Prägende Sätze: Goldstücke fürs Leben

In der Frühjahrsausgabe des brunnen-Magazins hat Stephanie Esser das hawaiianische Ritual Ho’oponopono vorgestellt. In diesem Text beschäftigt sie sich mit Sätzen, die manch eine oder manch einen fürs ganze Leben prägten.

Diese Goldstücke sind aus Schokolade. Foto: Hensel
Diese Goldstücke sind aus Schokolade. Foto: Hensel

Man findet sie auf unzähligen Postkarten, Menschen posten sie täglich in Social Media und die meisten von uns haben ein oder zwei in der Schule gelernt: Zitate, die in einem Satz etwas Kluges über das Leben erzählen und wie wir uns verhalten sollen. In der Regel stammen sie von berühmten Persönlichkeiten wie Goethe, Mutter Teresa oder Astrid Lindgren – Menschen, zu denen wir kaum einen persönlichen Bezug haben. Ihre weisen Worte rauschen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus. Da bleibt wenig hängen.

Erstaunlicherweise sind es oft schlichte Worte von Menschen aus unserem nahen Umfeld, die uns in Erinnerung bleiben. Mitten im Gespräch sagt ein Familienmitglied, der Nachbar oder eine Trainerin im Sportverein einen Satz. Und plötzlich verstehen wir etwas oder fühlen uns besser. Solch prägende Sätze sind unerwartete Geschenke – kleine Goldstücke, die uns ein Leben lang begleiten können.
Vier solcher Goldstücke haben Mitglieder der brunnen-Redaktion aus ihrem inneren Schatzkästchen geholt, um sie mit den Leserinnen und Lesern zu teilen.

Paragraph eins: Jeder macht seins!

„Mein Vater ist ein wahrer Sprücheklopfer. Dieser Spruch ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ich habe ihn eigentlich von klein an immer wieder gehört. Neulich brachte ihn mein Sohn vom Opa mit, da musste ich schmunzeln. Während mein Sohn den Spruch so versteht, dass jeder sein eigenes Ding macht und in Ruhe gelassen werden soll, verstehe ich ihn etwas anders. Für mich ist das ein Plädoyer dafür, den Menschen ihren Raum zu lassen und mich um meine Angelegenheiten zu kümmern, nicht immer zu vergleichen. Vielleicht auch wegen dieses Spruches bin ich ein komplett unneidischer Mensch geworden, ich gönne jedem alles.“

Du kannst andere nicht daran hindern, zu denken, was sie wollen.

„Als ich vierzehn Jahre alt war, hatten wir Besuch von einem Bekannten meiner Eltern. Wir saßen in großer Runde und unterhielten uns. Jemand erzählte, dass er sich mit einem Freund gestritten hatte und nun unsicher sei, wie er sich verhalten solle. Er könne machen, was er wolle, der Freund würde es sowieso falsch verstehen. Da sagte der Bekannte: „Du kannst andere nicht daran hindern, zu denken, was sie wollen.“ Dieser Satz hat mich schwer beeindruckt und mir seitdem oft geholfen. Wenn ich mir zum Beispiel Sorgen mache, was andere über mich denken, erinnert er mich daran, dass ich einfach ich selbst sein darf. Denn egal, wie sehr ich mich für andere verbiege – ich habe keinerlei Einfluss darauf, was sie denken. Also lieber direkt das tun, was ich für richtig halte.“

Ach wissen Sie, Ihr Sohn wird einmal nicht am Herzinfarkt sterben.

„Das hat die Kindergärtnerin zu meiner Mutter gesagt, als ich etwa drei oder vier Jahre alt war, und sie damit erfolgreich beruhigt. Meine Mutter erzählte diese Anekdote oft, weil ihr die darin enthaltene Moral gefiel, dass alles auch sein Gutes haben kann. Für mich steckt in dem Satz meine eigene Erfahrung: Früher oder später lernt es jeder, seine Schuhe zu binden. Und es kommt allgemein gesprochen nicht darauf an, stets vorn mit dabei zu sein. Es ist gesünder, Stress, der von außen an mich herangetragen wird, an mir abperlen zu lassen. Der Satz hat mir gezeigt, dass es in solchen Momenten Menschen gibt, die mich als ganze Person sehen – so wie die Erzieherin es tat. Auch wenn ‚die Gesellschaft‘ oder ‚das System‘ zu bestimmten Zeiten nur bestimmte Eigenschaften isoliert betrachtet.“

Was du nicht anfängst, brauchst du auch nicht aufzuhören.

„Dieser Ausspruch meiner Großmutter hat mich als Jugendliche vor so mancher Fehlentscheidung bewahrt: Als im Bekanntenkreis die ersten Joints kreisten, war mein Motto: Nein danke, damit fange ich gar nicht erst an. Als ein Mitschüler „mit mir gehen“ wollte, ich mir aber nicht sicher war, was ich für ihn empfand, dachte ich: Dann lieber erst gar nicht drauf eingehen, denn Schluss machen ist für beide Seiten keine schöne Sache. Als ich in eine Situation kam, in der ich einfach hätte lügen können, habe ich direkt die unangenehme Wahrheit gesagt. Mit einer Lüge aufzuhören, wäre am Ende noch viel unangenehmer geworden.
Heute bin ich froh über alles Negative, das ich nie aufhören musste, weil ich es gar nicht erst angefangen habe.“

Du sollst nicht schlecht von mir denken.

„Wie schnell ist man dabei, jemandem irgendwelche Motive oder Gedanken zu unterstellen! Mein Mann hat bei einem unserer Streits zu Beginn unserer Beziehung mal zu mir gesagt: „Du sollst nicht schlecht von mir denken.“ Ich war damals Anfang 30 und wir kannten uns erst ganz kurz. Es gab ständig Missverständnisse und ich verstand oft nicht, warum er etwas sagte oder tat. Meist interpretierte ich Dinge so, dass sie gegen mich oder meine Position gerichtet waren, und war böse oder traurig deshalb. Dieser scheinbar simple Satz hat mich aber irgendwie überzeugt: Er meint es grundsätzlich gut mit mir, hat keine schlechten Absichten. Ich denke auch heute immer wieder an den Satz. Und seitdem ich das für meinen Mann berücksichtige und gemerkt habe, dass die Essenz des Satzes mir und uns guttut, benutze ich ihn innerlich auch öfter bei Konflikten mit anderen Menschen. Das hilft mir, positiv über andere zu denken.“

Unsere Autorin Stephanie Esser lebt im Brunnenviertel. Früher hat sie als Lektorin geholfen, die Texte im Kiezmagazin von Fehlern zu befreien. Heute schreibt sie über Achtsamkeitsthemen und bietet freiberuflich Kurse, Workshops und Beratungen zum hawaiianischen Ritual Ho’oponopono an. Mehr darüber sowie Praxistipps, Blogbeiträge und Termine gibt es auf der Webseite unserer Autorin: www.danke-ich-liebe-dich.de.

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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

Kommentar

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Hallo

    Vater….so lange du deine Füsse unter meinen Tisch stellst hast du hier nichts zu sagen / fordern ….. was schluss endlich dazu geführt hat das ich kurz nach meinem 19. abgehauen bin

    Mutter… wenn du nicht so lieb bist wie ich / wir dich haben wollen, kommst du ins Heim / wollen wir dich nicht mehr haben….. was schluss endlich dazu geführt hat das mich das bis zu meinem 55 Lebensjahr geprägt hat mit starken Verlustängsten…. zum Glück befreiten mich meine Depressionen und dann war da noch ….. Ho’oponopono :)

    in diesem Sinne

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