Barrierefreiheit: Stufenweise stufenlos

Der Verein Rollers e.V. hat den östlichen Teil des Brunnenviertels auf Barrieren für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen untersucht. Demnach könnten Stadtplaner viele Zugangshürden relativ leicht abbauen. Doch auch die Achtsamkeit der Bürger ist gefordert. Projektleiter Alexander Koch gibt einen Einblick ins Projekt.

Treppensteigen
Man sieht, wie schwierig das Treppensteigen für ältere Menschen ist. Mit gegenseitiger Unterstützung geht es aber doch. Foto: Alexander Koch

Fünf Jahre lang haben wir vom Verein Rollers e.V. einen Teil des Brunnenviertels auf seine Zugänglichkeit für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen untersucht. Wo versperren Stufen Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern den Weg? Wo sind Rampen viel zu steil? Ende dieses Jahres läuft unser vom Quartiersmanagement Brunnenstraße gefördertes Projekt „Bewegungsfreiräume“ aus. Das erfreuliche Ergebnis: Die Behauptung, Maßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit in Bestandsgebäuden seien zu teuer, konnten wir für unser Untersuchungsgebiet widerlegen. Mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen ließe sich die Zahl der stufenfrei zugänglichen Wohnungen im Areal zwischen Brunnenstraße und Mauerpark deutlich erhöhen.

Unbrauchbare Rampe
Eher Gefahrenherd als Hilfe: eine neu gebaute, aber unbrauchbare Rampe vor dem Gleimtunnel. Sie ist viel zu steil. Foto: Alexander Koch

Wie sind wir bei unserer Untersuchung vorgegangen? Geleitet haben uns diese Fragen: Wo kommt man als mobilitätseingeschränkter Mensch nicht hin? Weshalb kommt man dort nicht hin? Und was kann man tun, um diese Barrieren zu beseitigen? Dazu haben wir uns die halbprivaten Bereiche der Häuser angesehen, also zum Beispiel die Briefkastenanlagen, Gemeinschaftsräume und die öffentlich zugänglichen Innenhöfe. Gibt es Fahrstühle in den Wohnhäusern? Wir haben außerdem alle Einrichtungen der Nahversorgung wie Läden, Arztpraxen und Apotheken, Kitas oder Schulen auf deren Zugänglichkeit geprüft und Gehwege, Straßenquerungen, Parkanlagen und Spielplätze auf Schäden und sonstige Barrieren untersucht.Die Ergebnisse dokumentierten wir in einem umfangreichen Kartenwerk, auf unserer Webseite und in einer dort zum Download bereitstehenden Broschüre.

Menschengruppe
Kiezspaziergang zum Thema Barrierefreiheit. Foto: Rollers e.V.

Wir konnten für unser Untersuchungsgebiet zeigen, dass sich der Bestand an zugänglichen Wohnungen allein mit niedrigschwelligen Maßnahmen um 30 Prozent erhöhen ließe. Um weitere 30 Prozent könnte er mit geringfügigen Eingriffen in die Bausubstanz erhöht werden. Mit beiden Maßnahmen zusammen ließe sich die Zahl der stufenfrei zugänglichen Wohnungen von 918 Wohnungen auf 1472 Wohnungen erhöhen. Zur Einordnung: Insgesamt gibt es 5844 Wohnungen im östlichen Brunnenviertel (Stand 2018).
Neben der Analyse der Zugänglichkeitspotenziale ist es uns vor allem wichtig, das Thema Barrierefreiheit in den Köpfen der Planerinnen und Planer, der Akteure der Wohnungswirtschaft, der Verwaltung, aber auch der Bürgerschaft zu verankern. Was hilft Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die schönste Rampe, wenn die daran angeschlossenen Fahrräder den Zugang für Kinderwagen, Rollator oder Rolli versperren? Oder der abgesenkte Bordstein nicht nutzbar ist, weil er zugeparkt ist?

Kunstbaustelle
Kunstbaustelle 2017: Nadelöhr. Foto: Alexander Koch

Meist ist die Ursache dieser Barrieren einfach Unbedachtheit. Zu oft haben weder Experten noch Bürger die Schwierigkeiten auf dem Schirm, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen auf ihren täglichen Wegen zu bewältigen haben. Um das zu ändern, haben wir in einem extra Modul großes Gewicht auf die Sensibilisierung für die Belange von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gelegt. Dazu arbeiten wir eng mit Planern und sonstigen für die Stadtentwicklung verantwortlichen Akteuren zusammen, führen Fachtagungen durch, beteiligen uns an Kiezspaziergängen oder führen selbst Kiezspaziergänge durch.

Plakat
Ein Motiv der Plakatreihe „Ohne schiefe Bahn bleiben nur Stufen“. Grafik: oqpo/Alexander Koch

Darüber hinaus arbeiten wir seit Jahren mit verschiedenen Künstlern zusammen, die mit ihren Arbeiten für unser Projekt überraschende Perspektiven auf das schwierige Thema Behinderung und Barrieren eröffnen. Diese Zusammenarbeit macht unser Projekt so besonders und ist wesentlich für den großen Erfolg unserer Arbeit verantwortlich.

Leider ist es eine Sache, von diversen Experten mit einem positiven Feedback bedacht zu werden, und eine ganz andere, ob sie daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Bisher haben sich weder die Wohnungsbaugesellschaft Degewo noch das Bezirksamt oder sonst jemand um die Verbesserung der Zugänglichkeit verdient gemacht. Aber immerhin können wir basierend auf den Ergebnissen der Untersuchung den politischen Druck etwas erhöhen. Wer sich mit Barrierefreiheit befasst, braucht einen langen Atem, gute Nerven und ein hohes Maß an Frustrationstoleranz. Aber – wir bleiben am Ball!

Weitere Infos über das Projekt und den Verein Rollers e.V. gibt es auf der Webseite www.bfr.rollers-ev.de

Text und Fotos: Alexander Koch

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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Kunstspaziergang“ enthalten, das im vierten Quartal 2020 erschienen ist. Weitere Artikel dieser Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Kunstspaziergang im Brunnenviertel gesammelt und verlinkt.

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