Große Geschichten beginnen manchmal mit einem stillen Blick aus dem Fenster. Unsere Fensterflaneuse nimmt sich die Zeit, das Leben in der Thurneysserstraße im Wedding zu beobachten: hupende Autos, flanierende Nachbar:innen, unerwartete Begegnungen und kleine Dramen, die sich Tag für Tag zwischen den Häusern abspielen. Wer genauer hinsieht, entdeckt eine ganze Welt – mitten im lebendigen Alltag des Weddings.

Als Fensterflaneuse beginnt man bekanntlich am Fenster. Deshalb erzähle ich die erste Geschichte von hier aus.
Hier ist an einem der fünf Fenster meiner Wohnung in einer Straße, die ihren Namen seit dem 17. März 1891 trägt und bisher jede Forderung nach Umbenennung erstaunlich gelassen überstanden hat. Vermutlich auch deshalb, weil sich niemand so recht dafür interessiert, wer der Mensch war, nach dem diese kleine Straße benannt wurde. Eine Straße, die zwar kurz und schmal ist, aber dennoch überdurchschnittlich stark befahren, je nach Tageszeit lebhaft und zuverlässig mit allerlei Menschen gefüllt.
Das tägliche Verkehrsdrama
Klein ist sie nämlich, diese Straße, so klein, dass man sich eigentlich wundert, warum die Autos immer wieder glauben, hier problemlos aneinander vorbeizukommen. Und doch passiert es täglich: Drei Fahrzeuge treffen sich genau dort, wo die Straße am wenigsten Platz bietet, keiner möchte nachgeben, und innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich der Ort in ein kleines Verkehrsdrama.
Es wird gehupt, energisch und ausdauernd, bis die Geräuschkulisse stellenweise an ein überfülltes Fußballstadion erinnert, etwa dann, wenn Hertha im Aufstiegskampf spielt und die Nerven der Fans ähnlich strapaziert sind wie die der Autofahrer in meiner Straße. Währenddessen wachsen auf beiden Seiten bereits die nächsten Autoschlangen heran. Aus drei Fahrzeugen werden fünf, dann sieben, manchmal noch mehr und plötzlich steckt eine ganze Reihe fest, deren Mitglieder sich zuvor noch sicher waren, gleich einfach durchfahren zu können.

Die Kunst des Rückwärtsfahrens
Irgendwann erkennt dann doch jemand, meist unter weiterem Hupen und sichtbar wachsender Ungeduld, dass die Straße nicht breiter wird, nur weil man es sich wünscht. Dann beginnt das Rückwärtsmanöver: ruckartig, hektisch und selten in völliger Einigkeit. Einer setzt zurück, der nächste zögert, ein dritter hupt wieder, und schließlich muss sich die ganze inzwischen entstandene Autoschlange rückwärts bewegen. Wagen für Wagen, oft mehrere hintereinander, bis irgendwo wieder ein paar Zentimeter Platz gewonnen sind.
Fensterplätze mit Aussicht
Dieses tägliche Autopuzzle beobachte ich mit großer Regelmäßigkeit, zumindest an den Tagen, an denen ich zu Hause bin und das Schauspiel verfolgen kann. Sobald sich ein solcher Verkehrsknoten ankündigt, rücke ich meinen Stuhl ein wenig näher ans Fenster. Je nach Blickwinkel muss ich dabei gelegentlich das Fenster wechseln, um auch wirklich jeden Fortschritt dieser improvisierten Choreografie verfolgen zu können.
Glücklicherweise verfügt meine Wohnung über vier Fenster zur Straßenseite, was mir erlaubt, das Geschehen beinahe lückenlos zu verfolgen. Sollte also irgendwann einmal die Polizei nach Zeug*innen fragen, falls in dieser Autoschlange doch etwas passieren sollte, könnte ich mich guten Gewissens melden oder gleich aus einem der Fenster brüllen- ich, ich! fragen Sie mich! – ich habe alles gesehen!
Aber ich schweife ab.
Über Straßennamen und Umbenennungen
Man findet ja immer Gründe, eine Straße umbenennen zu wollen. Meist handelt es sich um Menschen, die man einst ehrte und später, nach einiger historischer Nachprüfung oder moralischer Erleuchtung, doch lieber nicht mehr auf Straßenschildern sehen möchte. Manchmal ist der Name auch schlicht zu lang für die Visitenkarten wichtiger Mitbürger:innen.
Doch zur Frage der Straßenumbenennung komme ich etwas später zurück.



Meine besondere Straße
Ich liebe meine kleine Straße und den Blick aus meinen Fenstern. Und meine Straße ist auch einzigartig, denn es gibt diesen Straßennamen nur ein Mal in ganz Deutschland! Wenn man der Google-Suche und KI vertrauen kann. Ich finde das großartig und fühle mich besonders, denn ich wohne nicht in einer der vielen Kastanienalleen, Müllerstraßen… nein, ich wohne in der Thurneysserstraße im Wedding!
Ganz einfach ist es übrigens auch nicht, meine Straße überhaupt zu finden. Nicht, weil sie so gut versteckt wäre, sondern weil ihr Name für viele Menschen ausgesprochen und geschrieben eine kleine Herausforderung darstellt. Thurneysserstraße – ein Wort, das man besser langsam und mit Geduld buchstabiert. Wer einmal versucht hat, ein Taxi telefonisch hierher zu bestellen, weiß, wovon ich spreche.
Digital vs. analog
Gut, werden Sie jetzt vielleicht sagen: Wer bestellt heute noch ein Taxi telefonisch? Schließlich wird inzwischen alles digital erledigt, per App, mit einem Fingertipp. Aber es gibt sie noch, diese Menschen, die tatsächlich zum Telefon greifen. So wie es auch noch die Gelben Seiten in gedruckter Form gibt, zumindest meine ich, vor nicht allzu langer Zeit ein Exemplar in einer dieser selten gewordenen richtigen Poststellen gesehen zu haben.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, warum meine Straße ihren Namen seit 1891 so unbehelligt behalten durfte: Wer eine Umbenennung fordern möchte, muss ihn vermutlich erst einmal richtig aussprechen können.

Leonhard Thurneysser – der Namensgeber
Wer sich ein wenig mit diesem Namen beschäftigt, stößt bald auf eine Figur, die ganz gut in eine Straße passt, in der es regelmäßig etwas dramatischer zugeht. Leonhard Thurneysser, Arzt, Alchemist, Unternehmer und eine Zeit lang auch eine recht schillernde Persönlichkeit am brandenburgischen Hof, stammte ursprünglich aus der Schweiz, aus der er allerdings irgendwann verbannt wurde.
Heute würde das vermutlich ausreichen, um zumindest eine kleine Debatte über den Straßennamen auszulösen. Man findet ja inzwischen schnell Gründe, eine Straße umzubenennen. Manchmal genügt auch schon ein dunklerer Fleck in der Biografie. Und so ließe sich vermutlich auch bei Thurneysser jemand finden, der argumentieren würde, dass ein Mann, der einst aus seiner Heimat verbannt wurde, nicht unbedingt ein Straßenschild in Berlin verdient hat. Doch hat meine Thurneysserstraße im Wedding diese mögliche Empörung bislang recht unbeschadet überstanden.
Wer sich also näher mit dem „skurrilsten Berliner des 16. Jahrhunderts“ beschäftigen möchte: Thurneysser hat es inzwischen sogar über die Grenzen des Weddings hinaus bis nach Kreuzberg geschafft. Dank des Autors Michael Unfried findet sich in der „Kreuzberger Chronik“ ein ebenso informativer wie sympathisch geschriebener Artikel über Leonhard Thurneysser. Alle gleichgesinnten Nerds dürfen jetzt gerne hier entlangklicken.
Flaniergeschichten von nebenan
Und was meine eigenen Beobachtungen betrifft: Die Flaniergeschichten selbst folgen vielleicht, falls sich hier ein gewisses Leser:inneninteresse oder gar ein kleiner Fanclub der Fensterflaneuse abzeichnen sollte, der nach weiteren Flanierbegebenheiten begehrt.
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