Evelyne Leandro ist in Brasilien aufgewachsen und heute in Deutschland zu Hause. Hier beschreibt sie ihre doppelte Staatenlosigkeit – warum sie sich trotz zweier Pässe nirgendwo richtig zugehörig fühlt und wie die Pandemie dieses Gefühl verstärkt hat.

Zwei Staatsbürgerschaften, doppelte Staatenlosigkeit
Mit 28 Jahren zog ich mit meinem deutschen Mann nach Berlin. In Brasilien hatten wir schon sechs Jahre zusammengelebt. 2008 war ich das erste Mal in Deutschland. Es war Mai, die Temperaturen lagen zwischen 25 und 30 Grad und die Blumen dufteten sehr. Ich kann sagen, Deutschland hat sich gut verkauft. Verliebt in das Land, schlug ich meinem Mann vor, hierherzuziehen. Damals suchte er eine neue Arbeit. Ich ließ meine Karriere als Organisationsberaterin hinter mir. Seit Januar 2010 habe ich mein Zuhause im Brunnenviertel, wo ich mich auch sehr engagiere. Im Mai 2020 wurde ich eingebürgert. Nun habe ich die deutsche und die brasilianische Staatsangehörigkeit.
Vor der Pandemie hatte ich meine Familie in Brasilien zuletzt im März 2019 besucht. Ich erwartete meine Eltern im Mai 2020 bei mir. Es wäre der erste Besuch meines Vaters gewesen. Dazu kam es nicht. Stattdessen kam Covid. Anders als in Deutschland wurde die Pandemie vom brasilianischen Staat sehr vernachlässigt. Voller Angst um meine Familie wartete ich auf den Moment, wenn sowohl ich als auch meine Eltern geimpft sein würden. Im Juli 2021 konnte ich endlich nach Brasilien fliegen, um das Heimweh ein bisschen zu lindern. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass die Pandemie und die schlechte Bundesregierung die Landschaft meines Heimatlands stark verändert hatten. Es gibt mehr obdachlose Menschen als früher, es liegt mehr Müll herum. Vieles war ich auch nicht mehr gewohnt: die Lautstärke, die fehlende Infrastruktur, die hohe Preise. Ich musste leider feststellen, dass das Einzige, was mich noch mit Brasilien verbindet, meine Familie ist.
Zwischen Deutschland und Brasilien
Zurück in Deutschland war ich froh, wieder hier zu sein. Ich bin hier zu Hause, bin ich aber Deutsche? Portugiesisch ist meine Muttersprache. Deutsch spreche ich fließend, aber es bleibt eine Fremdsprache. Ich bin nicht wirklich Deutsche, denn ich werde nie als solche von der Gesellschaft wahrgenommen. Ich identifiziere mich zwar nicht mehr mit dem aktuellen Brasilien, obwohl viel von seiner Kultur in mir steckt. Aber Deutschland ist, wo ich sein möchte, ich fühle mich aber häufig nicht willkommen: Spreche ich in der Öffentlichkeit Portugiesisch, werde ich schon mal abfällig angeschaut, um nur ein Beispiel von diskriminierenden Erfahrungen im Alltag zu nennen. Auch in den Medien fühle ich mich nicht immer gut repräsentiert.
Wenn ich hier bin, vermisse ich die brasilianische Flexibilität. Wenn ich dort bin, vermisse ich die deutsche Genauigkeit. Das würde ich als Dilemma bezeichnen. Wird man irgendwann wieder ganz? Was ist dann nun Heimat? Wie viele Menschen haben das gleiche Gefühl?
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Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.
Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin „Der weiße Stier vom Humboldthain“ enthalten, das im November 2021 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neue Ausgabe: Der weiße Stier vom Humboldthain“ gesammelt und verlinkt.

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