Mauerpark: Ein Vierteljahrhundert und endlich fertig

Erstaunlich, aber wahr: Es dauerte am Ende ganze 25 Jahre, um aus einer Halde den fertigen Mauerpark zu machen. Ein Blick auf politische Entscheidungen und die neuere Geschichte des Parks von der Wende bis heute.

Beschriftung an einem Bauzaun im Mauerpark im Juli 2020. Foto: Sulamith Sallmann
Beschriftung an einem Bauzaun im Mauerpark im Juli 2020. Foto: Sulamith Sallmann

Nebenbei und ohne Tamtam hakte Berlin die Eröffnung des kompletten Mauerparks ab. Ohne viel Publikum eröffneten offizielle Behördenvertreter am Freitag, den 26. Juni um 17 Uhr den neuen Teil, durch den der Mauerpark seine Größe auf 15 Hektar verdoppelte. Grund für den Ausfall der Party war einerseits Corona. Andererseits: Ist es auszuschließen, dass nach 25 Jahren des Wartens auf den kompletten Mauerpark einfach nicht mehr so richtig Stimmung aufkommen wollte?

Der Mauerpark eröffnete 1994

Aber Spekulation beiseite, Fakten müssen her. Und Tatsache ist, dass vor einem Vierteljahrhundert, am 9. November 1994 um 13 Uhr, der damalige Senator für Stadtentwicklung Volker Hassemer (CDU) den ersten Teil des Mauerparks eröffnet hat. Der erste Teil, von dem im Laufe der Jahrzehnte erst die Touristen und später auch die Berliner annahmen, das sei bereits der ganze Mauerpark.

Dabei war vor 25 Jahren die Erwartung noch groß. Denn der Senator übergab an die Menschen im damaligen Bezirk Prenzlauer Berg sieben Hektar Parkfläche mit dem Hinweis, es wird noch reichlich Parkanlage auf Weddinger Seite hinzukommen. Bald. Eigentlich morgen. So war man sich damals sicher. Schließlich hatte die Allianz Umweltstiftung 4,5 Millionen Deutsche Mark als Grünhilfe zugesagt. Ihre Bedingung dabei war, dass der Park auf mindestens zehn Hektar anwachsen solle. Ein Klacks, dachten die Leute damals, im Jahr 1994.

Demonstration im Mauerpark. Foto: Sallmann
Demonstration im Mauerpark. Foto: Sallmann

Mehr Grünfläche statt Gewerbe?

Doch der Klacks wuchs sich zu einem Problem und zu einem jahrelangen Streit aus. Dabei waren auf Weddinger Seite – salopp formuliert – nur ein paar wacklige Gewerbebaracken abzureißen und Rollrasen abzuspulen. Die Behörden hatten schon Vorarbeit geleistet. Der von Amts wegen veröffentliche Flächennutzungsplan aus dem Jahr 1994 markierte die entsprechenden Flächen grün wie Grünfläche.

Es hätte alles so einfach sein können. Wenn nicht, ja, wenn nicht historische Zufälle wollten, dass die Weddinger Flächen der Eisenbahn gehörten; und die Bundespolitik 1994 die Bahnreform gestartet hätte mit dem Ziel, die Eisenbahn an die Börse zu bringen. Aus Brachen, die für die Bahn wertlos waren, wurden plötzlich Immobilien, die selbstredend nicht verschenkt werden konnten. So gelangte die Erweiterungsfläche 2007 für eine Milliarde Euro in den Besitz der österreichischen CA Immo. Und die erkannte in den Brachen mit den windschiefe Gewerbebaracken Bauland für exklusives Wohnen am Mauerpark.

Ein Deal: Grundstück gegen Baurecht

So entwickelte sich ein Pokerspiel, das im Kern so funktionierte: Grundstück gegen Baurecht. Der Bezirk stellte in Aussicht, dass der Flächennutzungsplan von Grün auf Rot (wie Bauland) geändert werden könnte. Dafür erwartete er als Geschenk von der CA Immo einen Teil der Weddinger Gewerbeflächen. Die Frage war nur: Wie viel Bauland sollte kommen und wie viel Grünfläche sollte erhalten bleiben?

Das Bezirksamt stellte unzählige Pläne vor. Doch die Anwohner, vor allem aus dem Gleimviertel, waren und blieben entsetzt. Sie wollten ihren Mauerpark in einem Stück, ohne jegliche Bebauung. „Mauerpark is our Park“ texteten sie zwischenzeitlich. Doch irgendwann drängte die Zeit. Die Allianz Umweltstiftung drohte, das Fördergeld zurückzuverlangen, wenn nicht die versprochenen zehn Hektar Park entstünden.

Bis 2013 gab es keinen Zugang vom Brunnenviertel in den Mauerpark. Foto: Dominique Hensel
Bis 2013 gab es keinen Zugang vom Brunnenviertel in den Mauerpark. Foto: Dominique Hensel

Druck der Anwohner gegen Bebauung

Schließlich beschlossen die Bezirkspolitiker am 11. Mai 2010 den Bebauungsplan 1-64. Damit hätte der Mauerpark auf Weddinger Seite um 5,8 Hektar erweitert werden können. Die CA Immo hätte – wie später auch geschehen – neben den Bahngleisen bauen dürfen, aber auch an der Bernauer Straße. Unter anderem hätte die CA Immo den Spielplatz an der Kreuzung Wolliner Straße durch ein Wohnhaus ersetzen dürfen. Aber auch dieser Beschluss hielt nicht dem Druck der Anwohner stand. Und das obwohl der Senat kategorisch mitteilte, dass es eine Erweiterung des Mauerparks ohne Randbebauung nicht gebe werde.

Erst im Oktober 2012 schloss der Senat einen städtebaulichen Vertrag mit der CA Immo. Inhalt des Deals: Berlin bekommt sogar sieben Hektar „geschenkt“, zahlt aber 3,8 Millionen Euro für die „Abwendung von Schadenersatzansprüchen“. Positiv: Die Bebauung der Bernauer Straße war damit vom Tisch. Im Gegenzug durfte die CA Immo nördlich des Gleimtunnels deutlich dichter und höher bauen. Überraschend an der Vereinbarung war, dass die CA Immo längst kein Interesse mehr an einer eigenen Bauaktion hatte. Der Investor Groth übernahm die Grundstücke und die Bauarbeiten. Die Notartermine sollen laut Beobachtern am 16. Juli und am 20. Juli 2012 gewesen sein.

Wedding-Teil des Mauerparks kam zu Pankow

Am Rande notiert: Die Mauergärtner zogen 2013 in den Mauerpark. Im selben Jahr öffnete ein Tor in der Lortzingstraße, sodass die Leute aus dem Brunnenviertel den Mauerpark ohne Umwege erreichten. Und ebenfalls am Rande notiert: Nachdem der Wedding und später der Bezirk Mitte jahrzehntelang um die beste Lösung für die Erweiterung gerungen hatten, beschloss die Bezirkspolitik am 16. Juni 2016, den Mauerpark an Pankow zu verschenken. Der Grund: Ein Park, der in zwei Bezirken liegt, lässt sich schwer verwalten. Zum Beispiel gab es im Park zwischenzeitlich in der Grillfrage verschiedene Bezirksregelungen. Somit gehören die 15 Hektar Grün (inklusive Gleimtunnel), die am 26. Juni 2020 leise eingeweiht wurden, als Mauerpark komplett zu Pankow.

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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Park frei!“ enthalten, das im zweiten Quartal 2020 erschienen und wegen der Corona-Pandemie gleichzeitig das Heft für das dritte Quartal 2020 ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Park frei! Neues Kiezmagazin feiert den Mauerpark gesammelt und verlinkt.

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