Kühne: Essig aus dem Brunnenviertel

Das in Berlin gegründete Unternehmen „Essig-Kühne“ gibt es bereits seit über 250 Jahren. Auch im Brunnenviertel war es knapp ein halbes Jahrhundert präsent. Ralf Schmiedecke berichtet.

Anno 1722 gründete Johann Daniel Epinius eine Essigbrauerei in Berlin. Nach seinem Ableben veräußerte die Witwe 1761 den Handwerksbetrieb an Daniel Teichert. Zwei Generationen weiter ging er an den Cousin Friedrich Wilhelm Kühne. Bereits 1795 zog die Essigfabrik in neue, größere und modernere Räumlichkeiten in die Alte Jakobstraße (später Berlin-Kreuzberg) um, wo sie für die nächsten 40 Produktionsjahre bestand.

Heutiges Produktetikett mit Logo der Firma Carl Kühne KG (GmbH & Co.). Foto: Ralf Schmiedecke
Heutiges Produktetikett mit Logo der Firma Carl Kühne KG (GmbH & Co.). Foto: Ralf Schmiedecke

Technische Innovationen in der Essigproduktion

Die nächste Generation übernahm 1832 Carl Ernst Wilhelm Kühne, der das Schützenbachsche Schnell-Essig-Fabrikationsverfahren einführte. Das bisher verwendete Orléans-Verfahren war ein langmonatiger Prozess, da die Bakterien nur an der Oberfläche der Flüssigkeit wirkten. Mit dem neuen Fessel- oder Generatorverfahren des deutschen Chemikers Sebastian Karl Schützenbach (1793–1869) aus den 1820er-Jahren entstand eines der ersten Biokatalyse-Verfahren in der Chemietechnik.

Dabei werden die Acetobakterien auf Buchenspäne fixiert und mit der alkoholhaltigen Maische berieselt. Dadurch beschleunigte sich die Essigsäuregärung auf nur noch eine bis zwei Wochen. Es entfiel auch die lange und aufwendig zu kontrollierende Zwischenlagerung. Damit wurde die industrielle Essigproduktion erst ermöglicht. Seitdem trägt das Unternehmen den Namen von Carl Kühne, der fortan die Markengeschichte des Familienunternehmens schrieb. Ein weiteres und noch größeres Werk entstand 1835 in der Neuen Grünstraße südlich des Spreekanals in der Berliner Mitte.

Blick von der Brunnenstraße in die Voltastraße, 1905. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Blick von der Brunnenstraße in die Voltastraße, 1905. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Die Ecke Voltastraße 1–3/Brunnenstraße 111a und 111 um 1935. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Die Ecke Voltastraße 1–3/Brunnenstraße 111a und 111 um 1935. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Produkte und chemische Grundlagen

Essige entstehen aus Alkoholen zum Beispiel aus der Vergärung von Wein im aeroben (unter Sauerstoff) Prozess unter Verwendung einer sogenannten Essigmutter, die aus einem Aceto-Bakterienstamm gewonnen wird. Man unterscheidet verschiedene Verfahren je nach gewünschter Produktart.

Unter Essig versteht man in Deutschland ein Gemisch aus 5-prozentiger Essigsäure in Wasser gelöst mit einem sauren pH-Wert um 2,4. Er wird vorwiegend als Würz- und Konservierungsmittel eingesetzt. Daneben gibt es im Handel Essig-Essenz mit 25-prozentiger Essigsäure mit einem pH-Wert weit unter 2, die meist zu Essig im Verdünnungsverhältnis 1:4 (1 Teil Essenz und 4 Teile Wasser) Verwendung findet. Auch zum Säubern werden Essigreiniger eingesetzt.

Das Werk im Brunnenviertel

Auf dem grünen Logo von Kühne befindet sich über dem gelben Schriftzug in gleicher Farbe noch heute ein Helm mit Kopf- und Augenschutz eines Schutzanzuges, den Mitarbeiter nutzen. Es ist ein Verweis auf die Herstellung des ätzenden Grundproduktes.

Einstiger Schriftzug am Haus Voltastraße 34. Foto: Sammlung Ralf Schiedecke
Einstiger Schriftzug am Haus Voltastraße 34. Foto: Sammlung Ralf Schiedecke

Nach Schließung des einst 1887 eröffneten XVII. Depots der Groß-Berliner Pferdeeisenbahn eröffnete die Firma Carl Kühne 1905 in der Brunnenstraße 111 zur Voltastraße in den weitläufigen Hallen ihr neues Werk. Das florierende Unternehmen ließ 1907 nach Abriss der einstigen Stallgebäude an der Voltastraße 1–3/Ecke Brunnenstraße 111a ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus mit hohen Giebeln und eine für Berlin ungewöhnliche Zwiebelturmbekrönung fertigstellen. Hier befanden sich von 1911 bis 1962 auch die Record-Lichtspiele, die wegen der Geruchsnähe zur Fabrik umgangssprachlich auch als „Essig-Kino“ bezeichnet wurden.

Krieg, Nachkriegszeit und Standortverlagerung

Den Zweiten Weltkrieg haben das Werk und das Eckhaus größtenteils überstanden, wurden aber in den 1970er-Jahren gesprengt. Das gegenüberliegende Wohnhaus Voltastraße 34 mit seiner breiten Durchfahrt erwarb das Unternehmen 1938 als Kapitalinvestition. Hier befand sich einst am Giebel der Schriftzug „Essig Kühne“. Das Gebäude war noch jahrzehntelang im Familienbesitz. Das sanierte Vorderhaus ist heute noch erhalten.

Jubiläums-Senftopf mit 250 Milliliter Inhalt. Foto: Ralf Schmiedecke
Jubiläums-Senftopf mit 250 Milliliter Inhalt. Foto: Ralf Schmiedecke
Werbekarten, unter anderem für Senf und Weinessig. Postkarten: Sammlung Ralf Schmiedecke
Werbekarten, unter anderem für Senf und Weinessig. Postkarten: Sammlung Ralf Schmiedecke

1876 wurde das Unternehmen von Kaiser Wilhelm I. zum Hoflieferanten ernannt. Mit speziell dafür geschaffenen Behältnissen zum Beispiel dem Steinguttopf mit Schraubdeckel und Wappenaufdruck wurden die Produkte ausgeliefert. Senf wurde 1896 in die Produktpalette aufgenommen. Eigens dafür entstand in der Belle-Alliance-Straße 82 (heute Mehringdamm 55) ein neues Werk im Hofgewerbegebäude.

Ausbau zur Marke Kühne

Nach englischer Rezeptvorlage und Verfeinerung durch Kühne wurde 1902 Mayonnaise als Fertigprodukt auf dem Markt gebracht. Ein Jahr später kamen die Gewürzgurken ins Sortiment. Das legendäre Sauerkraut – als Beilage zu gekochtem Eisbein, Kartoffeln und Senf – gibt es seit 1895 bei Kühne. Das erste Markenprodukt war 1906 der erstmals in Flaschen abgefüllte Essig „Surol“, der unter anderem mit Kräutern heute noch mit der bewährten Qualität hergestellt wird.

Im Jahr 1939 hatte das Unternehmen 20 Zweigbetriebe fast überall (außer dem Süden) in Deutschland. Die Auslieferung erfolgte mit betriebseigenen Fahrzeugen und Personal.

Kühne-Lieferfahrzeug (Hanomag) in der Voltastraße, 1959. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Kühne-Lieferfahrzeug (Hanomag) in der Voltastraße, 1959. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Gegenwart und Markenidentität

Im Jahr 1949 wurde das neue Werk in der Reinickendorfer Provinzstraße 39 nahe Kühnemannstraße eröffnet und somit auch die Weddinger Produktion aufgegeben. Der Firmensitz zog davor schon nach Hamburg in die nach 1888 entstandenen Kühne-Höfe. Daneben existieren heute noch sechs Produktionsstandorte in Deutschland sowie fünf Niederlassungen in Europa und Asien. Die Kühne-Gruppe hat derzeit rund 1.400 Mitarbeitende und erzielte 2025 einen Umsatz von rund 375 Millionen Euro.

Mit dem Slogan „Iss leckerer“ wirbt die Firma Kühne derzeit. Bekannt sind auch die Aussagen von 2010 „Mit Liebe gemacht“, von 2006 „Von Familie zu Familie“ und von 1998 „Kühne weckt Appetit“. Der bekannteste Klassiker lautete ab 1976 „Damit’s besser schmeckt“.

Kühne-Lieferfahrzeug (Mercedes) in den grün-gelben Traditionsfarben um 1975. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Kühne-Lieferfahrzeug (Mercedes) in den grün-gelben Traditionsfarben um 1975. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Tradition und heutige Produktwelt

Die Traditionsmarke Kühne entstand aus Pioniergeist und Innovationsfreude und steht heute in der elften Familiengeneration mit ihrer hochqualitativ vielfältigen Produktpalette für Grill- und Würzsoßen, Essige, Gurken, Dressings, Rot- und Grünkohl, Kraute, eingelegtes Gemüse, Senfe und Feinkostwaren.

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