Die gute Nachricht: Die von Weddingfreunden als Ernst-Friedrich-Promenade bezeichnete Lütticher Straße ist zur Friedensmeile geworden. Die kürzlich aufgestellte Statue mit dem Titel „Petrified Survivors“ von Rebecca Hawkins ergänzt thematisch die vorhandene Skulptur „Das Gewehr zerbrechen“ und das Anti-Kriegs-Museum. Die schlechte Nachricht: Die neue Statue ist nur zu Besuch.
Halb Frau, halb Wurzelwerk
Die Bronzefigur „Petrified Survivors“ auf der Ernst-Friedrich-Promenade ist ungewöhnlich, weil sie an einem Thema rührt, das gern vergessen wird, wenn über Krieg, Konflikten oder militärischen Operationen diskutiert wird. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist bei Kämpfen kein Unfall oder unerwünschter Nebenschaden. Das beweist die Plastik der britischen Künstlerin Rebecca Hawkins eindrücklich, denn sie spielt auf über 30 Kriege an, in denen gezielt Frauen vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen oder anderweitig Ziel sexueller Gewalt wurden.

Auf den ersten Blick wirkt „Petrified Survivor“ (Versteinerte Überlebende) wie eine Figur aus einem Comic von Enki Bilal. Es ist ein Wesen, das halb Frau, halb verschlungene Wurzelwerk ist; es ist ein Mischwesen. Aber es ist eines, das anders als die Zentauren (halb Mensch, halb Pferd) der griechischen Mythologie, sich nicht fortbewegen kann. Es wirkt, als ob der Frauenoberkörper von ihren Wurzelbeinen gefangen gehalten und umschlungen, vielleicht auch zurückgezogen wird. Das Wort Hope (Hoffnung) auf der Bronzefigur verstärkt den Eindruck, dass hier jemand dargestellt wird, dem nicht mehr viel bleibt außer Hoffnung.
Die Künstlerin Rebecca Hawkins sagt, sie habe 2018 zum ersten Mal gesehen, wie überlebende Frauen Heilung gefunden hätten, sobald sie eine Skulptur bekamen, die von ihnen erzählt, die ihnen gewidmet ist. Überlebende Frauen, damit meint Rebecca Hawkins Frauen, die in zahlreichen Kriegen dieser Welt als „Battleground“, als Schlachtfeld benutzt wurden. Sexualisierte Gewalt in Kriegen, das sind gezielte Vergewaltigungen oder der Zwang zu Sexdiensten.
Denkmal für sexualisierte Gewalt in Kriegen
Die Wichtigkeit des Themas sexualisierte Gewalt ist kaum zu überschätzen. Wenn von Krieg die Rede ist, wird oft über rationale Aspekte gesprochen wie Waffentechnik (Drohnen) oder strategische Punkte auf der Weltkarte (Geopolitik). Selten wird über das Irrationale gesprochen, das offenbar zwangsläufig zu den meisten Kriegen gehört. Wie eben sexualisierte Gewalt, die wenig mit Geländegewinn und technischer Überlegenheit zu tun hat.

Eine Erklärung im Internet verweist auf die ins bronzene Wurzelwerk integrierten Symbole, die von weißer Rose oder Nissan Tulpen über Kinderschuhe bis zu Spielzeuglöwen reichen. Sie erinnern den Wissenden an Kriege im Kongo, in Vietnam, aber auch in Bosnien. Und sie erinnern an die als Kriegsmittel eingesetzte sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Sehr deutlich sind die über 30 Verweise nicht, der Betrachter muss sich informieren.
Der Standort Ernst-Friedrich-Promenade ist gut gewählt. Unweit von „Petrified Survivors“ steht seit 2005 die Skulptur „Das Gewehr zerbrechen“ und das Anti-Kriegs-Museum in der Brüsseler Straße ist in Sichtweite. Der Name Ernst Friedrich erinnert darüber hinaus an einen in Berlin in 1920er Jahren aktiven Pazifisten, der in der Geschichte der Antikriegsbewegung bedeutsam war.
„Petrified Survivors“ bleibt für zwei Jahre
Dem Thema nicht angemessen ist, dass „Petrified Survivors“ lediglich für zwei Jahre auf der Ernst-Friedrich-Promenade im Wedding bleiben soll. Aufgestellt hat der Bezirk die Plastik am 9. September. In zwei Jahren, irgendwann im Jahr 2027, soll die Figur weiterreisen. Zuvor stand sie in Amsterdam. Nach Berlin soll sie in die Niederlande zurückkehren, in den Ort Wassenaar nördlich von Den Haag.
Vergleich mit Friedensstatue Ari
Bei „Petrified Survivors“ kommt man nicht umhin, an eine andere Plastik im Bezirk zu denken. So gibt es seit Jahren öffentlichen und juristischen Streit um die Moabiter Friedensstatue. Ob die neue Skulptur im Wedding als ein Kommentar zum Streit um die Plastik in Moabit zu verstehen ist, muss jeder selbst für sich entscheiden. Auffallend ist, dass beide Skulpturen das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen aufgreifen.
In Moabit kämpfen ein koreanischer Verein, die japanische Regierung und das Bezirksamt darum, ob die 2020 aufgestellte Bronzeplastik Ari, auch Friedensstatue genannt, weiterhin dort stehen bleiben darf. Die Skulptur zeigt eine Frau, die auf einem Stuhl sitzt und die Fäuste ballt. Sie Figur erinnert an die euphemistisch als Trostfrauen bezeichneten koreanischen Zwangsprostituierten. Die japanische Regierung macht Druck, die Ari-Figur zu entfernen, die Koreaner wünschen die öffentliche Debatte um das Thema Trostfrauen, das Bezirksamt sucht nach diplomatischen Lösungen (zum Beispiel, dass Ari nicht auf öffentlichem Land, sondern auf einem Grundstück einer Wohnungsbaugesellschaft aufgestellt wird).
Der Unterschied beider Figuren ist, dass die Friedensstatue Ari an einen konkreten Krieg erinnert. Sie bezieht sich auf die japanischen Kriegsbordelle während des Zweiten Weltkriegs. „Petrified Survivors“ ist allgemein, auf über 30 Kriege beziehen sich die unscheinbaren Verweise, die es auf der Bronzeskulptur zu entdecken gilt.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Figuren ist, dass die Fäuste ballende Ari die Möglichkeit zur Aktivität hat, jederzeit von ihrem Stuhl aufstehen könnte. Während die Versteinerte Überlebende passiv wirkt. Es wirkt, als ob sie sich nicht zu befreien vermag. Was psychologisch vermutlich näher an der Wahrheit ist. Man könnte auch sagen: Die Figur Ari ist deutlicher, eignet sich für politische Auseinandersetzungen; die Figur „Petrified Survivors“ ist zurückhaltender, drückt das Leid aus, eignet sich als stiller Gedenkort. Für das Ensemble Ernst-Friedrich-Promenade angemessen wäre, wenn „Petrified Survivors“ nach einer Station in Wassenaar endgültig in die Lütticher Straße zurückkehren könnte.

Weiterlesen zum Thema
Die Webseite der „Lai Dai Han“ (Kinder vietnamesischer, von südkoreanischen Soldaten vergewaltigter Frauen) erklärt die Symbolik von Petrified Survivors. Die Künstlerin Rebecca Hawkins beschreibt den Hintergrund und Zweck von Petriefied Survivors auf ihrer Webseite.
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