Debatte über Rüstungsproduktion von Rheinmetall am Humboldthain

In der Baptistengemeinde Wedding trafen sich am 22. Mai Mitglieder verschiedener Kirchengemeinden aus Wedding und Gesundbrunnen mit mit Aktiven des „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“. Ihr Thema: Die Rheinmetall Waffe und Munitions GmbH, die im ehemaligen Pierburg-Werk in der Scheringstraße 2 am Humboldthain wahrscheinlich Ende 2026 mit der Munitionsproduktion beginnen wird.

Rest eines Plakats gegen die Rüstungsproduktion am Gesundbrunnen. Foto: Hensel
Rest eines Plakats gegen die Rüstungsproduktion am Gesundbrunnen. Foto: Hensel

Oliver Knabe aus der Gemeindeleitung und Peter Jörgensen, Pastor der Baptistengemeinde, hatten Gläubige anderer Kirchengemeinden zu einem Gemeindeforum eingeladen. „Wir als Kirchengemeinde wollen uns mit den Entwicklungen, die sich in unserer Nachbarschaft abspielen, kritisch auseinandersetzen“, hieß es in der Einladung.  „In unserem Kiez sollen erstmals seit 1945 wieder Kriegswaffen hergestellt werden. In allen Kirchengemeinden des Wedding wird seit Wochen über die Tatsache gesprochen.“

Gleich zu Anfang der gut besuchten Veranstaltung brachte der Pastor seine Empörung zum Ausdruck: „Vor unser Kirche hängt das Plakat „WEDDING zeigt Farbe. Von hier, von mir, von uns soll keine Gewalt ausgehen.“
 Und dann eine solche Fabrik – gleich in unserer Nachbarschaft!“

Vom Autozulieferer zur Rüstungsproduktion

 Eva Martin Martinez gab gemeinsam mit einem Mitstreiter des „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“ einen Überblick über das, was sie zu der Rüstungsproduktion in Erfahrung gebracht hatten.

Der Automobilzulieferer Pierburg war 1986 von Rheinmetall übernommen worden. Noch 2024 war geplant, das Berliner Werk von der Produktion von Autoteilen zu einem „Innovations-Hub“ für Wasserstofftechnik umzustellen. Die IG-Metall und der Betriebsrat freuten sich auf den Erhalt von 400 Arbeitsplätzen.

2025 dann der Kurswechsel. Am Standort soll eine völlig neue Produktion aufgebaut werden: Teile für Granaten sollen hier hergestellt werden. Dafür wird das Werk neu aufgebaut: Neue Maschinen und Sanierung des Gebäudebestands, Investitionen, die vorher von der Belegschaft dringend gewünscht worden waren, werden jetzt vom Mutterkonzern ermöglicht.

Sie haben zum Gespräch eingeladen (von links): Pastor Peter Jörges von der Baptisten Gemeinde, Oliver Knabe, Mitglied der Gemeinde und Eva Martin Martinez vom Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Foto: Rolf Fischer
Sie haben zum Gespräch eingeladen (von links): Pastor Peter Jörges von der Baptisten Gemeinde, Oliver Knabe, Mitglied der Gemeinde und Eva Martin Martinez vom Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Foto: Rolf Fischer

Sorge um Sicherheit im Kiez

Es gibt aber keine verlässlichen Informationen darüber, welche Bestandteile der Geschosse in Berlin produziert werden sollen. Vieles spreche für Teile der 155 mm Haubitzen-Munition. In einem Interview der IG-Metall mit dem Betriebsrat gibt dieser 2025 bekannt, dass nur die Metallteile für die Granaten hergestellt werden sollen. Von Rheinmetall gibt es hierzu keine Meldung. Keiner weiß, ob im Humboldthain nicht auch explosive Stoffe verarbeitet werden. „Wie kann das genehmigt werden?“, fragt ein Teilnehmer entrüstet. „Gleich in der Nähe ist eine Kita und eine Grundschule.“

Perspektiven auf Protest und Verantwortung

Während die Stimmung der verbliebenen 345 Beschäftigten von Rheinmetall im Humboldthain nach Aussage des Betriebsratsvorsitzenden „überwiegend positiv“ sei, wollen die Aktivisten auch mit Beschäftigten gesprochen haben, die gegen die neue Produktion sind.

Bei den Kirchenmitgliedern wiederum ist eine zuversichtliche Entschlossenheit zu spüren, einen „Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ zu leisten, wie es in der Einladung heißt. Es gibt keinen, der die Fabrik gutheißt.

Die Pierburg-Fabrik in der Scheringstraße. Aktivisten hatten im Frühjahr rote Farbe über die Fassade gegossen. Foto: Hensel
Die Pierburg-Fabrik in der Scheringstraße. Aktivisten hatten im Frühjahr rote Farbe über die Fassade gegossen. Foto: Hensel

Aber man ist sich des moralischen Dilemas von Rüstungsprodukten für die Verteidigung durchaus bewusst: „Wenn man sich verteidigt, macht man sich schuldig, wenn man sich nicht verteidigt, macht man sich auch schuldig.“, klagt ein Kirchenmann. Dabei sind die Unterschiede zu den Vorstellungen der Aktivisten sofort spürbar. Während diese von Demonstrationen des Bündnisses berichten, bei denen es zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen sei, ist Gewaltfreiheit für alle anwesenden Christen das oberste Gebot. Ein „Peace Walk“ in gutem Abstand rund um das streng bewachte Gelände wird vorgeschlagen.

Auch die Haltung zu den Beschäftigten in der Fabrik wird thematisiert. „Es ist nicht richtig, den Arbeitern die moralische Last für die Produktion auf die Schultern zu legen, ohne sie gleichzeitig zu unterstützen, wenn sie aussteigen wollen“, gibt ein Teilnehmer zu bedenken.

Bündnis gegen Waffenproduktion

Offen war am Ende der Veranstaltung, wie die Zusammenarbeit mit dem „Bündnis gegen Waffenproduktion“ weitergehen wird. „Wir haben unsere Kirchen nicht im Rücken“, klagt ein Vertreter der evangelischen Gesundbrunnen-Gemeinde (ehemals Versöhnungsgemeinde).

Vom 10. bis 12. Juli organisiert das Bündnis Aktionstage im Volkspark Humboldthain mit Vorträgen, Musik, Theater und Workshops. Am 11. Juli ist um 14 Uhr eine Demonstration am Bahnhof Gesundbrunnen geplant. Weitere Infos dazu, mehr Veranstaltungen des Bündnisses und weitere Standorte der Rüstungsproduktion in Berlin sind zu finden unter keinewaffenproduktionberlin.noblogs.org.

Kontakt zur Baptistengemeinde
Oliver Knabe & Peter Jörgensen
Baptistengemeinde Wedding
Müllerstraße 14 a, 13353 Berlin
E-Mail: peter.joergensen@baptisten-wedding.de
Web: www.baptisten-wedding.de
Telefon: (030) 50 57 10 47

📍 Kiez:

Kommentare

  1. Avatar von Dominique Hensel

    Vielen Dank für das interessante Thema, Rolf. Vom treuen Leser zum Autoren – willkommen auf der anderen Seite!

  2. Avatar von Andrei Schnell

    Danke für den ruhigen Ton. Kommen viele Aspekte zur Sprache, auch dafür danke.

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