Bitte zusammenrücken! In der Sitzung am 8. September in der Anna-Lindh-Grundschule, in der die Nutzungszeiten für Sportplätze vergeben wurden, lautete das Motto nicht selten: Wo ein Verein trainiert, kann doch noch ein zweiter trainieren. Der Ton der Verhandlungen pendelte zwischen „Wir Vereine halten zusammen“ und „Mein Verein kann nicht noch mehr abgeben“. Kein leichter Abend für alle Beteiligten. Ein Bericht aus dem Innenleben der Vergabe.

Auslastung! Das ist die Forderung, die das Sportamt am 8. September stets wiederholte. „Wir wollen verdichten“, sagte Robert Schulze vom Sportamt. Gut drei Stunden brauchte es, um die von Schulze vorbereiteten Belegungspläne der Anlagen Sportplatz für Sportplatz durchzugehen. Bei dem einen Platz ging es schnell, bei dem anderen gab es heftigen Widerspruch und die Einigung brauchte Zeit. Und immer drehten sich die Argumente um die Frage: Habt ihr in der zurückliegenden Saison eure Zeiten wirklich genutzt? Doch selbst wenn Vereine die ihnen zugeteilten Zeiten auf den Plätzen stets nutzen, sehen sie sich für die anstehende Saison mit der Forderung nach höherer Auslastung konfrontiert. „Reicht euch auch ein halber Platz?“
Bezirkssportbund lädt zur Vergabe ein
Eingeladen zur Vergabesitzung hatte der Bezirkssportbund, der die grundsätzlichen Interessen der Sportvereine vertritt und koordiniert. Lange vor der Sitzung Anfang September hatten die Vereine dem Sportamt gemeldet, welche Plätze und Zeiten sie benötigen. Daraus hatte das Sportamt für jeden Sportplatz einen Zeitenplan erstellt.
Schlechte Karten hatten die Vereine, die ihre Bedürfnisse nicht rechtzeitig ans Bezirksamt geschickt hatten. Sie tauchten in den Tabellen mit den Belegungszeiten entweder gar nicht oder in reduziertem Umfang auf. Und offensichtlich hinterließen zudem jene Vereine keinen guten Eindruck, die der Vergabesitzung fernblieben, und deshalb auf Nachfragen nicht antworten konnten. Teamgeist ist offenbar etwas, das auch von den Sportvereinsvorsitzenden erwartet wird. Anwesend waren 50 Vereinsvertreter.

Wer wo trainieren kann
Die Vergabesitzung ist so etwas wie das Spiel des Jahres. Hier entscheidet sich, wie komfortabel oder wie unbequem der Sportverein trainieren kann. Und es entscheidet sich, welchen Ruf sich ein Verein unter den anderen Vereinen erarbeitet. Verlässlich, solidarisch, konstruktiv? Oder nicht? Dieses Spiel des Jahres ist kein leichtes für die Vorstände. Sagen sie zu oft „Nein, wir können nicht zusammenrücken“? Sagen sie zu oft: „Klar, wir verstehen, dass wir alle das gleiche Problem haben“? Und stets drückt Robert Schulze vom Schulamt, wenn er fragt, ob dieser oder jener Tausch ginge, weil dann dies oder jenes besser wäre.
Tradition zählt überraschenderweise bei der Verteilung wenig. Ein Verein, der auf den Plätzen in der Behmstraße trainiert, fühlte sich übervorteilt und wollte mit dem hohen Alter seines Bestehens argumentieren. Aber Robert Schulze vom Sportamt zeigte keinerlei Regung und blieb unbeeindruckt. Auch die anderen Vereine überzeugte dieses Argument angesichts knapper Flächen nicht sonderlich.
Der Bedarf an Sportflächen ist hoch
„Der Bedarf an Sportflächen bleibt in Berlin-Mitte nach wie vor extrem hoch, das hat die diesjährige Vergaberunde gezeigt“, sagt Ramona Reiser. Sie ist Präsidentin des Bezirkssportbundes Mitte. Der Satz ist zu verstehen vor dem Hintergrund, dass nach einem Corona-Einbruch die Mitgliederzahlen wieder stark ansteigen. Immer mehr Menschen wollen nicht nur still durch den Humboldthain oder den Schillerpark joggen, sondern im Verein Sport treiben. Die einen im Freizeitsport, die anderen im Ligabetrieb.
Wie sehr der Mangel an Plätzen drückt, war daran abzulesen, dass im Saal stets leichter Groll unter den Vereinen aufkam, wenn über auf Verzögerungen der laufenden Sanierungen gesprochen wurde. Verzögerungen bedeuten längere Zeiten, in denen die Sportanlagen nicht genutzt werden können. Und das bedeutet längere Zeiten, in denen zusammengerückt werden muss.

Besonders viele Sportplätze im Wedding
Was der Laie als Sportplatz bezeichnet, heißt offiziell ungedeckte Sportstätte. Interessant ist, dass im Bezirk die meisten dieser Stätten in den Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen zu finden sind. Ist das ein Erbe aus der Zeit, als Fußball noch Arbeitersport war und Wedding ein Arbeiterbezirk war? Klar ist, dass sich der Sport und Sportvereine wandeln. Die vorhandenen Sportplätze nutzen wollen längst nicht nur die vor über 100 Jahren gegründeten ehrwürdigen Fußballvereine. Auch neue Trends wie FLINTA-Sportvereine (FLINTA steht für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen) entsehen und wollen auf die Plätze.

Viele Regeln für die Verteilung
Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es für die Zuteilung der Plätze nicht Regeln gäbe. „Die Vergabe der Sportstätten wird durch die zuständigen Mitarbeiter des Sportamtes vorbereitet und in der Sportstättenvergabekommission (bestehend aus den verantwortlichen
Mitarbeitern des Sportamtes, je zwei Vertretern der Bezirkssportbünde sowie dem Vertreter der bezirklichen Sportjugend) beraten“, heißt es in den Richtlinien zu Vergabe. Bis zum 1. Mai ist ein Antrag für die folgende Saison zu stellen. Eigentlich soll dann vor dem Sommer die Entscheidung gefallen und mitgeteilt werden. In diesem Jahr hat sich die Vergabesitzung auf Anfang September verschoben. Der Bezirkssportbund nutzte die Sitzung, um die Verzögerung zu kritisieren.
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