Unsere Autorin trauert um eine Rosskastanie und sorgt sich um die Zukunft der Straßenbäume. Beim Spaziergang unter Linden entdeckt sie eine neue Ulmensorte.

Als ich Anfang Juni die Ramlerstraße entlanggehe, klebt es unter meinen Füßen. Es ist Honigtau, zuckrige Ausscheidungen von Blattläusen. Sie verärgern Autofahrer, sind aber auch schädlich für die Lindenbäume. Neben Schaderregern sind unsere Straßenbäume weiteren Stressfaktoren ausgesetzt: Hunde-Urin und Tausalzen, ungünstigen Bodenverhältnissen, dem Großstadtklima mit erhöhten Temperaturen und geringer Luftfeuchtigkeit.
Alleen entstehen
Die Ramlerstraße könnte auch Lindenstraße heißen, denn die Linde ist hier, und auch sonst in Berlin, der häufigste Straßenbaum. Die berühmte Straße Unter den Linden steht für die erste geplante Straßenbegrünung der Stadt. Damals im 17. Jahrhundert ließ der Große Kurfürst seinen Reitweg Richtung Tiergarten mit Linden und Nussbäumen bepflanzen. Daraufhin wurden immer mehr Wege zwischen Ortschaften mit Bäumen gesäumt, die beliebten Alleen entstanden. In der Stadt selbst standen Bäume vor allem in Gärten und auf Plätzen, die Gassen waren dafür zu eng. Als Berlin immer größer wurde, ahnten nicht nur der Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné und sein Schüler Gustav Meyer, wie wichtig Grün für die Stadt ist. Sie setzten sich dafür ein, dass die Planung von Grün und Freiräumen institutionalisiert wird.
Ein Amt fürs Grün

Die zuständige Behörde in unserem Bezirk, das Straßen- und Grünflächenamt Mitte, kümmert sich um die Straßenbäume und informiert auf ihrer Webseite über bisherige und anstehende Arbeiten. In diesem Frühjahr waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem rund um die Usedomer Straße unterwegs, schnitten Fassaden, Gehwege und den Verkehrsraum frei und entfernten abgestorbene Äste. Manchmal müssen Bäume auch gefällt werden, wie die Rosskastanie an der Ecke Ramlerstraße/Swinemünder Straße. Dieser Baum fehlt mir sehr, und auch das Haus dahinter wirkte mit Baum viel schöner. Auf Nachfrage schreibt mir Wolfgang Leder vom Grünflächenamt, dass die Kastanie bereits Anfang 2022 gefällt worden ist. Der Gesamtzustand des Baumes sei schlecht gewesen und außerdem soll der Straßenbereich umgebaut werden.
Ich kann nur hoffen, dass die Bäume bei den Baumaßnahmen nicht geschädigt werden. Im vergangenen Jahr, beim Austausch der Gaslaternen, wurde im Viertel schon sehr viel gebuddelt. Natürlich gibt es eine Reihe von Vorschriften und Gesetzen zum Schutz der Bäume, aber ein Risiko, dass zum Beispiel Wurzeln beschädigt werden, bleibt immer. Auch die geplante Asphaltierung der Straße macht mir Sorgen, denn versiegelte Böden tun den Bäumen nicht gut.
Linde, Ahorn, Platane und Co.
Ich bin wieder in der Ramlerstraße und zähle die Bäume. Es sind über 50, also mehr als die durchschnittlich 80 Bäume entlang eines Straßenkilometers. Die meisten Bäume erkenne ich an den Blättern: Linde, Ahorn, Platane und Rosskastanie. Der Zustand dieser vier am häufigsten vorkommenden Straßenbaumgattungen in der Berliner Innenstadt wird alle fünf Jahre erfasst. Dafür werden seit Ende der Siebzigerjahre Colorinfrarot(CIR)-Luftbilder ausgewertet. Damals entdeckte man, wie sehr Straßenbäume durch Tausalz geschädigt werden. Mithilfe der Luftbilder werden die Kronen mit denen vorher untersuchter (somit „geeichter“) Bäume verglichen. Das Ergebnis 2020 kann nicht beruhigen. Die sehr trockenen und heißen Sommer mit viel Sonnenstrahlung verursachten erhebliche Schäden an den Berliner Straßenbäumen.




Haben Sie die Straßenbäume erkannt? Von links oben nach rechts unten: Sommerlinde, Spitzahorn, Gewöhnliche Rosskastanie und Ahornblättrige Platane. Fotos: D. Hensel
Alt wie ein Baum
Auch Schädlinge setzen den Bäumen immer wieder zu, wie die Kastanienminiermotte, welche die Rosskastanien befällt. In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden im Norden Berlins 7000 Ulmen gefällt, da sie von der Holländischen Ulmenkrankheit befallen waren. Daher freue ich mich besonders, dass in der Ramlerstraße noch zwei Bergulmen stehen. Mithilfe des Baumkatasters, einem Verzeichnis, das Bäume verwaltet, finde ich heraus, dass sie Anfang der Dreißigerjahre gepflanzt wurden. Vor dem Haus der Brunnenstraße 100 steht sogar eine Feldulme, die mehr als 100 Jahre alt ist. Gleich will ich mein neues Wissen mit einer Bewohnerin teilen, die zwar staunt und mir zustimmt: Der Baum kühle und spende Schatten, schütze vor Lärm und Wind und filtere die Schadstoffe aus der Luft. Allerdings verdunkele er auch die Wohnung, und: Er staube. Sie bezog sich auf die Früchte, die der Wind gerade durch die Gegend blies.

Dass hier in der Stadt aus den Samen neue Ulmen wachsen, ist unwahrscheinlich. Dafür entdecke ich, dass 2011 einige Ulmen in der Swinemünder Straße gepflanzt wurden. Diese Resista-Ulmen „New Horizon“ sind Züchtungen aus den USA, die widerstandsfähiger gegen die Holländische Ulmenkrankheit sein sollen. Ob sie auch 100 Jahre alt werden? Zumindest können wir den jungen Bäumen helfen, indem wir sie bei Trockenheit gießen. Auf http://www.giessdenkiez.de, einer Plattform des CityLAB Berlin, welche die Bewässerung der Berliner Bäume koordinieren möchte, kann man sich bei Interesse informieren. Lernen auch Sie unsere Bäume im Brunnenviertel besser kennen und greifen Sie, wenn es Not tut, zur Gießkanne.
Weitere Informationen
Informationen zu Berliner Straßenbäumen gibt es bei der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (www.bit.ly/3qwvBzp). Das Berliner Baumkataster zeigt den Baumbestand auf einer Karte (www.bit.ly/3CgY2E8).
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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

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