Dort, wo sich die Reinickendorfer Straße, die Gerichtstraße und die Lindower Straße treffen, ist ein dreieckiger Stadtplatz mit einem Brunnen und der Figurengruppe „Tanz auf dem Vulkan“. Er wurde im 19. Jahrhundert angelegt und hieß im Plan des preußischen Stadtplaners James Hobrecht zunächst „Platz M“. Im Mai 1884 wurde er nach Joachim Nettelbeck benannt. Jetzt hat der 2500 Quadratmeter große Stadtplatz einen neuen Namen erhalten.

Seit 12. Oktober heißt er Martha-Ndumbe-Platz. Mit einem Festakt haben verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen, darunter das Netzwerk gegen Feminizide, das Netzwerk Zeitgeschichte der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Decolonize Berlin, am Samstag (18.10.) die Umbenennung gefeiert.
Say Her Name: Martha Ndumbe
Fast 200 Menschen sind zu dem feierlichen Akt gekommen. Sie versammelten sich vor einem der (zunächst verhüllten) Straßenschilder, das schließlich von Mnyaka Sururu Mboro enthüllt wurde. Der Mann gehört zur Organisation „Decolonize Berlin“, die in der Kameruner Straße im Afrikanischen Viertel ihren Sitz hat und die sich maßgeblich auch für diese Umbenennung eingesetzt hat. Über den Grund für den neuen Platznamen wurde am Samstag ausführlich gesprochen.

Aber vor allem das war Thema: Mit dem neuen Namen soll an die Schwarze Berlinerin Martha Ndumbe erinnert werden, die im Nationalsozialismus Ausgrenzung und Diskriminierung erlebte und 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück starb. „Say Her Name: Matha Ndumbe“ stand in großen Buchstaben auf einem Schild, das für die Zeremonie unter dem neuen Straßenschild aufgehängt worden war.

Wichtige symbolische Geste
Einer der Redner am Samstag war Axel Drecoll, der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg. Er wies darauf hin, dass über das Ausmaß der Diskriminierung von schwarzen Menschen in der Nazizeit bisher wenig bekannt ist. Aus seiner Sicht ist auf dem Gebiet noch viel Forschung nötig. „Die Umbenennung ist eine symbolische Geste, aber eine unheimlich wichtige“, sagte er. Immerhin würde jeder Mensch auf der Welt, der ab jetzt über einen Kartensuchdienst den Wedding anschaut, den Martha-Ndumbe-Platz finden und nicht mehr den Nettelbeckplatz.
Wer sucht, findet nun den Namen eines Opfers des Nationalismus statt des Namens von Joachim Nettelbeck, der Obersteuermann auf Versklavungsschiffen, Koloniallobbyist und später eine Symbolfigur des deutschen Nationalismus war. Dass die Geste der Umbenennung wichtig sei, teilten die Teilnehmenden des Festakts, was an zustimmenden Rufen und Applaus bei der Enthüllung des neuen Namensschilds deutlich wurde.

Bezirksbürgermeisterin wurde ausgeladen
Auffallend war, dass es keine Rede seitens des Bezirksamts bei der Feierlichkeit gab. Der Grund dafür wurde von den Organisatoren der Feierlichkeit benannt: Man habe die Bezirksbürgermeisterin aufgrund eines Streits um die Statue Ari (auch Friedensstatue) in Moabit ausgeladen. Diese war in der vergangenen Woche vom Bezirksamt von ihrem Standort entfernt worden. Mehr zu dem Fall steht im Beitrag Lütticher Straße wird mit neuem Kunstwerk zur Friedensmeile. Im Publikum war aber Bezirksstadtrat Christoph Keller zu sehen, der sich jedoch im Hintergrund hielt.
Seit mehreren Jahren haben sich Aktivisten für die Umbenennung des Platzes eingesetzt. Die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks ist diesem Anliegen schließlich gefolgt. Im Rahmen eines Beteiligungsprozesses wurde auch die Nachbarschaft befragt. In der Befragung sind 500 Namensvorschläge gemacht worden. Eine Jury hat den neuen Namen ausgewählt. Die Bezirksverordnetenversammlung Mitte hatte im Januar 2025 schließlich entschieden, den Platz nach Martha Ndumbe zu benennen. Am 12. Oktober ist die Umbenennung in Kraft getreten. Anders als bei anderen Umbenennungen gibt es keinen Anwohnenden und kein Geschäft mit der Adresse des Platzes, so dass niemand Adresseinträge, Visitenkarten oder anderes ändern musste.

Andere Umbenennungen im Wedding
Die Umbenennung des Platzes an der Reinickendorfer Straße ist nicht die erste Maßnahme dieser Art im Stadtteil. Auch die Cornelius-Fredericks-Straße, die Maji-Maji-Allee und die Anna-Mungunda-Allee (als unterschiedliche Teile einer Straße) sowie der Manga-Bell-Platz im Afrikanischen Viertel haben ihre Namen auch erst vor kurzer Zeit erhalten. Auch in diesen Fällen sind die Namen wegen kolonialer Verbrechen ihrer Träger ausgetauscht worden.
Eine weitere Umbenennung im Wedding betraf die Hochschule in der Luxemburger Straße. Sie hatte sich von ihrem zwischenzeitlichen Namen wegen einer antisemitischen Haltung ihres Namensgebers Christian Peter Wilhelm Beuth 2021 getrennt und heißt nun Berliner Hochschule für Technik und hat damit ganz auf die Ehrung einer Person durch den Hochschulnamen verzichtet.
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.
