In Gedenken an Holger Eckert

Vor zwei Jahren ist ganz überraschend unser Redaktionsmitglied Holger Eckert gestorben. Holger war auch einer der Paten der Gleim-Oase und im Brunnenviertel vielen bekannt. Michael Becker erinnert mit diesem Beitrag an Holger Eckert, an den wir auch heute noch oft denken.

Holger auf der Gleim-Oase. Foto: Michael Becker

Lieber Holger, ich hatte Gelegenheit, dich die letzten zehn Jahre deines Lebens (2010-2020) im Rahmen der Patenschafts-Initiative Gleim-Oase fotografisch zu begleiten.

Das letzte Mal traf ich dich im April 2020 in der Swinemünder Straße. Dort ruhte ich auf einer Bank von der Wanderung durch den Mauerpark, als eine Stimme im amtlichen Ton hinter mir rief: „Ihren Fahrschein bitte!“ Schrecksekunde für mich. Es waren gerade die ersten Corona-Einschränkungen erlassen worden. Man durfte nur begründet das Haus verlassen. Deshalb hatte ich zur Sicherheit meine Bescheinigung bei mir, die bestätigt, dass ich Fotos für vom Quartiersmanagement geförderte Projekte mache. Doch dann realisierte ich sofort deine Stimme, drehte mich um und sah den mir wohlbekannten Schalk in deinen Augenwinkeln.

Die Nachricht kam überraschend

Ich war gerade mit den Vorbereitungen für die Ausstellung zum zehnten Jahrestag eurer Patenschaft befasst, die für den Herbst 2020 geplant war. Es war nach der ersten großen Ausstellung über die Gleim-Oase 2015 im Rathaus Mitte an der Zeit für einen Gesamt-Rückblick. Daraus wurde dann aber wegen Corona erst 2021 etwas. Doch ein Naturereignis ganz anderer Art drängte sich zuerst dazwischen: Wenige Wochen nach unserer Begegnung erreichte mich kurz nach Pfingsten 2020 die Nachricht von deinem plötzlichen Tod.

Beim Gedenken für Holger Eckert. Foto: Michael Becker

Am 19. September 2020, es wäre Dein 61. Geburtstag gewesen, kam es zu einem stillen Gedenken deiner letzten Weggefährten. An einem sehr würdigen Ort. Auf der Oase. Dein in gewisser Weise weibliches Alter Ego Dunja hatte eine Schatulle mit Schreibutensilien vorbereitet. Jeder konnte seine letzten Wünsche für dich niederschreiben. Diese letzten Grüße wurden anschließend in Höhe der Vogelgruppe beigesetzt, von wo aus du früher immer gern deine Ansprachen hieltest. Manchmal im Übermut von dir als kleine Waldbühne tituliert.

Stilles Gedenken auf der Gleim-Oase

Wir hatten eine kleine Flaschenpost für dich mitgebracht. Die Idee dafür stammte aus einem Weiterbildungsangebot unseres damaligen Trägers Schildkröte GmbH für einen Filmkurs, das wir 2013 wahrgenommen hatten. Dort hatten wir Drehbücher rund um die Gleim-Oase entwickelt. In dem von dir und Dunja ging es um Willi Wutbürger, der die Oase weghaben wollte, um mehr Parkplatz für sein Auto zu haben. Der wurde von dir mit viel Gestaltungsfreude gesprochen. In meinem ging es um eine Nachricht an die Gleim-Oase, sie für die Aufnahme in das Unesco-Weltkulturerbe vorzuschlagen. Da die Gegner dieser Nachricht den Postweg sabotierten, blieb nur der Weg als Flaschenpost durch den Landwehrkanal. Du hast alles mit der dir eigenen Akribie gefilmt. Leider steht der Denkmalschutz für die Oase immer noch aus…

Eine Flaschenpost für den Verstorbenenen. Foto: Michael Becker

Das erste Mal begegnete ich dir 2010 vor dem Fenster des Beratungsladens MachBar in der Putbusser Straße 29, wo man schön auf dem Sims sitzen konnte. Mein bleibender Eindruck davon ist deine Konzentration in Gesicht und Haltung. Du warst bis 2014 Anleiter für die Kiezläufer. Ich hatte spontan das Gefühl, dass es eine gute Zusammenarbeit geben würde.

Im Oktober 2021 endlich konnte die Ausstellung zu zehn Jahren Gleim-Oase eröffnet werden. Sowohl Open Air auf der Oase mit 40 Fotos an Schnüren, die deine neuen alten Kollegen der Kiezläufer täglich installierten. Als auch mit 20 Fotos in den Bilderrahmen des Brunnenviertel e.V. gegenüber in der Graunstraße 28.

Tulpen auf der Gleim-Oase, gepflanzt von Holger Eckert und Dunja Berndt. Foto: Michael Becker

Aber am meisten kannst du dich darüber freuen, dass sich 2021 neue Gärtnerinnen gefunden haben, die eure Tradition weiter führen wollen. Sie haben im Frühjahr 2021 Kontakt zur ehemaligen Patin Dunja Berndt aufgenommen. Du siehst, eure Impulse 2010/2020 hallen nach und tragen Früchte. Auch unter den veränderten Bedingungen durch die neu errichteten umliegenden Wohngebiete soll der Oasencharakter vor der ehemaligen Grenze weiter gewahrt bleiben.

Ich hoffe, sie können verstärkt Formen einer Erinnerungskultur finden, die über die üblichen Jubiläumsjahre hinaus auch im Alltag wirken. Vielleicht unter anderem durch stationäre Erinnerungstafeln. Inhaltlich bietet die Oase aufgrund ihrer Anlage 1985 zu Mauerzeiten Projektionsflächen für alle heutigen Herausforderungen wie Klimawandel und Flüchtlingsbewegungen. In gewisser Weise erinnert sie mich an das „Parlament der Bäume“ des kürzlich verstorbenen Aktionskünstlers Ben Wagin. Auch er schlägt in seinem Garten am Mauerstreifen im Regierungsviertel mit Bäumen aus allen Teilen der Welt und Granitplatten mit Namen der Mauertoten einen Gedenkbogen von Erhaltung der Natur als einer elementaren Voraussetzung für eine friedliche Zukunft. Auch die neuen Gärtnerinnen bringen verschiedene kulturelle Wurzeln mit, die sie auf der Oase auch als solche anwachsen lassen könnten. Du darfst gespannt sein.

Holger Eckert in seinem Element – auf der Gleim-Oase. Foto: Michael Becker

Als Hommage auf eure langjährige Paten-Initiative noch ein Lied auf den Weg. Die Idee, auf eine alte Melodie neue Worte zu legen, habe ich von euren schönen Liedern 2015 zur damaligen Lesewoche übernommen.

Lied für Holger Eckert

Salve Holger Melodie: Country Roads (John Denver)
Straßeninsel, am Gleimtunnel
Oft gesehen, aber nicht erkannt
Ihre Geschichte, zwei Paten suchten
Tief unter Hecken, hat sie sich verrannt

Freigeschnitten, fanden sie Figuren
Vögel, Menschen, Tore, die uns was erzählten
Von ihrem Ursprung, an der Mauer
Die einst Stadt, Land, Fluss, viele Jahr geteilt

Sie luden ein, Nachbarn, schaut: Eine Oase
Die alte Hoffnung füllt mit neuer Zuversicht
Kommt, singt, zitiert, lasst wachsen
Blumen, Tische deckt
Nehmt sie an
Eure Hand

Refrain
Tulpen blüh‘ n, wenn ich komm
Wo ich gerne verweil‘
Gleim-Oase, mit dem Herzen
Kannst du mich immer sehn

Gedanken zum gedichteten Liedtext

Für mich spielten beim verfassen des Liedtextes drei Überlegungen eine Rolle:

1. Die Patenschaft auf der Oase war aus meiner Sicht die nachhaltigste Arbeit in deinem Leben. Sie erschien mir nach deiner vorherigen beruflichen Odyssee wie ein seelisches Anlegen. Hier konntest du viel Eigenes probieren und umsetzen. Du und Dunja brachtet jedes Jahr neu die Kraft zur gegenseitigen Motivation auf. Dadurch habt ihr für die vielfältigsten Anlässe eine Atmosphäre der Geborgenheit geschaffen. Dieses Gefühl soll die Musik des „Take Me Home“ von John Denver vermitteln.

2. Die Tulpen mit ihrem Leuchten über die Insel sind immer eine deiner besonderen Vorlieben gewesen.

3. Die Weisheit, mit dem Herzen besser sehen zu können, äußerte bekanntlich der Fuchs des kleinen Prinzen von Saint-Exupery. Da auch die Oase des Öfteren von Füchsen aufgesucht wird, ist klar, dass sie auch mit Hilfe dieser Wahrnehmung kommunizieren kann. Das hattet auch ihr 2010 schnell als eines ihrer Geheimnisse herausgefunden. 2015 hielt ich die Zeit für reif, ihr im Alter von mittlerweile 30 Jahren den Ehrennamen „Madame Oase“ zu verleihen. Sie hat dich auch in deiner St.-Hedwig-Oase seit 2020 hinter der Liesenbrücke immer im Blick. Von der Gartenstraße dort am Humboldthain vorbei zur Gleim-Oase ist es nur ein Katzensprung. Sie weiß, dass du dich dort in Nähe des alten Naturwanderers Theodor Fontane aufgehoben fühlst. Gegenüber auf der Dorotheenstädtischen-Oase ruhen die drei berühmten Berliner Zirkusdirektoren Schumann, Renz und Busch. Auch ihre Nähe ist dir ganz angenehm. Ein bisschen war die Oase mit dem Zeltdach Gleimtunnel für dich auch eine Arena:

Wenn ich nur an deine Eröffnungsansprache zur Woche der Sprache und des Lesens 2014 auf der Oase denke. Damals wurde gerade das Jahr des Jubiläums 25 Jahre Mauerfall mit Leuchtballons längs des Mauerstreifens begangen. Auf die Betonwände der Regierungsgebäude im Spreebogen wurde allabendlich die historische Rede Ernst Reuters 1948 zur Blockade West-Berlins gebeamt: Ihr Völker der Welt… schaut auf diese Stadt.

Mit eben dieser großen Geste hast du gegen einen damals erwogenen Abriss der Oase aufgerufen: „Ihr Anwohner im Kiez, in der Graunstraße, in der Ramlerstraße, in der Gleimstraße – Schaut auf diese Insel und erkennt, dass ihr diese Insel nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“

Gleich im Anschluss kam eine deiner für dich typischen Relativierungen: Jut, wa?

So, die Flaschenpost fliegt in den Brunnen.

Im Gedenken Holger Eckert (1959-2020)

📍 Kiez: ,

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