Am 20. September 2026 wird in Berlin wieder gewählt. Die Parteien in den Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen (und in den übrigen 94 Berliner Ortsteilen) stellen gerade ihre Direktkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl auf und ihre Listen zusammen. Da bleibt Zeit, einmal einen Blick zurückzuwerfen und zu schauen, was 40 Jahre Berlin-Wahlen offenbaren.

Demokratiekrise in Schüben
Die Krise der westlichen Demokratie ist kein Phänomen, das ausschließlich im Wedding und Gesundbrunnen zu beobachten ist. Gleichzeitig ist der alte Arbeiterbezirk besonders stark vom Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft erfasst worden. Auf AEG, Telefunken und Osram folgten TU-Berlin und kleinteilige Gewerbehöfe mit Büros, Geschäften und Agenturen.
Die Zahl der Zweitstimmen, die die Parteien bei Berlin-Wahlen erhielten, zeichnet den Wandel nach. Dazu ein Blick auf die Parteien, die man in den 1980er Jahren angesichts von fünf Prozentpunkten getrost als Sonstige verbuchen durfte. Ab 1990, als die Industrie den Wedding verlassen hatte, erhielten sie 15 Prozent. Ab diesem Zeitpunkt waren es die Kleinen. Dann der nächste Sprung in den 2000er Jahren. Plötzlich erhalten sie zwischen 20 und 25 Prozent. Aus einigen wenigen Kleinen sind zahlreiche Kleine geworden: Die Vielen.
Nicht in der Grafik dargestellt sind die Nichtwähler. Wer ein wenig stöbert, findet auf Wikipedia eine Darstellung für Berlin, die zeigt, dass auch ihre Zahl einmal in den 1990er Jahren sprunghaft anstieg und ein zweites Mal in den 2000er Jahren. Wer dabei war, erinnert sich an den Begriff „Politikverdrossenheit“. Ein Begriff, der etwas beschrieb, aber nicht zu erklären vermochte.
Vermutlich erleben wir jetzt den dritten Schub: Die Radikalisierung.
Volksparteien seit 30 Jahren im Abwärtstrend
Ob Volkswagen oder Volksparteien – offenbar tun sich große Institutionen schwer damit, sich zu erneuern. Das Neue kommt von außen. Im Falle von Volkswagen mit BYD aus China und mit Tesla aus Grünheide. Im Falle von SPD und CDU kommt das Neue mit Grünen, Linken und AfD.
Die CDU war in den 1980er Jahren im Wedding und Gesundbrunnen eine Art CSU mit 40 oder 45 Prozent. Seit 1990 verliert sie Jahr für Jahr ein paar Punkte. Und seit 30 Jahren findet sie kein Mittel, um den Trend zu drehen. Oder doch? 2023, bei der Wiederholungswahl, legte die CDU im Wedding und Gesundbrunnen ordentlich zu. Spannende Frage ist für sie deshalb in 2026: Schafft sie es, Kandidaten aufzustellen, die in den beiden Ortsteilen wieder mehr Wähler überzeugen?
Für die SPD begann der Abwärtstrend schon Mitte der 1980er Jahre. Und er verläuft nicht ganz so geradlinig wie bei der CDU. Doch unterm Strich ist sie von über 40 auf unter 20 Prozent gefallen.
2011 war im Wedding und Gesundbrunnen übrigens das Jahr, in dem die beiden einstigen Großparteien zusammen weniger als 50 Prozent schafften. Aus zwei Topmannschaften, die die Liga unter sich ausmachten, sind zwei mittelmäßige Mannschaften geworden, die hoffen, auch mal ab und zu vorn mitzuspielen.
Niemand liegt vorn
In den 1980er Jahren sorgte die Fünf-Prozent-Hürde dafür, dass nur wenige Parteien ins Abgeordnetenhaus kamen. SPD und CDU und oft auch FDP saßen allein zusammen. Ab 1981 kam die Alternative Liste (quasi Die Grünen) hinzu. Seit den 1990er Jahren wurde das Abgeordnetenhaus vielfarbig. Die Linke kam hinzu. Für einen kurzen Moment waren die Piraten dabei und seit einiger Zeit die AfD.
Auch die Grafik für Wahlergebnisse im Wedding und in Gesundbrunnen wechselt von einem Übereinander der Linien in den 1980er Jahren zu einem Ineinander während der zurückliegenden Dekade. Besonders seit 2011 sind Grüne und Linke von eher kleineren Parteien zu stärkeren Parteien aufgestiegen. Daraus folgt: Niemand liegt vorn.
Wobei, ginge es lediglich um die denkbaren Möglichkeiten, dann könnte es auch eine dominierende Partei geben und mehrere kleine. Es muss nicht zwingend so sein, dass alle Parteien in der Zeile zwischen 15 und 25 Prozent landen. Würde es nicht um die Frage gehen, wie die Welt sein soll, sondern um die Frage, welchen Kühlschrank ich mir kaufen soll, wäre eine solche gleichmäßige Verteilung der Anbieter sogar attraktiv. Aber es geht nicht um Kühlschränke, sondern um Politik, und da verursacht die breite Auswahl eher Probleme. Denn Koalitionen sind nötig und damit findet das Aushandeln von Kompromissen plötzlich auf offener Bühne statt und nicht mehr wie in den 1980er Jahren in Hinterzimmern. Es bleibt zu hoffen, dass der Wähler diesen Wandel nicht als nervige Streiterei wahrnimmt, sondern als Folge seines Wahlverhaltens.
Weiterlesen zu Berlin-Wahlen
In der Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt es einen Artikel zur Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin mit Grafik der Wahlergebnisse und Anstieg der Nichtwähler. Eine Grafik in dem digitalen Nachschlagewerk zeigt die Entwicklung der Zahl der Arbeiter und Angestellten in den 2000er Jahren: Industriebeschäftigung im Wandel – Arbeiter, Angestellte und ihre Arbeitsbedingungen, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung und Sozioökonomisches Panel, 2015. Näheres zur anstehenden Berlin-Wahl steht im offiziellen Webauftritt des Landeswahlleiters Berlin.
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