Wer gerade ein paar Freunde zu viel hat und weniger haben möchte, der spricht mit ihnen ernsthaft über den Nahostkonflikt. Doch was ist, wenn man gleichzeitig in Israel und in der arabischen Welt verwurzelt ist? Mati Shemoelof hat mit „Der Preis“ diese verrückte, komplizierte Wirklichkeit beschrieben. Bei einer Lesung im Brunnenviertel am 21. Februar stellte er sein Buch vor.

Arabischer Jude, Israeli, Berliner
Mit 25 Gästen plus Autoren und Organisatoren blieb kein Platz mehr frei im Raum als der israelische Autor Mati Shemoelof zum Brunnenviertel e.V. kam, um aus seinem im April 2025 erschienen Buch „Der Preis“ zu lesen. Aber auch vor der Tür war es voll: Eine Gruppe junger Männer mit schwarzen Bärten unterhielten sich laut, gestikulierten und wirkten aufgeregt.
Das Kopfkino sprang sofort an: Drinnen ein jüdischer Autor, draußen arabischsprechende junge Männer. Und das während einer durch Nachrichten aus dem Gazastreifen aufgeheizten Stimmung in Berlin. Doch die Situation war komplizierter als es das Kopfkino will. Denn drinnen saß ein Autor mit arabischen Wurzeln. Seine Eltern haben Beziehungen zu Iran, Irak und Syrien. Sie sind als Juden nach Israel ausgewandert, aber sie sind keine europäischen, sondern misrachische – östliche – Juden.



Die Unterscheidung zwischen Mizrachim und Aschkenasim in Israel ähnelt in Deutschland der Unterscheidung zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Eigentlich sollte es keinen Unterschied geben, doch erfasst wird das Merkmal Migration gleichwohl in offiziellen Statistiken. Und die Situation der Lesung wird noch komplexer, wenn man bedenkt, dass der Autor Mati Shemoelof auch als Berliner gelten könnte. Schließlich lebt er seit 2013 in der Stadt und schreibt neuerdings auch auf Deutsch. Geht das ? Das geht. Genauso wie es geht, dass die jungen Männer draußen vor der Fensterscheibe und die Lesung hinter dem Fenster friedlich nebeneinander existieren.
Worum geht es in „Der Preis“?
Das Leben ist eben vertrackt. Und auch im Roman „Der Preis“, aus dem Mati Shemoelof vorlas, ist die Situation für die Figuren vertrackt. Satirisches Grundgerüst der Handlung ist, dass in Berlin ein mit 750.000 Euro dotierter Preis für hebräische Literatur vergeben werden soll. Dass die Hauptfigur Chesi den Preis gewinnt, sorgt für mehr Probleme als für Freude. Es geht in dem Roman natürlich um Neid und Missgunst und um die allzu menschlichen Zustände des Literaturbetriebs. Aber es geht auch um die Frage, ob mit Chesi denn ein „richtiger“ Jude den Preis gewonnen habe.



Ein Gesprächsabend statt klassischer Lesung
Im Mittelpunkt der Lesung beim Brunnenviertel e.V. stand weniger das Vorlesen einzelner Passagen aus dem Buch. Der Abend verlief eher wie ein Autorengespräch, bei dem der Autor Mati Shemoelof über seine uneindeutige Position als arabischer Jude in Berlin sprach. Und er erklärte den Hintergrund des Romans. Tatsächlich wird in Israel der Sapir-Preis für Literatur vergeben. Genauer: für hebräische Literatur. Und dabei entbrannte 2014 ein heftiger Streit, als der Preis an einen Autoren ging, der nicht in Israel lebte. War der Sapir-Preis damit noch ein Preis für „richtige“ jüdische Literatur?


Die Lesung beim Brunnenviertel e.V. organisierte Cornelia Holl, die seit einigen Jahren erfolgreich eine Lesereihe im Nachbarschaftstreff Waschküche in der Feldstraße 10 organisiert. Aufgrund einer neuen Kooperation mit dem Stadtteilverein, der mehrere Lesungen finanziert, fand nun eine Veranstaltung in der Graunstraße 28 statt. Eine weitere wird im Herbst folgen.
Mati Shemoelof: Der Preis, 280 Seiten, veröffentlicht bei: PalmArtPress, als gebundenes Buch: 25 Euro
Transparenzhinweis: Autor Andrei Schnell ist Vorstand beim Brunnenviertel e.V., der Co-Organisator der Lesung war.
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Mehr über Mati Shemoelof steht auf seiner Webseite mati-s.com. Mehr Texte über das Zusammenleben in den vielfältigen Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen sind im Bereich Interkulturelles Leben gesammelt.

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