Seit April übernehmen 23 Guteschafe im Volkspark Rehberge einen ungewöhnlichen Job: Sie pflegen die Wiesen des Parks. Jetzt wechseln die Tiere erstmals ihren Weideplatz. Hinter dem Projekt steckt ein zweijähriger Versuch des Bezirks, Grünflächen natürlicher zu bewirtschaften.
Die Schafe im Volkspark Rehberge verlassen heute ihren aktuellen Weideplatz auf der Bürgerwiese. Die Tiere haben einen Hektar Wiese beweidet und ziehen nun um. Am Abend kommt das Betreuungsteam mit den Hütehunden, um die Tiere zum neuen Ort zu treiben und den Elektrozaun umzusetzen. Als nächstes werden sie als Landschaftspfleger auf einer ehemaligen Friedhofsfläche am Dohnagestell tätig. Bei einem Infotag am 12. Mai konnten Interessierte dies und viele weitere Informationen zu dem Beweidungsprojekt des Bezirks erhalten.

Ein Hektar Wiese und ein Kletterbaum
Dass die Schafe nun umziehen, wird das kleine Mädchen freuen, das mit seinem Vater zur Bürgerwiese geradelt kam. Sie wollten die Schafe sehen, so wie viele andere junge und ältere Menschen an diesem Tag auch. Etwas traurig hatte das Mädchen trotzdem über den Elektrozaun geschaut, der sie von ihrem angestammten Kletterbaum trennte.
So funktioniert die Beweidung
Wie am Infotisch von Agrarwissenschaftlerin Hannah Becker zu erfahren war, bleiben die Schafe immer für sieben bis 14 Tage an einer Stelle und ziehen dann weiter. Fachleute sprechen vom Umtrieb. Eingezäunt wird immer eine Fläche von einem Hektar. Spielende Kinder, aber auch Spaziergänger mit ihren Hunden müssen demnach immer nur für eine kurze Zeit auf ihre gewohnten Wege verzichten.
Die Schafe haben viele neugierige Besucher
Kritische Worte zu dem Projekt gab es beim Infotag weniger. Vielmehr zog das Angebot Neugierige an und Menschen, die darin auch einen Vorteil sehen. So wie die beiden Pädagoginnen von der Naturkita Wedding. Sie fragten Hannah Becker nach Wolle, um sie den Kindern zeigen zu können. An der Wolle bestand an dem Tag überhaupt viel Interesse. Auch Dagmar Rehse von „handgewebt in berlin“ schaute aus diesem Grund vorbei – so wie weitere Wollinteressenten. Für sie alle hatte Hannah Becker gute Nachrichten: „Wolle habe ich genug. Ihr könnt gern vorbeikommen bei der nächsten Schur in der Naturschutzstation Hahneberg in Spandau und euch etwas abholen“.
Guteschafe statt Rasenmäher
Die Schafe in den Rehbergen – es sind Guteschafe, keine Gotlandschafe – sind eine Rasse, die das Team nur selten scheren muss. „Das ist eine alte Rasse, die teilweise von allein ihre Wolle verliert. Ich muss nur manchmal nachscheren“, erklärte Hannah Becker. Sie ist mit ihrem Familienbetrieb „Döberitzer Heide-Galloways“ die Leihgeberin für den Bezirk Mitte. Nachdem die Fraktion der Grünen 2024 in der Bezirksverordnetenversammlung einen Antrag zur Beweidung von Bezirksflächen gestellt hatte, der eine Mehrheit fand, hat der Bezirk ein Beweidungskonzept erstellt und Hannah Beckers Unternehmen mit der Umsetzung beauftragt. Seit dem 21. April weiden nun 23 Guteschafe in den Rehbergen, 50 sollen es aber noch werden.

„Wir sind jeden Tag einmal da, um nach den Tieren zu sehen, ob alles in Ordnung ist“, sagte Hannah Becker. Falls außerhalb der Zeit etwas Wichtiges ist, können Parkbesucher:innen das Weidetelefon benutzen und sie anrufen. Die Nummer hängt an vielen Stellen am Elektrozaun. Anrufe gebe es da „ab und zu“. „Jemand fragt, woher wir die Erlaubnis haben, im Park einen Elektrozaun aufzustellen. Ein paar Jungs kribbelt es im Arm, weil sie trotz der Warnschilder den Zaun angefasst haben. Jemand fragt, ob er Wolle haben kann“, berichtet Hannah Becker von den Gesprächen am Weidetelefon.
Remlinger dreht Reel mit Rasenmäher
Auch die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger war zum Infotag gekommen. Sie hatte einen Rasenmäher dabei. In einem Video auf Instagram wollte sie auf das Naturschutzprojekt aufmerksam machen, sagte sie am Rande des Infotags. Inzwischen ist das Video erschienen und man sieht die Bürgermeisterin, die sagt: „Andere mähen, wir lassen mähen“. Der Rasenmäher brummt weg, die Schafe grasen im Hintergrund, fertig ist das Reel.
Eine Frau würde gern beim Umtrieb der Schafe dabei sein und wollte den genauen Termin wissen. „Das weiß ich nie so genau. Wenn man mit Tieren arbeitet, ist eigentlich immer etwas los und der Zeitplan klappt nicht“, erklärte Hannah Becker. Am 15. Mai werde der Umtrieb aber eher abends sein, „vielleicht so um 20 Uhr“. Das sei aber nur eine Prognose.
Ein Pilotprojekt für zwei Jahre
Die Beweidung im Volkspark Rehberge ist ein auf zwei Jahre angelegtes Pilotprojekt. Dabei werden jetzt die Bürgerwiese, danach die ehemalige Friedhofsfläche, im Juni die Catcherwiese und weitere Wiesen durch Schafe gepflegt. Ziel ist es, die Rasen- und Wiesenflächen auf natürliche Weise zu bewirtschaften und neue Wege in der Grünflächenpflege zu erproben. Bezahlt wird die Beweidung durch Ausgleichszahlungen aus dem Bereich Baumschutz. Diese Mittel muss der Bezirk zwingend für den Naturschutz ausgeben – und hat sich für das Beweidungsprojekt in den Rehbergen entschieden.

Sommerfrische für 23 Schafe
Der Bezirk hofft, so die Artenvielfalt zu erhöhen. Die Beweidung findet von April bis voraussichtlich Oktober statt. Im Winter werden die Schafe zurück in die Herde in der Döberitzer Heide gehen, so wie die Tiere aus anderen Beweidungsprojekten auch. Dort sind dann insgesamt 350 Tiere. „Die Schafe sind jetzt in der Sommerfrische im Wedding“, sagt Hannah Becker.
Wie geht es weiter?
Die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger hat beim Infotag nicht nur ein Video gedreht. „Ich will noch ganz viel über die Schafe erfahren“, sagte sie. Und so lernte sie, dass es bei Schafen auch Freundschaften gibt und dass Hannah Becker darauf achtet, wenn sie Tiere für ein Beweidungsprojekt auswählt: „Ich sehe zu, dass befreundete Schafe zusammen bleiben.“ Auch zu erfahren war, dass die Schafe in den Rehbergen vor allem weibliche Tiere sind und dass „zwei alte Damen“ dabei sind. Während Guteschafe bei guter Pflege ungefähr zehn bis zwölf Jahre alt werden, sind zwei der Sommergäste in den Rehbergen schon 15 Jahre alt.
Gefragt danach, was nach den zwei Jahren des Pilotprojekts mit dem Schafprojekt werden soll, antwortete Bürgermeisterin Stefanie Remlinger: „Wir möchten die Schafe schon behalten. Wir müssen nur sehen, wo wir das Geld dafür herbekommen“.
Gut zu wissen
Weitere Informationen zum Beweidungskonzept stehen online auf einer gesonderten Seite des Bezirksamts. Mehr über den landwirtschaftlichen Betrieb von Hannah Becker steht ebenfalls im Internet. Das Weidetelefon für den Notfall hat die Nummer (0174) 6 79 09 02.

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