Diese Grünfläche wirft eine Frage auf. Warum ist dort ein Roggenfeld mitten in Berlin? Hundertfach, tausendfach wird diese Frage gestellt: Vor allem die vielen Besucher:innen der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße stolpern über die unerwartete Landwirtschaftsfläche. Die ehrenamtlichen Kirchenhüter:innen der Kapelle der Versöhnung beantworten die Fragen oder kundige Stadtführer:innen an der früheren Sektorengrenze. Die Ausstellung „20 Jahre Roggenfeld. Symbol des Lebens im ehemaligen Grenzstreifen“ gibt ebenfalls Antworten. Am Sonntag (25.5.) hat die informative, ja aufklärende Ausstellung im Wandelgang der Kapelle der Versöhnung eröffnet.



Viele Partner fürs Roggenfeld
Die Berlinbesucher:innen können ab sofort Antworten auf ihre Fragen zum Getreidefeld inmitten der Gedenkstätte Berliner Mauer finden. Etwa, dass das Feld 2005 als Kunstprojekt entstanden ist und dass der Boden am 30. August des Jahres vorbereitet wurde. Im Oktober, so steht es geschrieben, hat der Landwirt Joachim Henke den ersten Roggen per Hand ausgesät. Im Jahr darauf wurde geerntet, zu dem Zeitpunkt war die Humboldt Universität bereits mit im Boot. Seitdem fahren die Wissenschaftler:innen jedes Jahr mit einem kleinen Parzellenmähdrescher in der Bernauer Straße vor. Sie ernten mit dem Gerät. 2011, so verraten es die Schautafeln, musste das Roggenfeld verkleinert werden, weil die Gedenkstätte erweitert wurde. 2014 wurde aus dem Roggen erstmals das Friedensbrot gebacken. Seit 2020 beschäftigt man sich an der Bernauer Straße vermehrt mit der Bodenverbesserung.



Das sind bei weitem nicht alle Fakten der sehr informativen Ausstellung. „Eine multiperspektivische Ausstellung“, nannte Prof. Dr. Axel Klausmeier von der Stiftung Berliner Mauer die Schau bei der Vernissage. Damit ist es genau getroffen. Auf den Schautafeln geht es um den Roggen als Kulturpflanze, die Rolle der Stiftung Berliner Mauer als Eigentümerin des Grund und Bodens und um die Kapelle der Versöhnung inmitten des Feldes. Es geht um das Wachsen auf dem ehemaligen Todesstreifen und das Projekt des Vereins Friedensbrot, um Helferinnen und Helfer, um Freunde und Geburtshelfer:innen des Roggenfeld-Projekts.


Ein wunderbares Erbe
Viele dieser Beteiligten waren zur Vernissage im Wandelgang gekommen. „Wir als Stiftung haben das Feld geerbt. Ich muss sagen, es ist eine unserer wunderbarsten Aufgaben als Stiftung. Es ist ein vegetabiler Stolperstein, es macht neugierig. Die Menschen wollen eigentlich etwas über die Berliner Mauer erfahren und dann sehen sie ein Roggenfeld“, sagte Prof. Dr. Axel Klausmeier. Die Stiftung Berliner Mauer wurde 2008 gegründet, als es das Roggenfeld schon drei Jahre gab. Er sehe es als eine wichtige Aufgabe, so Prof. Dr. Klausmeier, das Roggenfeld zu erhalten und die Menschen damit nachdenklich zu machen.
An manchen Tagen kommen 1000 bis 1500 Menschen in die Kapelle der Versöhnung, die nicht nur ein Ort der Religion ist, sondern selbst ein Ziel für Berlinbesucher:innen. Sie alle haben nun die Möglichkeit, Antworten in der Ausstellung zu bekommen. Damit es möglichst viele lesen und verstehen können, sind die Texte auf den Schautafeln in deutscher und englischer Sprache verfasst. Wer noch mehr Fragen hat, kann sie aber weiterhin den Stadtführer:innen und Kirchenhüter:innen stellen. Und wer ganz viel Glück hat, der besucht die Gedenkstätte genau an dem Tag im Jahr, an dem der kleine Mähdrescher in Aktion zu erleben ist.

Ernte 2022. Foto: Michael Becker




Kompakte Information
Die Ausstellung „20 Jahre Roggenfeld. Symbol des Lebens im ehemaligen Grenzstreifen“ ist bis 31. Oktober 2025 im Wandelgang der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße 4 zu sehen. Die Kapelle, die von Ehrenamtlichen geöffnet wird, ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Montags ist geschlossen. Mehr über das Roggenfeld steht auf der Webseite der Kapelle der Versöhnung. Von der Roggenernte vor drei Jahren hat unser Autor Michael Becker im Beitrag Eine Botschaft des Friedens berichtet.

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