„Leergut Wedding“ ist ein Buch über 1,36 Euro

Joachim (Leo) Leonhard hat auf 70 Seiten eine Art Autobiografie geschrieben, eine Art Biografie des Wedding und eine Art Selbstreflexion eines Flaschensammlers. Es liest sich wie ein Gespräch, in dem die Worte das Gesagte dicht zusammendrängen; der Text kommt ohne ein Gramm Umschweife aus. Wer sich fürs neue Jahr vorgenommen hat, mehr zu lesen, sollte beherzt zugreifen.

"Leergut Wedding": Das Buch von Joachim Leonhard
„Leergut Wedding“: Das Buch von Joachim Leonhard. Foto: Jakob Hensel

Die Frage, warum einer zum Flaschensammler wird, liegt so nahe, dass Joachim Leonhard sie gleich auf der ersten Seite beantwortet: „Davon wird man zwar nicht reich, aber es füllt einem das Portemonnaie etwas auf, sodass mein Konto am Monatsende nicht überzogen ist.“ Doch eigentlich fangen die Fragen dann erst an. Warum wird einer wie Joachim Leonhard Flaschensammler? Einer, der viele Talente hat, der zu den Gründern des Theater 36 in Kreuzberg gehörte, der immer mal wieder schauspielert, der in der Kulturszene vernetzt ist, der vor seinem Renteneintritt eigentlich auf einen grünen Zweig gekommen sein müsste. Aber genau darauf offenbar keine Lust hatte.

„Leergut Wedding“ als Bruchstück-Autobiografie

Die Beschreibung des Alltags eines Flaschensammlers ist mit Einschüben und Erinnerungen durchzogen. Die vielen Rückblicke auf das eigene Leben lesen sich beinahe wie eine Autobiografie, wenn auch eine unstrukturierte. Wie in einem Instagram-Feed purzeln die Bruchstücke aus dem Leben Joachim Leonhards in den Text. Am Ende lässt sich zwar nicht das Leben des Autors nachzeichnen, aber es entsteht ein Eindruck davon, wie sich eine Lebensweise ohne Chef, Anweisungen und Vorgaben anfühlt. Ein Leben, das ausschließlich Kunst und Freiheit als Leitstern akzeptierte.

Vielleicht ist es aber auch so, dass das Buch lediglich einen Eindruck davon gibt, wie sich der Traum einer solchen Lebensweise anfühlt. Was wirklich passiert ist, wie leicht oder schwer dieses Leben war, erfährt der Leser nicht. So ist das Buch, wenn schon keine vollständige Autobiografie, eine Autoemotionsgrafie.

„Leergut Wedding“ als Biografie des Wedding

Joachim Leonhard ist 70 Jahre alt und hat die Veränderungen des Weddings in den zurückliegenden Jahrzehnten mitbekommen. Er erzählt von den alten Eisenbrücken der S-Bahn über die Gerichtstraße, die bei der Wiederherstellung der Ringbahn durch schmucklose Betonbauten ersetzt wurden. Vor allem aber liefert er einen Taschen-Baedeker in die untergegangene Kneipen- und Bar-Welt des Wedding. Eine Welt, die einst lebendig war und die bei weitem nicht nur aus dumpfen Eckkneipen bestanden zu haben scheint. Wer den alten, verlorenen Duft des Weddings schnuppern möchte, wird hier eine Ahnung von dieser Szene bekommen.

„Leergut Wedding“ als Beschreibung des Pfandsammelns

Die Hauptsache des Textes bildet natürlich der Bericht über das Tun als Sammler. Das verspricht ja schließlich der Buchtitel. Eindrucksvoll ist vor allem, wie dieses Tun sich als zeitraubende Kleinteiligkeit entpuppt. 2,16 Euro oder 1,36 Euro sind Beträge, die der Autor nennt, nachdem er von einem guten Fund geschrieben hat. „Es gibt Flaschensammler, die sich damit brüsten, davon jedes Jahr in den Urlaub fahren zu können.“ Stimmt das? Joachim Leonhard bezweifelt das, er käme auf 150 Euro im Monat, notiert er. Und berichtet dann wieder vom ständigen Herumfahren mit dem Rad, von vollen Taschen am Lenker und vom Regen.

Eine soziologische Studie ist „Leergut Wedding“ nicht. Andere Flaschensammler kommen zwar vor, aber es wird kein Fächer verschiedener Typen und Motive aufgemacht. Der Erzähler bleibt immer bei sich, erzählt von Begegnungen, von platten Reifen oder von defekten Pfandautomaten. Es gibt Stellen, da liest sich das Buch wie ein Ratgeber, also wie ein Erfahrungsbericht. Doch gleichzeitig ist „Leergut Wedding“ ein individueller Ratgeber, das Geschriebene passt auf Joachim Leonhard. Ein Rückschluss auf den Typus des Flaschensammlers an sich ist nicht möglich.

„Leergut Wedding“ als Leseempfehlung

In einem Satz zusammengefasst: Das Büchlein ist eine Empfehlung. Für den Lesevorsatz im neuen Jahr oder auch als Geschenk eignet es sich hervorragend. „Leergut Wedding“ ist kurzweilig, liest sich leicht, ist frei von Vorwürfen oder Anklagen. Der Autor kann schreiben. Man merkt, dass dies bei Weitem nicht sein erster Text ist, den er verfasst hat, auch wenn „Leergut Wedding“ sein erstes Buch ist.

„Leergut Wedding“ kostet 16,90 Euro, ist im Trabantenverlag erschienen und noch ziemlich druckfrisch (die letzte Anmerkung im Text stammt vom Mai 2025).

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