Es ist dunkel im Atelier 1 des silent green Kulturquartiers in der Gerichtstraße 35. Vorne sitzen im neongrünen Scheinwerferlicht am Montag, 24. August, die Journalistin Aida Baghernejad und Johann Scheerer, davor das Publikum. Rund 40 Menschen sind gekommen, viele von ihnen melden sich, als gefragt wird „Wer von euch ist Artist?“. Viel Platz ist nicht mehr. Die meisten Stühle sind besetzt an diesem Abend des Pop-Kultur Festivals.

Eine Stunde lang geht es an diesem Montagabend nicht um neue Songs, große Bühnen oder Festivalstimmung. Es geht um Spotify, Geld, Reichweite und die Frage, ob Musiker:innen von ihrer Musik noch leben können. Das Gespräch ist konzentriert und kritisch, aber keineswegs trocken. Scheerer ist ein unterhaltsamer und pointierter Gesprächspartner. Vor allem merkt man schnell: Er kennt die Musikbranche nicht nur aus der Theorie.
Der Talk „I Stream the Line Between Good and Evil“ gehört zum Pop-Kultur-Festival. Baghernejad, freie Journalistin unter anderem für ZEIT ONLINE, stellt die Fragen. Scheerer wird als Musikunternehmer mit eigenem Verlag, Produzent, Musiker und Autor vorgestellt. Er schreibt außerdem kulturpolitische Texte für große Zeitungen und in den sozialen Medien. Das Gespräch hat zeitweise etwas von einem guten Radio-Talk: präzise Fragen, klare Antworten und immer wieder ein Satz, bei dem man kurz hängen bleibt.
Streaming bringt Reichweite – aber wenig Geld
Eine der Fragen des Abends lautet: Muss man als Musiker eigentlich auf Streamingplattformen sein? Scheerer wird gefragt, ob sein Musikverlag mit rund 80 Artists ohne Streamingdienste überleben könnte. Seine Antwort fällt ziemlich nüchtern aus – und kommt mit Zahlen. 2025 haben alle Bands und Künstler:innen seines Verlags zusammen 128.000 Euro mit Streaming verdient. Die anderen Einnahmen seien, je nach Bekanntheitsgrad der Band, acht- bis zwanzigmal höher gewesen. Damit ist das Problem ziemlich gut beschrieben.
Streaming kann Reichweite bringen. Beim Geld sieht es deutlich schlechter aus. Und genau hier sieht Scheerer einen grundlegenden Interessenkonflikt. Die Streamingdienste wollten möglichst viel Aufmerksamkeit binden und möglichst viele Werbeplätze möglichst teuer verkaufen. Musiker wollten dagegen vor allem zwei Dinge: Reichweite und Einnahmen. Beides passt nicht unbedingt zusammen. Scheerer widerspricht deshalb auch der Vorstellung, Streaming habe die Musik demokratisiert. Sein Satz dazu ist ziemlich eindeutig: „Streaming hat die Musik nicht demokratisiert, wie oft behauptet wird. Die Musik wurde industrialisiert.“

„Musikstreaming muss rückabgewickelt werden“
Johann Scheerer berichtet, dass sich aus seiner Sicht in den vergangenen zehn Jahren die Fälle häufen, in denen Musiker:innen ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Sie könnten immer häufiger nicht mehr von ihrer Musik leben. Für ihn ist das ein Zeichen dafür, dass das System an entscheidenden Stellen nicht mehr funktioniert. Seine Konsequenz klingt entsprechend radikal: „Musikstreaming muss rückabgewickelt werden.“
Nur: Wie soll das gehen? Denn gleichzeitig sitzen im Publikum genau die Menschen, die auf die Plattformen angewiesen sind. Wer Musik macht, möchte gehört werden. Und wer Reichweite sucht, kommt an Spotify und anderen Streamingdiensten kaum vorbei. Im Raum ist deshalb auch eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren: Muss man das mitmachen? Lohnt es sich überhaupt?
Scheerers Vorschlag ist eine stärkere gemeinsame Interessenvertretung. Er plädiert für eine Musiker:innengewerkschaft. Im Musikbereich gebe es inzwischen mehr als 20 verschiedene Interessenvertretungen, sagt er, viele davon seien sehr klein. Eine gemeinsame Gewerkschaft könnte die Interessen der Musiker besser gegenüber den großen Unternehmen und Plattformen durchsetzen.
Wenn die Musik selbst von der KI kommt
Zum Ende des Gesprächs kommt noch ein Thema auf, das die Musikbranche gerade zusätzlich verändert: künstliche Intelligenz. Mit KI-Musik meint Scheerer komplett von KI erzeugte Musik. Seiner Einschätzung nach sind inzwischen rund 40 Prozent der Musik, die bei Streamingdiensten hochgeladen wird, KI-Musik.
Für ihn ist es ein Problem, dass diese Musik auf denselben Plattformen landet wie Musik, die von Menschen geschrieben, gespielt und produziert wurde. Seine Idee: KI-Musik sollte eigene Plattformen bekommen – ähnlich wie es auch für klassische Musik spezialisierte Angebote gibt. Es geht auch um die Frage, woher die KI eigentlich weiß, wie Musik funktioniert. Thema ist der Einsatz bereits existierender Musik zum Training von KI-Systemen. Scheerer spricht hier von Diebstahl. Selbst wenn ein Unternehmen vor Gericht Recht bekommt, könne das Geschehene nicht einfach zurückgenommen werden: Die Musik sei bereits zum Training verwendet worden.
Ein Gespräch ohne fertige Antworten
Auch aus dem Publikum kommen Fragen. Könnten europäische Streamingdienste eine Alternative sein? Haben vielleicht auch die Konsument eine Verantwortung? Und muss die Politik, vielleicht auf europäischer Ebene, Regeln setzen? Eine wirkliche Antwort gibt es darauf an diesem Abend nicht. Das Gespräch bleibt offen. Vielleicht ist genau das seine Stärke. Es geht weniger darum, am Ende eine Lösung zu präsentieren, als die Widersprüche sichtbar zu machen.
Denn klar ist: Musiker:innen brauchen Reichweite. Sie brauchen Einnahmen. Die Streamingplattformen brauchen Inhalte. Und inzwischen liefern auch Maschinen Musik. Wie dieses System funktionieren soll, wenn diejenigen, die die Musik machen, davon nicht mehr leben können, bleibt eine ziemlich große Frage.
Aida Baghernejad bittet Johann Scheerer zum Schluss trotzdem noch um etwas Ermutigendes. Er überlegt kurz. Dann sagt er: „Musik ist immer noch so mein Ding.“

Das Pop-Kultur Festival geht weiter
Das Pop-Kultur-Festival läuft noch bis zum 30. August. Im Wedding gibt es in diesem Jahr besonders viel Programm: Im silent green werden Kuppelhalle, Betonhalle, Ateliers und Kino Arsenal bespielt, dazu kommen Veranstaltungen im Sinema Transtopia, in der „migas listening bar“ und bei Panke Culture. Auch Konzerte und ein Labelmarkt gehören zum Festivalprogramm. Mehr zu den Veranstaltungsorten und zum Programm im Wedding gibt es im Beitrag „Pop-Kultur Festival 2026: Der Wedding wird zur Festivalbühne“.

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