Lebensmittel wegwerfen, muss das sein? Unser Autor Andrei Schnell hat die App „Too Good To Go“ ausprobiert. Dabei beobachtet er an sich eine ganze Reihe von Gefühlen. Die App weckt Kindheitserinnerungen, ist ein Spielzeug, ein Preishammer und ein Naherkundungs-Ratgeber. Fazit: Lebensmittel mit dem Handy vor dem Mülleimer zu bewahren, folgt nicht nur dem Wunsch, Gutes zu tun.

„Das ist zu schade, wegzuwerfen.“ In meiner Kindheit sprachen die Erwachsenen nicht immer vollständig und grammatikalisch vorbildlich. Wichtiger war, nicht geschwollen reden. Die Eltern sagten: Wegschmeißen kommt nicht in die Tüte. Tapetenreste, Erbstücke, Wurstscheiben – immer schauten die Großen, ob es noch zu verwenden sei. Im Fall von Essensresten lautete die Formulierung, „ob es noch gut“ sei. Das heißt, ich spüre eine gewisse konservative Ader in mir, wenn ich die hippe App „Too Good To Go“ auf mein Handy lade. Das zeitgemäße Wort Lebensmittelrettung ist für mich im Grunde der Satz meiner Kindheit: „Dem fehlt doch nichts.“
Ich rette also Lebensmittel. „Too Good To Go“ zeigt mir seit ein paar Tagen, welche Läden mitmachen. Es ist wie bei einem Handyspiel. Wenn ich mit Finger nicht auf das Symbol tippe, wirft das Geschäft Brötchen oder gar Mahlzeiten des Tages weg. Dabei muss ich wie bei allen anderen Spielen auf dem Smartphone schnell sein, denn die besten Sachen sind nach wenigen Minuten ausverkauft.
Überraschungstüte von Too Good To Go
Mein erster erfolgreicher Treffer führt mich zur Tankstelle in der Usedomer Straße Ecke Brunnenstraße. Für 3,50 Euro habe ich eine Überraschungstüte gekauft. Ich weiß nur, die Tasche wird Backwaren enthalten. Erste Überraschung für mich: Auch für die junge Frau hinter dem Tresen ist die App etwas Neues.
Tankrechnungen einzutippen und Kreditkarten entgegenzunehmen, das kann sie blind. Aber nun greift sie erst einmal zum Telefon. Ich kann ihr nicht helfen, auch ich weiß nicht, wie normalerweise alles abläuft. Derweil bildet sich eine Schlange, denn wer clever tankt, tankt abends. Und für den Abend lotste mich die App zur Aral. Am Ende gehe ich mit einer Tüte mit zehn verschiedenen, teilweise belegten Brötchen nach Hause. Der Warenwert: 10,50 Euro. Was für ein Schnäppchen denke ich. Der Sparfuchs in mir jubelt.


Lebensmittel retten am Hotel-Buffet
Angefeuert vom ersten Versuch blicke ich wieder in die Preishammer-App, bei der ich nur ein Drittel des Warenwerts bezahlen muss. Und ich entdecke, dass auch Hotels mitmachen. Meine zweite Station führt mich knapp über die Grenzen des Brunnenviertels hinaus zum City Light-Hotel in der Böttgerstraße. Das kannte ich zuvor nicht.
Die App entpuppt sich hier als Reiseführer im eigenen Kiez. Am Buffet darf ich mich selbst bedienen. Später lerne ich, dass andere Hotels das anders handhaben. Ich finde diese Art der Rettung großartig, weil ich mir nur das nehme, was mir wirklich schmeckt. Salat mit und ohne Fleisch, Rührei, Wurst, Käse, Tomaten. Ein Mann räumt nach mir die Teller und Schüsseln ab und freut sich mit mir. „Ich nutze die App auch, ist total toll.“ Er weiß auch, dass er mich auffordern muss, dass ich in meiner App wischen muss. Damit bestätige ich die Abholung und kann nicht zweimal abstauben.
Große Augen machen Ann-Kathrin Mätzold und Marta Susid vom Café Freysinn, als ich mit der App komme. Sie kennen mich als Nachbar und normalen Gast und jetzt möchte ich bei ihnen Essen retten. Das Café Freysinn macht nur freitags mit, dafür gibt es hier richtiges Mittagessen. Für mich eine schöne Abwechslung auf dem Speisezettel und ein Gespräch unter Freunden gibt es für mich gratis dazu. Vor wenigen Jahren habe ich manchmal Mitarbeiter von „Too Good To Go“ im Freysinn getroffen. Das Unternehmen, das 2015 in Dänemark gegründet wurde, hatte seinen Deutschlandsitz von 2017 bis 2020 gleich um die Ecke im AEG-Gelände. Inzwischen sind sie nach Kreuzberg umgezogen.

Vor allem Backwaren retten?
Wenn ich von „Too Good To Go“ erzähle, bin ich voller Begeisterung. Doch manche Zuhörer sind kritisch. „Da gibt es ja vor allem Backwaren.“ Das trifft zu. Geschäfte wie die Kornbäckerei sind zahlreich vertreten. Das stimmt mich nachdenklich. Wie kann es sein, dass hohe Gaspreise Deutschlands Bäcker drücken und gleichzeitig täglich Unmengen Brot und Brötchen zu viel gebacken werden? Die Welt ist verrückt. Andere merken an, dass man mit der App nicht einfach das kaufen kann, worauf man Lust hat. Auch das stimmt, wer nicht gerade in Entdeckerlaune ist, dem fallen die Unterschiede zum eingeübten Online-Shopping auf.
Grundsätzlich ist diese Kritik: „Da werden ja alle Daten von dir gesammelt.“ Auch das stimmt natürlich. Irgendwann weiß „Too Good To Go“ genau, was ich am liebsten esse und wo ich einen Mäkelbogen mache. Das Handy ist eine Datenkrake, und zwar jede einzelne App auf ihm. Hinnehmen oder das Gerät für immer zur Seite legen? Und wer wirklich kein Handy und keine Kreditkarte hat, der kann übrigens den Fairteiler im Olof-Palme-Zentrum nutzen. Dort gibt es vor der Mülltonne gerettete Lebensmittel einfach so. Ohne Smartphone. Ohne Nachweis einer bestimmten Armutsform. Ohne Lichtbildausweis. Und ganz ohne Geld.
Was denke ich nach den ersten Tagen mit meiner neuen App? Für mich ist sie gut, weil ich Überraschungen mag, weil ich gern Neues entdecke, weil ich gern preisbewusst einkaufe. Und ja, natürlich auch, weil ich Gutes tun möchte und Lebensmittel rette. Die App sagt mir, dass ich mit 15 Abholungen inzwischen 38 Kilogramm CO2 eingespart habe. Ein schöner Nebeneffekt eigentlich.
–> Die App von „Too Good To Go“ kann kostenfrei im App Store und im Google Play Store heruntergeladen werden.
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