Mitte Museum: Regionalmuseum ohne Region

„Mitte Museum. Ein Haus für die Geschichte des Bezirks Mitte von Berlin“. Das ist ein Titel der neuen, gelben Broschüre des Hauses. Problem: Der Bezirk Mitte hat mit seinen rund 25 Jahren eigentlich keine Geschichte. Dreht man die Broschüre herum, ist ein zweiter Titel zu lesen: „Gewachsen auf Sand. Geschichte(n) mitten in Berlin“. Das klingt nach Sammelsorium und ist es auch. Das Museum als Herausgeber kann dafür nichts. Die Broschüre drückt lediglich aus, dass Regionalmuseum ein Museum ohne Region ist.

„Es ist eine Wendebroschüre“, sagt Museumsleiter Nathan Friedenberg. Er hat zur Präsentation des Heftes eingeladen, das ab sofort für 10 Euro im Museum in der Pankstraße zu kaufen ist. Von der einen Richtung der Doppelbroschüre in einem Druckwerk blättert sich der Leser von Seite 1 bis 49 durch, von der anderen von Seite 1 bis 41. Viele Fotos, einige Grafiken, ansprechend formatierte Texte. Auf den ersten Blick ein gelungenes Heft. Optisch. Bei der Vorstellung des Magazins in der Aula des Museums (das früher einmal eine Schule war), wirkt es in den Händen des Museumsleiters elegant.

Nathan Friedenberg
Museumsleiter Nathan Friedenberg stellt neue Broschüre vor. Foto: Andrei Schnell

Inhaltlich ist der eine Teil eine Art Erklärung der Ausstellung. Zweck des Magazins ist es, eine schriftliche Begleitung zur Ausstellung zu liefern. In der Kunstwelt würde man von einem Ausstellungskatalog sprechen. Deshalb kommt die Agentur, die die Dauerausstellung layoutet hat, zu Wort. Sie erklärt auf mehreren Seiten ihre Ideen zum Design der Schau. Dann folgen Texte zu einzelnen Themen wie „Stadt nach Plan“ oder „Recht auf Stadt“. Diese Themen entsprechen den Ausstellungsräumen des Museums, die sich genau diesen übergreifenden Themen widmen.

Das Museum ist Teil der Geschichte

Der zweite Teil des Heftes stellt das Haus selbst vor. „Diese Publikation möchten den Lesenden einen Einblick in unsere Arbeit, unsere Abteilungen und unsere Geschichte bieten“, schreibt Nathan Friedenberg am Anfang dieses Teils der Broschüre. Er ist seit September 2020 Leiter des Mitte Museums. Konkret und örtlich verankert sind in diesem zweiten Teil die beiden kurzen Texte von Sigrid Schulze, die dichtgedrängt daran erinnert, wie es zu dem Wedding Museum – äh Mitte Museum gekommen ist. „Dabei ist das Gebäude selbst dessen größtes Ausstellungsstück“, schreibt Sigrid Schulze über das Gebäude. Was sie nicht schreibt: Es ist das größte Ausstellungsstück des Weddinger Geschichtsteils.

Vielleicht sollte an dieser Stelle kurz daran erinnert werden, dass in dem Schulgebäude in der Pankstraße 47 am 9. September 1989 das Heimatmuseum Wedding eröffnete. Eine kommunalpolitische Leistung, dessen Wert angesichts der heutigen staatlichen Angewohnheit des Sparens kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Gleichzeitig darf gesagt werden, dass das Museum damals eine Art Heimatstube war. Schließlich ging es auch aus einem 1952 vom gegründeten Heimatarchiv hervor. Kurz: Die im Mai 2021 neu eröffnete Dauerstellung (Titel: Gewachsen auf Sand) ist für das Haus großer Schritt nach vorn. Eine Professionalisierung der Präsentation und eine gelungene Anpassung an heutige Wahrnehmungen, für die die Besucher dankbar sein dürften.

Drei Ortsteile, nur eine Geschichte?

Dennoch bleibt die Erwartung, dass das Museum für die einzelnen Geschichten der einzelnen Stadtteile da ist. Und es also auch Moabit (ein Ortsteil des von 1920 bis 2001 existierenden Bezirks Tiergarten) in den Blick nehmen müsste. Und den Bezirksteil Alt-Mitte. Alle drei in ihren Eigenarten. Das Museum müsste also drei Geschichtsschreibungen parallel vornehmen. Das will das Haus nicht und damit auch die Broschüre nicht (die sich als Begleitheft versteht). Stattdessen unternehmen Museum und Broschüre den Versuch, eine Region Mitte zu behaupten und dessen Geschichte zu erzählen. Das muss misslingen, weil bis heute nicht zusammengewachsen ist, was nicht zusammengehört.

Mitte Museum
Übergreifendes Thema wie „Gewachsen auf Sand“. Foto: Andrei Schnell

Was hat der Bär mit Wedding, Moabit oder Alt-Mitte zu tun?

Broschüre und Ausstellung versuchen das Problem, dass es für das Regionalmuseum keine Region gibt, mit übergeordneten Fragen zu lösen. So ist „Architekturen der Macht“ ein spannendes Thema und man wünscht sich zu erfahren, wie unsere Vorfahren in den drei Regionen Alt-Mitte, Wedding und Moabit jeweils unterschiedlich ihre gelebten Machtverhältnisse in Ziegelstein und Beton gefasst haben. Doch dann wäre man bei parallelen Geschichten und das will das Museum offenbar vermeiden. Es soll eine Geschichte geben, wo es in Wahrheit drei gibt.

Deutlichstes Zeichen dafür, dass das Museum sich übergreifenden, allgemeinen Betrachtungen zuwendet und dabei die drei tatsächlichen Regionen übergeht, ist das Kapitel über den Berliner Bären. In diesem Kapitel nimmt es nicht einmal mehr die willkürliche Region des heutigen Bezirks Mitte in den Blick. Ja, die Frage, wie der Bär ins Berliner Wappen gekommen ist, ist zweifelsohne unterhaltsam. Aber nein, das interessiert den Weddinger, Moabiter, Alt-Mittler nicht. Der Bezug fehlt. Denn das Weddinger Wappen (entstanden 1950) zeigte einen geflügelten Pfeil. Der Bezirk Tiergarten (Wappen von 1955) hatte sich für springenden Hirschen entschieden. Und das Gebiet des heutigen Alt-Mitte (zu DDR-Zeiten einfach Mitte) hatte bis 1987 den Adler als Wappentier. (Wer es nicht glaubt, liest bei Wikipedia über Der alte Bezirk Mitte). Der Bär im Wappen ist nicht Teil der Geschichte der drei Bezirksteile. Er ist Teil der Berlingeschichte. Und um die kümmert sich das Stadtmuseum (früher Märkisches Museum).

Fazit: Die neue Broschüre ist gut gestaltet und die professionelle Anmutung des Museums ist ein Fortschritt. Doch Wedding, Moabit und Alt-Mitte haben nur wenig gemeinsame Geschichte. Und wenn es diese doch geben sollte, dann vermittelt das Magazin diese nicht.

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Kommentare

  1. Avatar von Aro

    Eigentlich gehören auch noch das Hansaviertel und Tiergarten Süd zum Bezirk Mitte. Sie gehörten früher mit Moabit zum Bezirk Tiergarten und sind heute ebenfalls offiziell Ortsteile von Mitte.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Da hat das Museum wohl noch etwas zu tun.

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