Die Tage der alten Nixdorf-Fabrik an der Gustav-Meyer-Allee sind gezählt. Wer das markante Gebäude noch einmal anschauen oder fotografieren möchte, sollte sich beeilen. „Der Rückbau des Bestandsgebäudes startet Ende 2025, die Fertigstellung des Quartiers ist bis 2030 geplant“, schreibt der Projektentwickler des Quartiers am Humboldthain. Das Gewerbequartier soll auf dem Grundstück entstehen, auf dem sich noch das Gebäude mit der Glasfassade befindet. Der Bebauungsplan ist inzwischen beschlossen, die Projektentwickler gehen in die nächste Phase. Zugleich stellt KulturerbeNetz.Berlin die Frage, ob der Abriss überhaupt notwendig und sinnvoll ist.

Ein Großprojekt auf neun Fußballfeldern
Die ehemalige Nixdorf-Fabrik, auch als „Silicon Wedding“ bezeichnet, steht einem großen Neubauprojekt im Weg. Das Immobilienunternehmen Coros will hier auf einer Fläche, die so groß ist wie neun Fußballfelder, ein Gewerbequartier errichten – mit Platz für Wissenschaft, Labore, Büros und Produktionsstätten, aber auch mit einer frei zugänglichen Grünfläche. Umgesetzt werden soll es nach den Plänen des Büros Cobe Architekten aus Kopenhagen – mit Schwerpunkt auf nachhaltigem Bau.
Die Pläne für das Quartier am Humboldthain gibt es bereits länger. Spätestens das war der Startpunkt für das Projekt: 2019 übernahm Coros das Gelände, auf dem noch bis vor einem Jahr die Berliner Sparkasse ansässig war, und begann mit der Planung. Im Rahmen von Beteiligungswerkstätten mischten sich die Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Brunnenviertel vor allem deshalb ein, weil sie auf dem Gelände einen Supermarkt vermissten (siehe: 300.000 Quadratmeter und kein Supermarkt?). Laut dem Bebauungsplan soll eine Nahversorgung nun in das Gebiet integriert werden.

Kritik von KulturerbeNetz.Berlin
Kritik am Bauprojekt gibt es nun vor allem vom KulturerbeNetz.Berlin. Dabei handelt es sich um ein 2017 gegründetes Netzwerk aus Bürgerinitiativen, Vereinen, Gruppierungen und Organisationen sowie Einzelpersonen, die sich ehrenamtlich mit der Förderung des Kulturerbes, des Denkmalschutzes und der bürgerschaftlichen Denkmalpflege beschäftigen. Sie kritisieren in einer Pressemeldung von Donnerstag, dem 4. Dezember, dass ein aus ihrer Sicht schützenswertes Gebäude abgerissen wird. Das Netzwerk bezweifelt die Nachhaltigkeit des Vorhabens und die Notwendigkeit des Abrisses und hat die alte Nixdorf-Fabrik kürzlich in seine „Rote Liste der bedrohten Bauten“ (zum Eintrag) aufgenommen.
„Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel im Bausektor – weg vom Neubau, hin zum Um- und Weiterbau. Die vielfältigen Möglichkeiten, den Bestand zu nutzen, werden immer noch viel zu wenig in Betracht gezogen“, so der Architekt Karsten Feucht von KulturerbeNetz.Berlin. Er sieht im Bestand eine wertvolle Ressource, die vom Preis von gestern für morgen zur Verfügung steht. Die stilistisch an den Palast der Republik erinnernde Computerfabrik bietet 130.000 Quadratmeter Nutzfläche. Der Bau kostete 300 Millionen DM (inflationsbereinigt 2.500 Euro/Quadratmeter). „Diese Substanz stünde kostenlos zur Verfügung“, so Karsten Feucht in der Pressemeldung.

Unnötige Abrisse in Berlin?
Das KulturerbeNetz.Berlin beklagt 2025 „zahlreiche unnötige Abrisse“ – das Bürohaus an der Urania, das Jahnstadion im Mauerpark, das Landeslabor am Hauptbahnhof oder ein Wohnhaus in der Mollstraße. „Akut gefährdet ist auch das Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee, für dessen Erhalt seit Langem engagiert gestritten wird“, so Feucht.
Das Netzwerk bezeichnet den grundsätzlichen Abriss als „sinnlose Praxis der Vernichtung von Ressourcen“. In seinem Abriss-Atlas haben die ehrenamtlichen Denkmalschützer viele solcher Fälle dokumentiert. Diese Praxis verursache „über ein Drittel aller CO2-Emissionen“ im Bau- und Gebäudesektor und stelle damit Industrie, Flug- und Autoverkehr in den Schatten. Die Kritik: Auch wenn klimafreundlich gebaut wird, wird klimaschädlich abgerissen.
Mehr Informationen zum Projekt
Mehr über das Bauprojekt „Quartier am Humboldthain“ steht auf der Projektwebseite quartier-humboldthain.de.
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