Manchmal braucht es einfach eine Freundin, einen Wegbegleiter oder ein Vorbild. Vor allem, wenn in der Familie und im nahen Umfeld eine solche Person fehlt, kann eine Patin oder ein Pate helfen. Das Projekt „PaSch – Patenschaften für Schulkinder“ in der Fabrik Osloer Straße vermittelt seit 15 Jahren solche Fahrgemeinschaften für das Leben junger Menschen. Beim Projekt-Geburtstagsfest kamen vor Kurzem auch ehemalige Paten und ihre Patenkinder zusammen.

Die Geschichte von Annamaria und Akhmat
Annamaria und Akhmat haben sich 2013 das erste Mal getroffen. Akhmat war damals acht Jahre alt. Ihre Wege kreuzten sich in der Fabrik Osloer Straße, wo das PaSch-Projekt sie zusammenführte. „Ich war damals mit dem Studium fertig, hab in Rehberge gewohnt und wollte nach dem Job noch etwas machen, etwas Soziales“, erzählt Annamaria. Bei einer Freiwilligenbörse im Roten Rathaus hat sie das Patenschaftsprojekt aus dem Soldiner Kiez kennengelernt. Sie hat mehrere Flyer mitgenommen und sich dann schnell gegen die Lesepatenschaft und für das PaSch-Projekt entschieden. In der Fabrik habe man ihr eine Patenschaft mit Akhmat vorgeschlagen. Sie haben sich dreimal in der Fabrik getroffen, Annamaria hat die Familie zu Hause besucht. Weil alles passte, wurde die Patenschaft geschlossen.

Wenn Akhmat über Annamaria spricht, spürt man sehr viel Wertschätzung. Es klingt wie eine sehr wertvolle Kindheitserinnerung, die er heute in sich trägt. „Ich hatte einfach eine gebildete Person an meiner Seite, der ich Fragen stellen konnte“, sagt er. Fragen hat Annamaria viele beantwortet. „Weißt Du noch, wie wir mal sehr lange über die Mondlandung gesprochen haben und ob das echt oder inszeniert war?“, fragt Annamaria. „Ja, das hat mich sehr interessiert“, sagt Akhmat. Beide lachen. Ein bis zwei Mal in der Woche haben sie sich getroffen. Doch sie haben nicht nur geredet.

Zusammen unterwegs in Berlin
Annamaria hat mit ihrem Patenkind Hausaufgaben gemacht. Doch Erinnerungen fürs Leben sind die gemeinsamen Ausflüge geworden. „Wir haben zusammen Sachen gemacht, die ich sonst nicht gemacht hätte. Ich hatte damals nicht so viele Freunde“, sagt Akhmat. Mit Annamaria hat er im Park Fußball gespielt, sie waren zusammen beim Fußballstützpunkt in der Uferstraße, im Zirkus, beim Rappen in Kreuzberg. Sie waren an der Berliner Mauer und an vielen anderen Orten.
„Meist hat das Annamaria ausgesucht, weil ich ja nicht so viel kannte“, sagt Akhmat. „Ich habe immer versucht, ihm etwas zu zeigen von der Welt. Aber ich bin auch zu Schulaufführungen gegangen, denn seine Mutter hat das ja nicht verstanden, weil sie kein Deutsch sprach“, sagt Annamaria. Durch die Situation in der Familie sei es so gewesen, dass für Akhmat kaum Hilfe, kaum Platz, kaum Raum war. „Es fehlte mir nicht an Mutterliebe, es fehlte an Aufmerksamkeit und auch an Erziehung“, sagt Akhmat.



Hilfe bei der Integration
Annamaria ist dort eingesprungen, wo Akhmats Umfeld ihm keine Hilfe und keine Zeit war. „Wir haben auch zusammen Geburtstag gefeiert. So einen schönen Geburtstag wie den hatte ich nie wieder“, sagt Akhmat ganz entschieden. Er sagt auch, dass er durch Annamaria sehr viel Wissen erlangt hat. „Ich hätte mich anders entwickelt, hätte ich Annamaria nicht gehabt. Sie hat mir sehr geholfen“, fasst er zusammen. Die Patin freut sich sichtlich über die Worte ihres früheren Patenkindes, denn sie ist selbst überzeugt, dass eine solche Begleitung sehr wertvoll sein kann. „Ich bin in Ungarn geboren und lebe seit 20 Jahren in Deutschland. Man braucht einfach manchmal Hilfe, um sich zu integrieren“, sagt sie. Genau dabei wollte sie helfen.
Die Patenschaft endete nach drei Jahren, als Annamaria ein eigenes Kind bekam und nicht mehr so viel Zeit hatte. Akhmat war zu dem Zeitpunkt elf Jahre alt. Akhmat hat auch mit Annamarias Hilfe seinen Weg gemacht. Sein Weg führte ihn zum Sport: Er ist heute Kickboxer und auch Trainer im Wedding.
Wiedersehen in der Fabrik Osloer Straße
Vor zwei Jahren haben sich Annamaria und Akhmat das letzte Mal gesehen. Die Begegnung beim Geburtstagsfest des PaSch-Projekts war eine schöne für beide. Ob sie viel mit den anderen Patenpärchen gesprochen haben? Ob sie ins Gästebuch geschrieben oder sich Freundschaftsarmbänder gemacht haben? Vor allem hatten sie eine Gelegenheit, sich wiederzutreffen, so wie man einen alten Freund aus Kindertagen wiedertrifft. Viel Drumherum braucht es da nicht.
Die Geburtstagsfeier
Akhmat und Annamaria waren natürlich nicht allein beim Geburtstagsfest von PaSch. Auch andere frühere und aktuelle Patenpärchen waren an diesem heißen 14. Juni gekommen. Sie alle saßen unter dem großen Sonnensegel im Hof der Fabrik, bedienten sich am üppigen Buffet, tauschten Erinnerungen aus und quatschten einfach den Nachmittag weg.

Das PaSch-Projekt
Seit 2010 vermittelt das Projekt „PaSch – Patenschaften für Schulkinder“ in der Fabrik Osloer Straße im Soldiner Kiez erwachsene Freiwillige als Pat:innen an Grundschulkinder aus dem Wedding, um Kindern aus dem Kiez bestmögliche Bildungs- und Entwicklungschancen zu bieten. Derzeit gibt es 18 aktive Patenschaften. Weitere Informationen über das Projekt gibt es auf der Webseite www.pasch-paten.de. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann sich an Viola Hoppe wenden. Sie ist per E-Mail unter post@pasch-paten.de erreichbar, per Telefon unter (0176) 81 94 55 62.
Das PaSch-Team freut sich besonders, wenn sich Menschen melden, die eine Patenschaft für ein Schulkind übernehmen möchten. Auch junge männliche Paten werden gesucht. Darüber hinaus sind auch (Weddinger) Firmen sehr willkommen, die das Projekt mit einer Spende unterstützen möchten.
Transparenzhinweis: Autorin Dominique Hensel ist beim Fabrik Osloer Straße e.V., dem Träger des beschriebenen Projekts, ehrenamtliche Vorständin.


Kommentar verfassen