Das Brunnenviertel gehört zu den Kiezen, die die höchste Dichte an Tiefgaragen in Berlin haben. Grund ist die sogenannte Flächensanierung von 1960 bis 1990. Damals war es eine Auflage, für ausreichend Stellplätze zu sorgen. Autor Andrei Schnell hat sich unter der Erde umgeschaut und im Archiv über diese besonderen Autoabstellplätze nachgelesen.

Unbelebt ist es unter Tage nicht. In einigen Tiefgaragen ist Betrieb, obwohl es schummrig und die Luft trocken und muffig ist – die Schritte hallen seltsam. Einige Autobesitzer haben ihre schmucken Wägelchen hervorgeholt, um sie noch stylischer zu machen. Es ist Wochenende. Und hier unten, in einer der vielen Tiefgaragen des Viertels, ist man als Schrauber ungestört. Gleich drei Bastler werkeln gleichzeitig an diesem Sonnabend unter Tage.
Die meisten Tiefgaragen im Viertel dürfte das Wohnungsbauunternehmen degewo haben. „Degewo vermietet insgesamt 1.387 Stellplätze in Tiefgaragen und Parkhäusern im Brunnenviertel“, sagt ein Pressesprecher des landeseigenen Unternehmens. Wie viele Stellplätze alle Vermieter im Viertel zusammen haben, ist nicht zu ermitteln.



Die Preisfrage
Einige Mieter, die bereits seit ihrem Einzug in den 1980er Jahren einen Platz in der Tiefgarage ihr Eigen nennen, zahlen um die 30 Euro Monatsmiete. Wer heute neu einen Parkplatz unter der Erde oder auf dem Dach einer mehrstöckigen Anlage wie in der Feldstraße wünscht, der muss mindestens 50 Euro plus Mehrwertsteuer zahlen. Diesen Betrag nennt ein Angebot auf der Webseite der degewo. Weitere Vermieter von Tiefgaragen im Brunnenviertel sind zum Beispiel die private Hausverwaltung Universa oder die Genossenschaft Vaterländischer Bauverein. Auch das im Juli 2018 fertiggestellte Haus mit Mini-Apartments in der Brunnenstraße Ecke Stralsunder Straße (früher Kaiser’s) hat eine Tiefgarage. 125,95 Euro pro Monat und Stellplatz verlangt eine Annonce im Internet.
Weniger eng und mehr Grün
Aber warum gibt es überhaupt so viele Tiefgaragen im Brunnenviertel? Für die Antwort muss man zurück ins Jahr 1961 springen. Damals beschloss Berlin, das Viertel zu sanieren. Gemeint war, alle Häuser abzureißen und eine neue Stadt zu bauen. Die sollte nicht auf der grünen Wiese wie zum Beispiel im Märkischen Viertel oder in Gropiusstadt entstehen, sondern auf dem Staub der alten Stadt. Sozialer Wohnungsbau hieß das Programm. Grundidee war, die Enge der Altbauten zu überwinden.
Viel Platz sollten die neuen Mieter zwischen ihren Häusern haben und vor ihren Balkonen sollte Grün sein. Das Beispiel „Roter Hof“ in der Jasmunder Straße belegt diesen Gedankengang. In der Begründung des Bauplans heißt es: „Mit der Verlegung der vorhandenen Stellplätze [in eine Tiefgarage] verbleiben die Freiräume im Blockinnenraum weitgehend als Grünräume.“ Dank der Tiefgarage könnten zwei Auflagen erfüllt werden. Einerseits könne dem ruhenden Verkehr, also den abgestellten Autos, Platz eingeräumt werden. Andererseits könne die Auflage erfüllt werden, Spielplätze zu errichten.

Wohnraum fürs Auto
Ein Blick zurück in die Geschichte: Dass Autos nicht nur fahren, sondern irgendwann irgendwo auf ihren Fahrer warten müssen, das fiel den Stadtplanern früh auf. Springt man zurück in die Anfangsjahre des Volkswagens und der Idee des Autos für alle, dann stößt man auf die Reichsgaragenordnung aus dem Jahr 1939. Diese forderte für jede Wohnung eine Garage. Ein Träumchen, um nicht zu sagen: blauäugig. Dieser Wert ist nur in der Einfamilienhaussiedlung zu schaffen, in der Stadt ist das eine Illusion. Es sei denn, man baut Häuser, in denen ausschließlich Autos wohnen. Das Parkhaus.
Tatsächlich hat das Brunnenviertel in der Demminer Straße ein solches Gebäude. Im Erdgeschoss verkauft OBI Holzlatten, in den oberen Etagen schläft der PKW. Das Problem dabei: Wo sollen die Menschen wohnen und schlafen, wenn die Häuser mit Autos belegt sind? Dann bauen wir in die Tiefe, nicht in die Höhe, dachten sich die Planer. Als das Brunnenviertel – vor allem in den 1970er und 1980er Jahren – abgerissen und neu errichtet wurde, waren die Stadtplaner begeistert von der Tiefgarage.


Ungeahnter Luxus
Eine perfekte Lösung für alle Freunde des Automobils, wenn da nicht die Sache mit dem Geld wäre. Als Richard von Weizsäcker 1981 Berliner Bürgermeister wurde, verkündete er wenige Wochen nach Antritt seines Amtes, Berlin müsse beim Sozialen Wohnungsbau sparen. Tatsächlich waren die Kosten für die Art des Bauens, wie sie nicht nur im Brunnenviertel praktiziert wurde, für den Geldgeber Berlin aus dem Ruder gelaufen.
Kurzerhand ersetzte Richard von Weizsäcker die pauschale Förderung von Tiefgaragen durch eine Einzelfallprüfung. Weil Tiefgaragen teuer sind. So beschwerte sich ein Weddinger Großbauherr 1981, dass ihn ein auferlegter Stellplatz unter der Erde 40.000 DM kosten würde. Bei geforderten 112 Stellplätzen wären das 4,5 Millionen Euro. Für Interessierte: 1997 hat Berlin als erstes Bundesland die Pflicht zur Schaffung von Parkplätzen bei Neubauten gestrichen.
Für die Bastler in der Tiefgarage ist die luxuriöse Bauweise der 1970er und 1980er Jahre ein Glücksfall. Sie schrauben unbeirrt vom wechselhaften Wetter im Warmen und im Trockenen.

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