Durch die Dunkelheit ins Licht

In der Kapelle der Versöhnung gab es im Spätsommer eine berührende Ausstellung des Malers Gino Kuhn. Sie stand im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag des Mauerbaus.

Ausstellung in der Kapelle der Versöhnung
Bei der Ausstellungseröffnung in der Kapelle der Versöhnung. Fotos: Michael Becker

Sechs Wochen lang wurden die Bilder von Gino Kuhn an der Bernauer Straße gezeigt. Sie beschäftigten sich mit seiner existenziellen Erfahrung, die aus der Teilung Deutschlands erwachsen war. 1975, im Alter von 20 Jahren, zog der Baden-Württemberger nach Westberlin. Von der Mauersituation vor Ort beeindruckt, versuchte er, drei DDR-Bürgern (versteckt in seinem PKW) die Flucht in die BRD zu ermöglichen. Das Vorhaben wurde verraten. Gino Kuhn wurde im Oktober 1975 bei seinem ersten Fluchthelferversuch am Grenzübergang auf frischer Tat verhaftet.

Nach DDR-Recht hatte er als sogenannter Menschenhändler eine schwere Straftat begangen. Mit der Höhe des Strafmaßes von sechs Jahren zerbrach etwas in ihm. Dazu kamen die entwürdigenden Bedingungen der Untersuchungshaft im zentralen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Gino Kuhn hatte zwar das Glück, nach zweieinhalb Jahren freigekauft zu werden. Aber das Erlebnis der Haft hatte ihn in der Freiheit ab 1978 viele Jahre traumatisiert. So begann er unmittelbar nach Freilassung, diese Erfahrung durch das Malen von Bildern zu verarbeiten. Erst als 54-Jähriger war er 2009 in der Lage, die nach 1990 eingerichtete Stasi-Gedenkstätte im ehemaligen Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen zu besuchen.

Der Plakat wies auf die Ausstellung zum 60. Jahrestag des Mauerbaus mit Arbeiten von Gino Kuhn hin. Foto: Michael Becker
Der Plakat wies auf die Ausstellung zum 60. Jahrestag des Mauerbaus mit Arbeiten von Gino Kuhn hin. Foto: Michael Becker

Ausstellung zum 60. Jahrestag des Mauerbaus

Im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag des Mauerbaus kam es zu einer Doppelausstellung seiner Bilder im ehemaligen Stasi-Gefängnis und in der Kapelle der Versöhnung. Sie gewährte von August bis September einen beeindruckenden Einblick in diesen Prozess der Haftverarbeitung. Die Bilder vermittelten viele Aspekte seelischer Dunkelphasen, die Gino Kuhn auch in den 80er Jahren in Freiheit immer wieder zusetzten. Gleich nach seiner Entlassung 1978 entstand ein Bild mit gen Himmel gereckten Händen – gegen das Drahtgitter des Freigangkäfigs.

Wenn man die Farbgebung der Bilder Ende der 1970er bis Anfang der 1980er vergleicht, fällt der Wandel ins Helle auf. Das Bild von der Isolierhaft 1979 ist im tiefsten Dunkelblau gehalten. Erst 1982 gibt es ein dunkles Bild mit sonnenartiger Helle im Zentrum. Er nennt es: Tunnel in die Freiheit. Man ist geneigt, diese Entwicklung mit den Worten „Durchs Dunkel ins Licht“ zu beschreiben.

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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin „Der weiße Stier vom Humboldthain“ enthalten, das im November 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neue Ausgabe: Der weiße Stier vom Humboldthain“ gesammelt und verlinkt.

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