Kieztreff Kamine in der Prinzenallee

Steck viel Arbeit rein und bekomme im üblichen Sinne nichts raus (sprich: kein Geld). Ist das attraktiv? Das „Kamine“ in der Prinzenallee beweist: Genau das finden Menschen toll. Seit einem Jahr macht der Verein „Gemeinschaft, Kunst und Kultur im Soldiner Kiez“ Nachbarschaftsarbeit, indem er die Sache nicht als Arbeit angeht, sondern als Raum zur Selbstentfaltung. Ein Kieztreff nach dem Motto: Sei du selbst und bekomme viel zurück.

Von rechts: Maurizio Graubner, Carolin Vosswinkel und Alexander Freisslich und ein weiteres Mitglied. Foto: Andrei Schnell
Von rechts: Maurizio Graubner, Carolin Vosswinkel und Alexander Freisslich und ein weiteres Mitglied. Foto: Andrei Schnell

Carolin Vosswinkel vom neuen „Kamine und Wein“ ist noch immer überrascht: „Alle haben geholfen, das hatte etwas Magisches“. Wie aus dem Nichts haben sich beim Neustart des „Kamine und Wein“ vor einem Jahr immer mehr Nachbarn gefunden, um aus dem Ladengeschäft in der Prinzenallee 58 einen Kieztreff zu machen. Oder eine Art Wohnzimmer einer übergroßen WG. „Unser Grundsatz war und ist: Niemand verdient damit Geld“, sagt Carolin Vosswinkel. Dennoch oder gerade deswegen haben sich in kürzester Zeit 60 Menschen gefunden, die aktiv bei dem Projekt mitmachen und zum Beispiel unbezahlte Barschichten übernehmen wollten. Eine Telegram-Gruppe für aktive Mitglieder hat 130 Leser und eine Fanclub-Gruppe auf dem Nachrichtendienst hat 800 Leser.

Wiederbelebung als Kieztreff

Die Idee, den Raum wiederzubeleben und zu einem Kieztreff, also zu einem Ort für die Nachbarschaft zu machen, hatte unter anderen Maurizio Graubner. Er ist Vorsitzender des Vereins Gemeinschaft, Kunst und Kultur im Soldiner Kiez. Formal ist der Verein der Nutzer des Raums. In den Vordergrund drängen will sich Maurizio Graubner aber nicht.

Der Treff soll ein Gemeinschaftswerk sein und zu einem Ort werden, der für jeden seine eigene Bedeutung hat. Für Carolin Vosswinkel ist das „Kamine“ ein Ort, an dem sie sich verwirklichen kann, es gehe um Gestaltungspotential und Zugehörigkeit. Für Alexander Freisslich ist es die von ihm eingerichtete Werkstatt, die ihn wie ein Magnet in seiner Freizeit in die Prinzenallee zieht. „Hier gibt es immer etwas zu bauen“, sagt er. Und das klingt kein wenig bedauernd, eher im Gegenteil. Wer im Kieztreff Kamine vorbeischaut, hat den Eindruck, hier finden sich junge Menschen um die 30 zusammen. Doch die Mitglieder wollen das so nicht stehen lassen, sagen die acht Gründer und die heute aktiven Mitglieder des Vereins seien zwischen 24 und 67 Jahre alt.

Am Anfang, vor einem Jahr, fing alles an mit einem regelmäßigen offenen Freitag. Weil das Interesse groß war („es war plötzlich immer voll“, so Carolin Vosswinkel), kam sehr schnell der offene Dienstag hinzu. Alexander Freisslich hatte beim Start noch gedacht, er mache bei einer Bar mit. Erst später habe er verstanden, dass es um viel mehr geht. Magisch angezogen hat nicht wenige Nachbarn der riesige Keller, für den sofort Ideen aufkamen und sich anpackende Hände fanden: Werkstatt, Töpferei, Tonstudio. Die Ausstattung der Arbeitsräume wurde dem Verein teilweise geschenkt, teilweise nutzten sie Fördergeld und nicht zuletzt finanziert die Bar das eine oder andere neue Gerät.

Kamine und Wein: Kein Geld für niemand

Das Konzept für „Alle für eine Sache“ und „Kein Geld für niemand“ hat vor kurzem die Jury des Deutschen Nachbarschaftspreises der Nebenan.de-Stiftung überzeugt. Landessieger geworden zu sein, sei auch nach innen in den Verein wichtig, sagen die engagierten Mitglieder. Es sei auch eine Wertschätzung für die aktiven Mitglieder in dem Sinne, dass der Preis für eine Einordnung sorge. Er zeige, dass der Ort alles andere als selbstverständlich sei und dass gesehen werde, dass hier etwas Besonderes geschehe. Für Carolin Vosswinkel hat die Gala der Preisverleihung gezeigt, wie viele andere gute Projekte es noch gebe. „Das war ein Abend lang das Gefühl, die Welt ist doch nicht so schlimm“. Und sie hofft, dass ihr Vorbild andere Menschen inspiriert, andernorts etwas Ähnliches zu starten.

Eine Adresse, verschiedene Konzepte

Das „Kamine“ gibt es schon seit rund zwei Jahrzehnten. Heiko Schmidt hatte in den Geschäftsräumen einst die Bar „Holz und Farbe“ gegründet. Der Name der Bar war eine Erinnerung an den Einzelhändler „Heimwerkermarkt“, den es dort gab. 2007 gründete Heiko Schmidt das „Kamine und Wein“. Der Titel war ernst gemeint. Verkauft wurden Weine und Kamine. Übrigens: Selbst wenn die Nachbarschaftsaktivisten ihren Ort in der Prinzenallee 58 umbenennen sollten: Der Wortteil Kamine wird erhalten bleiben, denn nach wie vor unterhält Händler Heiko Schmidt im Keller einen Showroom mit käuflich erwerbbaren Kaminen.

Alexander Freisslich und Carolin Vosswinkel in der Werkstatt. Foto: Andrei Schnell
Alexander Freisslich und Carolin Vosswinkel in der Werkstatt. Foto: Andrei Schnell

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Interessant ist dieser Blick zurück auf dem Blog des Soldiner Kiezkuriers auf die frühere Unternehmung in der Prinzenallee 58: Holz und Farbe – Ehemalige Holzläden arten zu Kunstkiezgeschichten. Hier geht es zur Webseite des Kieztreffs Kamine: kieztreff.org.

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