und einer Tabakfabrik. Besonderen Wert legte man auf eingängige Produktbezeichnungen, wie das Mineralwasser „Donnerwetter Tadellos“, die Zigarettenmarken „Junkertrotz“ und „Meyer´s Reform“. Die Brennerei und die Tochterunternehmen wurden 1907 in die Hermann Meyer & Co. Aktiengesellschaft überführt. Ressourcenschonend begann man bereits mit dem Verkauf von Obstkonserven in luftdichten Pfandgläsern mit wiederverschließbarem Bügelverschluss.

Alkoholboykott brachte Hermann Meyer Gegenwind

Besonderen Gegenwind erhielt das Unternehmen durch die sozialdemokratische Bewegung, die ein Alkoholboykott des „Teufelswassers“ in Deutschland forderte. Hier hieß es „Wer Schnaps trinkt, zahlt freiwillig Steuern, füllt Junkersäckel, ruiniert seinen Körper, zerstört seine Familie, verblödet seine Nachkommen, hilft Irrenhäuser zu füllen – Ein organisierter Arbeiter trinkt keinen Tropfen Schnaps!“. Hermann Meyer sah in seinen Produkten eher die positiven Wirkungen, wie Geselligkeit und Medizin.
Mit 67 Jahren starb Hermann Meyer am 12. Juli 1913 und fand auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee seine letzte Ruhestätte. Die weiteren Vorstände Max Simonsohn, Theodor Muhr, Martin Friedmann, Max Galliner und Isidor Stern führten das florierende Unternehmen weiter. Nach dem Ersten Weltkrieg expandierte es und nahm jetzt auch Waren anderer Hersteller ins Sortiment. Ab 1924 warb man mit dem Slogan „Keine Feier ohne Meyer“. Der Schriftzug mit dem markanten Ypsilon als stilisiertes Sektglas kennzeichnete die Einzelhandelskette, die jetzt Läden mit größerer Verkaufsfläche eröffnete.

Schon 1928 wird der „Trust Meyer“ in der Presse antisemitisch angegriffen. Obwohl in der NS-Zeit das Unternehmen bereits 1936 arisiert war, wurden in der Pogromnacht 1938 zahlreiche Schaufensterscheiben eingeworfen. Neuer Geschäftsführer der AG wurde Robert Melchert, dessen Namen die Lebensmittelkette von 1941 bis Oktober 1945 trug. Die Geschäfte in der sowjetischen Zone sind enteignet worden.

Im November 1943 wurden große Teile des Meyer-Geländes im Wedding zerstört. Der Wiederaufbau in der Watt- und Voltastraße mit Brennerei und Verwaltungsgebäude erfolgte 1955–57 durch Karl-Werner Kunkel vom Architekturbüro Paul Schwebes. Nachdem der Hauptsitz nach Reinickendorf verlegt wurde, gab man 1977 den alten Standort auf.

Hermann Meyer: Traditionsfirma bis 2004

Die erste Meyer-Selbstbedienungsfiliale wurde 1953 in der Steglitzer Schloßstraße eröffnet. 1959 wurde Meyer an den Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker verkauft. Am 15. Mai 1985 fusionierte man mit Butter Beck zur Firma Meyer Beck. Danach noch kurzzeitig als MeMa (Meyer Markt beziehungsweise Mein Markt) fortgeführt, verschwand Ende 2004 der Traditionsname Meyer aus dem Stadtbild.

Der zum Sprichwort gewordene Werbeslogan von Meyer wurde später vom Gesangsensemble Jacob Sisters (feat. Micky Meyer) und auch von Gottlieb Wendehals in humoristischen Feierhits wiederbelebt.

Meyer-Fahrradrennen Ackerstraße, 1962. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

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Dieser Beiträge ist auch im Kiezmagazin „Schaufenster in den Kiez“ enthalten, das im September 2024 erschienen ist. Weitere Texte aus dieser Ausgabe sind im Artikel „Neues Kiezmagazin: Ein Schaufenster in den Kiez“ gesammelt und verlinkt.

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