Hinter der verspiegelten Fassade der alten Nixdorf-Fabrik klirrt Metall auf Beton. Wo früher Computertechnik produziert wurde, sortieren heute Arbeiter Rohstoffe für den Wiederverkauf.
An der Gustav-Meyer-Allee soll in den kommenden Jahren ein großflächiges Gewerbequartier entstehen. Im „Quartier am Humboldthain“ sind Labore, Büros, Gastronomie und Flächen für Technologieunternehmen geplant. Auch ein Quartierspark und ein Supermarkt sind vorgesehen. Dafür wird derzeit die alte Nixdorf-Fabrik abgerissen. Der Abriss erfolgt von innen nach außen – dabei werden 50.000 Tonnen Rohstoffe geborgen und wiederverwendet.

Ein Gebäude als Rohstofflager
Der eigentliche Abriss steht noch bevor. Trotzdem arbeiten schon seit dem Frühjahr täglich 50 Menschen auf der Baustelle, um das Gebäude Stück für Stück auseinanderzunehmen. Der Investor hinter dem Projekt, der Immobilienentwickler Coros, betrachtet die alte Nixdorf-Fabrik nach eigenen Angaben als Rohstofflager. „Wir bauen hier sozusagen rückwärts“, sagt Lutz Keßels vom Immobilienentwickler Coros bei einer Baustellenbesichtigung. „Wir reißen nicht einfach ab, wir versuchen, so viel wie möglich wiederzuverwenden.“

Deshalb türmen sich vor dem Haus mit der auffälligen Spiegelfassade inzwischen Berge aus Bodenplatten, Metallteilen, Sand, alten Heizungsteilen, Rohren und vielem mehr. Alles wird ausgebaut, sortiert und gelagert – bis zur Wiederverwendung. Wiederverwertung bedeutet: Ein Teil wird auf anderen Baustellen von Coros eingesetzt, anderes an Bauunternehmen verkauft oder an Hersteller zurückgegeben. Ein Beispiel sind die Bodenfliesen, die sich im früheren Bürogebäude in großen Mengen finden. Coros hat extra eine kleine Maschine bauen lassen, die Bodenfliesen vom Teppich trennt. Ein Bauarbeiter steht Tag für Tag an der Maschine und separiert die Materialien, die sich im Nebenraum stapeln. Die getrennten Teile sollen verkauft werden.
„Einige der Doppelbodenplatten werden nach Luxemburg transportiert und dort in einem neuen Bürogebäude verbaut“, sagt Lutz Keßels. „Die Nachfrage nach Re-Use-Platten ist groß.“ Das Angebot von der Baustelle ist ebenfalls beachtlich: 40.000 Quadratmeter Bodenfliesen wurden eingesammelt. „Das sind etwa sechs Fußballfelder“, ordnet Lutz Keßels ein.


Urban Mining statt Schuttcontainer
Für Lutz Keßels ist der nachhaltige Rückbau nicht nur eine Reaktion auf einen Wunsch des Bezirksamts. Für ihn hat das „Urban Mining“ auch eine wirtschaftliche Komponente. „In dem Gebäude sind Kupferleitungen, die würden von hier bis Japan reichen. Wenn wir das alles wegschmeißen würden, würde das auch wirtschaftlich nicht funktionieren“, sagt Keßels. Deshalb soll heute möglichst viel zurück in den Kreislauf gelangen, was früher im Schuttcontainer gelandet wäre. Doch die Methode ist aufwendiger. „Es dauert, die Materialien in diesem Umfang wieder zu verkaufen und zu recyceln. Das ist hier schon ein wenig Pionierarbeit“, sagt Lutz Keßels.
Die Wege, alte Rohstoffe zurück in den Kreislauf zu bringen, sind noch nicht so etabliert wie der Neukauf. Um diese Prozesse zu erforschen und zu optimieren, arbeitet auch ein Forschungsprojekt der Universität der Künste Berlin an der Baustelle mit. In einem Raum in einem Obergeschoss wurden Stahlbetondecken und -säulen herausgeschnitten. „Die werden nach Leipzig gebracht und dort im sozialen Wohnungsbau wiederverwendet“, erklärt Lutz Keßels. Für die Zukunft wünscht er sich eine Datenbank, in der erfasst wird, wer gerade welchen Rückbau macht, welche Materialien verfügbar sind und welche gebraucht werden.

Vom Kahlschlag zum nachhaltigen Bauen?
Im Brunnenviertel wurden in der Vergangenheit viele Gebäude abgerissen. Das Gebiet war ab den 1960er-Jahren das größte zusammenhängende Sanierungsgebiet der Bundesrepublik. Fast alle Häuser im Viertel wurden im klassischen Sinne abgerissen. Bekannt ist dieser großflächige Abbruch unter dem Begriff Kahlschlagsanierung.
Klassisch bedeutete damals: Sprengung und Abrissbirne. Das ist heute nicht mehr angesagt; die Branche orientiert sich laut Lutz Keßels langsam in Richtung nachhaltiger Bauweise. Nach Einschätzung des Entwicklers ist der Rückbau wegen der Größe des Bauprojekts, des Bestandsgebäudes und der Menge der geborgenen Materialien besonders aufwendig. 50.000 Tonnen Material sollen auf der künftigen Baustelle des „Quartier am Humboldthain“ wiederverwendet werden. Weiteres Material wird auf anderen Baustellen genutzt oder verkauft. Nach Angaben des Entwicklers könnten dadurch etwa 2.000 Lkw-Fahrten mit Bauschutt entfallen – und noch einmal genauso viele Fahrten für den Antransport neuer Materialien.

Stück für Stück rückbauen statt sprengen: Das dauert deutlich länger. Die Entkernung läuft seit Jahresbeginn, erst ab Herbst 2026 soll das Gebäude auch sichtbar aus dem Stadtbild verschwinden. Insgesamt dauert es fast zwei Jahre, bis die alte Nixdorf-Fabrik abgetragen ist und der Neubau im „Quartier am Humboldthain“ beginnen kann.
Abriss oder Umbau?
Kritik am Projekt gibt es dennoch. Zwar wurde nach Wünschen aus der Nachbarschaft ein Supermarkt in die Planungen aufgenommen, andere Einwände bleiben jedoch bestehen. So will das Netzwerk KulturerbeNetz.Berlin die alte Nixdorf-Fabrik aus architektonischen Gründen am liebsten komplett erhalten. Andere fragen, ob ein Abriss noch zeitgemäß ist und ob ein Umbau nicht deutlich ökologischer wäre.

Bei dem Projekt sei über einen Umbau nachgedacht worden, sagt Keßels. „Wir haben lange überlegt, ob wir überhaupt abreißen.“ Doch im Inneren komme kaum Tageslicht an, vor allem in der Gebäudemitte. Das Gebäude sei ein großer Klotz mit 220 Metern Breite und 120 Metern Länge. „Man hätte rund um die Uhr beleuchten müssen“, sagt Keßels. Wegen der verspiegelten Fassade wären zudem dauerhaft Klimaanlagen nötig gewesen. „Das Gebäude hat so viel Energie verbraucht wie eine mittlere Kleinstadt.“
Der Neubau soll nach Angaben des Entwicklers nur noch etwa ein Drittel dieser Energiemenge benötigen. Ob der nachhaltige Rückbau tatsächlich ökologischer ist als ein Umbau, bleibt offen. Fest steht: Der Abriss der Nixdorf-Fabrik markiert ein weiteres Kapitel in der Baugeschichte des Brunnenviertels.


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