„Vielheit // Musterexemplare“ ist der Titel des Kunstprojekts, das die Berliner Künstlerin Josefine Günschel für die Brunnenstraße entwickelt hat. Sie bemalt Straßenbäume mit Mustern, die Menschen aus dem Kiez beigesteuert haben. Beate Heyne hat sich mit ihr Mitte Mai zu einem Gespräch im Eiscafé „Eisberg“ getroffen.


Beate Heyne: Hallo Josefine, ich freue mich, dass wir hier vor Ort über dein Projekt sprechen können, während wir durch das Fenster unmittelbar auf die Protagonisten deines Projekts, auf die Straßenbäume blicken. Ich sehe rotblättrige Spitzahorne, zwei, drei grünblättrige sind auch dabei.
Josefine Günschel: Ich freue mich auch. Ja, es sind 31 Bäume, die hier in der Brunnenstraße zwischen Bernauer und Stralsunder Straße stehen und die ich unter Verwendung einer speziellen Stammschutzfarbe mit unterschiedlichen Mustern bemalen werde.
Deiner Projektliste konnte ich entnehmen, dass du bereits zweimal in dieser Form mit Bäumen gearbeitet hast. Jetzt also eine Fortsetzung?
Josefine Günschel: Das erste Mal habe ich 2007/2008 Straßenbäume in der Wisbyer Straße hier in Berlin mit Mustern bemalt. 2011 gab es ein weiteres Projekt in Dänemark. Jetzt hier. So gesehen eine Fortsetzung, was die handwerkliche Seite betrifft, aber mit etwas anderem Projekthintergrund.
Wie ist das Projekt zustande gekommen?
Josefine Günschel: Die Degewo, die hier Hauptvermieterin von Gewerbe- und Wohnimmobilien ist und meine Arbeit aus der Wisbyer Straße kannte, ist an mich mit dem Auftrag herangetreten, für einen Teil der Brunnenstraße eine ähnliche Arbeit zu realisieren. Ihre Intention ist, auf den Ort neugierig zu machen, ihn attraktiver zu gestalten und dabei ein Augenmerk auf die (Straßen-)Bäume zu richten. Es geht dabei aber auch darum, Menschen unterschiedlicher Kulturen in ihrer Vielheit zusammen und in Austausch zu bringen.

Aber nicht erst, wenn du die Bäume bemalst, oder?
Josefine Günschel: Stimmt. Meine wesentliche Arbeit im vergangenen Jahr war es, mit Menschen im Kiez in Kontakt zu kommen und sie um ihre Mitarbeit zu bitten, indem sie mir Mustergegenstände oder Fotos bringen, die ihnen etwas bedeuten. Wenn sie wollten, erzählten sie mir dazu auch ihre Geschichten. Mit dem Flyer „Mitmachen & Muster fotografieren!“ war ich unter anderem im Nachbarschaftscafé in der Waschküche, beim Puduhepa e.V., einem gemeinnützigen Frauenverein, beim Brunnenviertel e.V. und im Familienzentrum Wattstraße. Ich wurde überall offen und herzlich aufgenommen. Meist war ich mehrmals zu Besuch, denn es braucht natürlich Zeit, um sich kennenzulernen und damit auch das Vertrauen in das Projekt und einen respektvollen Umgang mit dem Material zu schaffen.
Ich verstehe – die Menschen sind die Erzähler, du hast ihre Muster und Geschichten gesammelt und machst daraus ein öffentlich lesbares Buch. Ich konnte schon in die Mustersammlung reinschauen. Sie ist toll!
Josefine Günschel: Am Ende ist es eine wunderbare Sammlung mit etwa 100 Mustern geworden. Die Sammlung ist ein eigenständiger Teil des Projekts und Inspiration für die Bemalungen. Die meisten Muster haben ja kulturell-historische Bezüge, sind nicht selten mit den Menschen über die Kontinente gewandert und haben an anderen Orten später eine Modifizierung erfahren. Man kann an ihnen den fruchtbaren Austausch, die wechselseitige Inspiration der Kulturen ablesen.

Spannend, aber 100 Muster auf 31 Bäume zu bringen – das ist kaum machbar. Was nun?
Josefine Günschel: Auch aus Kostengründen musste ich eine Auswahl treffen. Das war nicht einfach. Neben der Ästhetik der Muster und ihren kulturellen Bezügen spielte hierbei auch die handwerkliche Realisierbarkeit eine Rolle, denn ich werde die Muster mittels Schablonen mit einer weißen Langzeit-Stammschutzfarbe aufbringen und die ist dick wie Grießbrei. In meinem Atelier habe ich Musterbäume hergestellt und dabei auch geschaut, welche Muster sich gut miteinander kombinieren lassen und auch wie die Bäume im Außenraum miteinander korrespondieren werden. Im April habe ich der Degewo dann eine Auswahl von acht Mustern vorgestellt.
Was machst du im Moment?
Josefine Günschel: Gegenwärtig bereite ich die Schablonen vor. Im Juni werde ich an den ersten Bäumen arbeiten. Im kommenden Jahr wird dann der zweite Abschnitt der Bemalung realisiert. Und ich hoffe sehr, dass wir die Ausstellung und einen Katalog über die gesamte Mustersammlung und ihre Geschichten machen können. Gegenwärtig sind die Degewo und ich auf der Suche nach einem passenden Ort – am besten hier in der Nähe.
Aus meiner Sicht wäre das für das Verständnis des Projektes sehr wichtig. Jetzt wünsche ich dir erst einmal gutes Gelingen.
Josefine Günschel: Herzlichen Dank!
Kurz nach diesem Gespräch hat Josefine Günschel mit der Bemalung der Bäume begonnen. Beate Heyne wird das Kunstprojekt „Vielheit // Musterexemplare“ weiter begleiten und im brunnen-Magazin berichten (zu den Texten).
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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

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