Würde künstliche Intelligenz den Gesundbrunnen wählen, um dort aufzuwachsen? Zumindest die menschliche Intelligenz hat ausgerechnet die Max-Urich-Straße im Brunnenviertel auserkoren, um dort mehrere Startups anzusiedeln, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Hilfestellung bei der Gründung gibt dort K.I.E.Z. – das Künstliche Intelligenz Entrepreneurship Zentrum. Nun kam der Regierende Bürgermeister Kai Wegner zu Besuch, um sich vielversprechende Startups anzuschauen.
Bürgermeister ist Unterstützer, Freund und Kunde der KI-Startups

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ist am Donnerstag (22.8.) als Unterstützer, Freund und ein klein wenig auch als Kunde in die Max Urich Straße 3 im Brunnenviertel gekommen. In dem vor drei Jahren fertiggestellten Bürohaus unweit der ehemaligen AEG sitzen in der Branche namhafte Computerfirmen wie Contentful, die sich eigene, exklusive Cafés in dem Gebäude leisten können. Aber auch kleinere Technologiefirmen haben hier ihren Geschäftssitz.
Als Unterstützer von Startups, die sprichwörtlich aus dem Nichts nur mit einer Idee ein Unternehmen gründen, präsentierte sich Kai Wegner, in dem er vom nötigen Kulturwandel spracht. Er bräuchte den nötigen politischen Willen, sagte er. Ziel müsse sein, Berlin als Startup-Metropole voranzubringen. „In Deutschland sind wir auf Platz eins, aber in Europa auf Platz acht. Berlin gehört als Startup-Stadt aber in europäische Top drei“, formuliert er als Ziel. Wiederholt weist er bei dem Vororttermin auf den Runden Tisch Künstliche Intelligenz am 9. Oktober im Roten Rathaus hin. „Dann wollen wir mit Ihnen ganz besprechen, was läuft gut, was hakt. Aber ganz konkret“, sagte er zu der Runde.
Im Rund um ihn herum standen unter anderen Laura Möller, die Direktorin des K.I.E.Z., Christoph Stresing, Geschäftsführer des Startup-Verbandes und Faruk Tuncer, Landessprecher der Bitkom Berlin-Brandenburg. Der Bitkom e. V. ist der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Berlin-Sprecher Frauk Tuncer ist mit Kai Wegner per Du. Ein Du, dass wie das Du eines Freundes klingt, zumindest wie das Du eines Geschäfts- oder Netzwerkfreundes. Wenn Faruk Tunder fordert, dass Berlin bei der Vergabe moderner werden muss und dass (nicht nur) für IT-Spezialisten die Visa-Erteilung beschleunigt werden muss, dann sagt die Körpersprache, dass er damit bei seinem Duz-Kontakt Kai Wegner Gehör finden könnte.
Das dürfte auch daran liegen, dass Kai Wegner bei dem Besuch der Startups nicht nur als der große Helfer kam, sondern auch als möglicher Kunde. „Wir müssen dahinkommen, KI in der Berliner Verwaltung einzusetzen, auch in Zeiten, in denen wir weniger Personal haben“, sagt er. Eigene KI-Tools entwickeln kann die öffentliche Hand nicht, die Startups jedoch schon. Bedeutet das, dass ein Startup eine sichere Bank wäre, wenn es eine App mit künstlicher Intelligenz ausstattet, um Bürgeramtsanliegen über das Handy abzuwickeln? So einfach scheint es nicht zu sein, denn Kai Wegner gibt zu, dass im öffentlichen Dienst durchaus auch kritische Stimmen existieren, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Verwaltung geht.
KI-Startups bei K.I.E.Z.

Ein Vorort-Termin ist für einen Politiker stets ein Gang über den Laufsteg. Es geht um Fotos, um symbolische Zeichen, um inszenierte Nahbarkeit. Aber auch die Gastgeber schreiten genau beobachtet über diesen Laufsteg; und auch sie versuchen sich ins rechte Licht zu setzen. Empfangen hat den Regierenden Bürgermeister Laura Möller, Direktorin des K.I.E.Z. – des Künstliche Intelligenz Entrepreneurship Zentrums. Um den Erfolg des K.I.E.Z. zu demonstrieren, lässt sie Kai Wegner zum Beispiel mit LipoCheck sprechen. Die Unternehmerinnen Helena Rapprich und Anina Langhans von LipCheck entwickeln gerade eine Medizin-App, die Frauen begleitet, die an Lipodöm (schmerzhafte Fettgewebsvermehrung) leiden.
Ein anderes Beispiel ist elephant. Das Startup entwickelt Software, mit der sich Firmenwissen vom Ingenieur zum Handwerker vor Ort transportieren lässt. Die eingesetzte KI bastelt dafür aus komplexen PDF-Anleitungen handliche, spielerisch nutzbare und leicht zugängliche Apps. Das Unternehmen exazyme nutzt KI, um in der Produktion eingesetzte Eiweiße effektiver zu machen. Philipp Markert erklärt dem Bürgermeister, dass die Software von elephant in zehn Minuten ein Eiweiß komponiert hat, dass fünfmal schneller arbeitet, als eines, dass vom Max-Planck-Institut in sechs Jahren entwickelt wurde. Das ist eine Geschichte, die hängen bleibt, Eindruck nicht nur beim Regierenden Bürgermeister macht und die den Vorteil von künstlicher Intelligenz unmissverständlich verdeutlicht. Eine Geschichte, perfekt für den Laufsteg.
K.I.E.Z. – alles andere als kiezig

Wer bei K.I.E.Z. an Kiez denkt, liegt beim Künstliche Intelligenz Entrepreneurship Zentrum meilenweit neben der Realität. In Wahrheit spielt K.I.E.Z. in der Bundesliga. In Deutschland gibt es vier Modellvorhaben, um Nachwuchsunternehmer beim Gründen von Startups, die Künstliche Intelligenz anwenden, zu helfen. Das Geld gibt das Wirtschaftsministerium und auch das Land Berlin steuert Geld bei. So kann K.I.E.Z. junge Wissenschaftler sechs Monate lang unterstützen während der Phase der Prüfung, ob aus einem Forschungsergebnis ein KI-Startup werden kann. Dann kann K.I.E.Z. bis zu ein Jahr lang in der Phase vom Businessplan bis zur Unternehmensgründung helfen. Und noch einmal ein halbes Jahr kann K.I.E.Z. zur Seite stehen, wenn das neue KI-Startup tatsächlich gegründet wurde. Seit dem Start am 1. April 2021 hat das Förderzentrum über 100 Startups unterstützt. 34 Unternehmen haben mittlerweile das komplette Programm von K.I.E.Z. durchlaufen.
Da K.I.E.Z. von den vier Gründungszentren der vier großen Berliner Universtitäten und der Charité getragen wird, steht vor allem die Gründung im Mittelpunkt. Das heißt, K.I.E.Z. hilft beim Schritt vom Hörsaal in die Welt der Wagniskapitalgeber, Investoren und Finanzierungsrunden. Allerdings gibt es in Deutschland wenig Anleger, die in schwer vorhersehbare Geschäftsmodelle wie Startups investieren. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland sieben Milliarden Euro Wagniskapital in junge Firmen angelegt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt wird in Großbritannien und in den USA deutlich mehr in Startups investiert. In der EU liegt bei dieser Meßzahl nicht nur Beispiel Frankreich vor Deutschland; die Bundesrepublik liegt im europäischen Mittel. Das zeigt das KfW-Venture Capital-Dashboard. Um die Lust am Aufbruch anzuspornen, auch dazu hat der Besuch des Regierenden Bürgermeisters bei den KI-Startups in der Max-Urich-Straße zumindest ein klein wenig beigetragen.

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