Als Reaktion auf einen brunnen-Artikel über Musik im Mauerpark erreichte die Redaktion folgender Meinungsbeitrag. Er beschäftigt sich kritisch mit der Musik im Mauerpark und ist aus der Sicht eines Anwohners im Brunnenviertel geschrieben.

Alles eitel Freude? Von wegen. Er birgt viele Probleme, der jüngst in diesem Magazin anlässlich der Parkerweiterung so über den grünen Klee gelobte Mauerpark. Probleme, die insbesondere die Anwohnenden im Brunnenviertel belasten: Grillschwaden, Vermüllung, Verwahrlosung, Drogen, Parkraumnot – viele Gründe, den Park zu meiden und zu beklagen, dass er mit der Eröffnung der Erweiterungsfläche noch näher an die Weddinger Wohnbebauung herangerückt ist.
Das allergrößte Problem aber ist: der Lärm. Lärm, der ausgeht von nächtlichen Partys mit Geschrei, Flaschenwerfen und Böllern. Lärm von Skatern, die stundenlang am selben Ort ihre Boards knallen lassen. Lärm aus Bluetooth-Lautsprechern, Lärm von Schlaginstrumenten allerlei Art, Lärm von in Mikrophone plärrenden Stimmen, von verstärkten Gitarren, Didgeridoos, jaulenden Saxophonen und vielen weiteren Instrumenten. Dauerhafter, oft monotoner Lärm. Lärm zur Schlafenszeit, in der Mittagszeit, am Wochenende, rund um die Uhr. Lärm, der in den letzten Jahren immer schlimmer geworden ist. Die Zahl der Karaoke-Sonntage pro Jahr stieg auf zuletzt 26, und mit ihr stieg die Menge der konkurrierenden Bands und des in den Park strömenden Publikums und Partyvolks.
Musik im Mauerpark ist Belastung
Krach macht krank, das ist eine nicht zu leugnende, allseits bekannte Tatsache. Fortgesetzter Lärm bedeutet eine psychische und körperliche Belastung und Schädigung: Schlafstörungen, Herzprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten sind bekannte Folgen. Diese Folgen betreffen alle Altersgruppen. Kinder und Ältere sind besonders anfällig.
Die Tatsache, dass Lärm krank macht, wird gern übersehen von sonntäglichen Besucherinnen und Besuchern, wenn sie mit ein oder zwei Bier in den Park kommen und zum Beat mit den Füßen wippen: „Da hinten wohnen Leute? Mir egal! Ist ja weit weg, oder? Ist doch alles so locker hier, alle haben Spaß.“ Nein, nicht alle. Die Leute in den umliegenden Häusern setzen sich der Beschallung nicht freiwillig aus, und sie müssen den Lärm nicht nur für ein Stündchen ertragen. Sie wohnen in ihren Wohnungen, sie brauchen Schlaf, Erholung, Zeiten der Ruhe, Zeit zum Lernen, Zeit für sich.
Es handelt sich um Menschen aller Couleur, Ur- und Neu-Weddinger, in vielen hundert Wohnungen. Denn nicht nur in der „ersten Reihe“ direkt am Park dringt das Wummern selbst durch geschlossene moderne Fenster. Wer kann, flüchtet zumindest an Sonntagen, einem Schwerpunkt des Lärmgeschehens. Wer aber nicht mobil ist, keine Ressourcen hat, am Wochenende daheim lernen oder arbeiten muss oder sich einfach nur im Schutz der eigenen vier Wände erholen will, leidet. Umziehen, das ist bekannt, ist derzeit in Berlin vor allem bei geringem Einkommen so gut wie unmöglich. Und ohnehin: Ist es nicht rechtens, in seinen eigenen vier Wänden unbeschadet zu leben?
Leise-laut-Konzept nicht für alle gut
Denen, die den Lärm befürworten, ist es offenkundig egal, ob durch ihr Tun zahlreiche Menschen gequält und geschädigt werden: Musikmachende und die vom Auftrieb im Park profitierenden Gewerbetreibenden folgen nur ihren eigenen Interessen. Und sie sind gut vernetzt. Ihre Zusammenschlüsse haben freundliche Namen, ihre Webseiten sind mit Herzen, Sonnen und grünen Blättern geschmückt. Im Rahmen einer „Bürgerwerkstatt“ haben sie, gegen alle Einwände, Auftrittspodeste und ein Skateboard-Areal auf der Erweiterungsfläche durchgesetzt sowie ein „Leise-laut-Konzept“: leise am Falkplatz, immer lauter Richtung Graun-, Wolliner und Bernauer Straße.

Als Medienprofis ist es den Lärm-Lobbyisten immer wieder gelungen, falsche Erzählungen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern: Dass der Protest nur von Einzelnen ausgehe. Von Zugezogenen. Dass es um schützenswerte Alternativkultur gehe und nicht um Krach und Kommerz. Auch sogenannte „Runde Tische“ haben, ganz klassisch, einen festen Platz in dieser Strategie: Dort wurden 2018 diejenigen Anwohnenden, die trotz Fehlens einer neutralen moderierenden Leitung gekommen waren, zu einem „Kompromiss“ gedrängt. Doch sie wollten nicht stellvertretend für alle anderen, nicht Anwesenden, auf die gesetzliche zustehende Rechte zum Lärmschutz verzichten. Seither werden Anwohnende als Querulanten und Spaßverderber diffamiert. Und schlimmer noch: In sozialen Netzwerken wurde und wird, wer sich gegen den Lärm engagiert, mit Gewalt bedroht („auf die Fresse, bis das Blut spritzt“) und mit Nazis gleichgesetzt („wo man Kunst verdrängt, verdrängt man am Ende auch Menschen“).
Ein Problem sind die Zuständigkeiten
Solche Drohungen sind nicht zuletzt der Grund, dass dieser Artikel anonym erscheint. Sich nicht öffentlich gegen den Lärm zu bekennen, hat für Anwohnende oft noch andere Gründe: mangelnde Sprach- und Rechts-Kenntnisse sowie Furcht vor Amtsträgern gehören dazu. Wer die Behörden zu Hilfe ruft, erlebt Hilflosigkeit. Ordnungsamt und Polizei reagieren unwillig auf Beschwerden und weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu. Eingeschritten wird selten. Teil des Problems ist, dass die Aufsicht über den Mauerpark beim Bezirk Pankow liegt: Der tut alles für ein „cooles“ Image und ermutigt deshalb Musik im Park – entgegen den gesetzlichen Bestimmungen für eine geschützte Grünanlage. Die überwiegende Mehrheit der Leidtragenden wohnt nicht im Bezirk Pankow, sondern in Mitte.
Corona hat das Treiben im Park zeitweise eingeschränkt. Aber die Anwohnenden denken schon jetzt voller Angst und Verzweiflung an eine Zeit, wenn der Park wieder vor nächtlichen Partys birst und beim Karaoke an jedem Sonntag immer dieselben banalen Popsongs gebrüllt werden, während sich drum herum die geltungssüchtigen Bands gegenseitig zu übertönen versuchen. Die Verantwortlichen nennen es Kultur. Die terrorisierten Anwohnenden nennen es einfach nur: Krach.
Der Text erscheint auf Wunsch des Autors anonym. Sein Name ist der Redaktion bekannt. Der Text spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider.
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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Kunstspaziergang“ enthalten, das im vierten Quartal 2020 erschienen ist. Weitere Artikel dieser Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Kunstspaziergang im Brunnenviertel gesammelt und verlinkt.

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