Wo sind die türkischen Filme im Wedding geblieben?

Im Alhambra im Wedding gehören türkische Filme lange selbstverständlich zum Kinoalltag. Komödien, Familienfilme oder Historienfilme zogen ein treues Publikum über dem Kiez hinaus an. Doch inzwischen verschwinden sie zunehmend aus dem Programm des Kinos. Kinoleiterin Hanna Dobslaw spricht über das türkische Publikum im Wedding, den Rückgang der Filmproduktionen – und darüber, warum der Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“ trotzdem ins Programm des Cineplex-Kinos in der Seestraße gehört.

Hanna Dobslaw vom Alhambra-Kino mit dem Plakat für die Sonderaktion zum Zuckerfest. Foto: Süleyman Bağ
Hanna Dobslaw vom Alhambra-Kino mit dem Plakat für die Sonderaktion zum Zuckerfest. Foto: Süleyman Bağ

Türkische Filme gehören schon lange zum Programm des Alhambra-Kinos. Wie hat sich das entwickelt?

Hanna Dobslaw: Türkische Filme sind hier eigentlich immer Teil des Programms gewesen. Früher, vor allem zwischen Oktober und März, liefen regelmäßig Filme aus der Türkei – oft zwei pro Woche. Das waren Komödien, historische Stoffe oder Familienfilme. Für viele Menschen im Kiez war das ein fester Bestandteil ihres kulturellen Lebens.

Hat sich das in den letzten Jahren verändert?

Hanna Dobslaw: Ja, leider. Mein Eindruck ist, dass sich nach dem großen Erdbeben im Jahre 2023 in der Türkei einiges verändert hat. Während der Corona-Zeit gab es zwar Einschränkungen, aber türkische Filme kamen weiterhin ins Kino. Nach dem Erdbeben ist die Produktion spürbar zurückgegangen. Eine türkischstämmige Kollegin meinte einmal bei uns in einer Marketingsitzung, dass in der Türkei derzeit viele Produktionen eher als Serien entstehen. Serien lassen sich natürlich nicht im Kino zeigen.

Welche Folgen hat das für Ihr Kino und die Cineplex-Häuser in Berlin?

Hanna Dobslaw: Uns fehlt ein Teil unseres Programms. Wir hatten viele Gäste, die gezielt wegen der türkischen Filme zu uns gekommen sind. Unsere Kinos liegen unter anderem in Neukölln und Wedding, und wir waren lange Zeit die einzigen Häuser, die diese Filme regelmäßig gezeigt haben. Dadurch hatten wir ein treues Publikum. Natürlich kommen Familien weiterhin mit ihren Kindern zu Kinderfilmen. Aber dieser kulturelle Abend – gemeinsam einen Film aus der eigenen Kultur zu sehen – der fehlt im Moment ein Stück weit.

Welche anderen Filme kommen bei türkischen Zuschauerinnen und Zuschauern besonders gut an?

Hanna Dobslaw: Sehr beliebt sind tatsächlich Action- und Horrorfilme. Das überrascht mich selbst immer wieder – gerade Horrorfilme laufen überdurchschnittlich gut. Aber auch Komödien oder Familienfilme haben traditionell ein großes Publikum.

Wie viele türkische Filme liefen früher pro Saison?

Hanna Dobslaw: Mindestens zwei pro Monat. Von Oktober bis März sind das ungefähr zwölf bis vierzehn Filme gewesen. Manchmal liefen sogar mehrere gleichzeitig.

Sie haben auch spezielle Projekte für das Publikum im Kiez organisiert. Eines davon ist das sogenannte „Elternkino“. Worum ging es dabei?

Hanna Dobslaw: Das ist ein Angebot für Eltern mit kleinen Kindern. Die Idee ist, dass Eltern gemeinsam ins Kino gehen können, auch wenn sie ein Baby dabei haben. Das Licht bleibt etwas gedimmt, der Ton ist etwas leiser, und Kinder dürfen natürlich dabei sein. Leider spielen wir mit dem Gedanken dieses Projekt einzustellen, weil das Interesse abnimmt.

Aktuell läuft bei Ihnen der Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“. Ist das ein typischer Film für Ihr Programm?

Hanna Dobslaw: Eigentlich nicht. „Gelbe Briefe“ ist ein deutsch-türkischer Film und thematisch ganz anders als viele Filme. Es ist kein Horrorfilm und keine Komödie, sondern ein politisches Drama.

Das Cineplex Alhambra an der Ecke Seestraße und Müllerstraße bei Nacht. Foto: Hensel
Das Cineplex Alhambra an der Ecke Seestraße und Müllerstraße bei Nacht. Foto: Hensel

Sie leben selbst seit vielen Jahren im Wedding. Welche Rolle spielt das Kino im Kiez?

Hanna Dobslaw: Ich bin 2003 als Studentin hierhergezogen und habe damals angefangen, im Kino zu arbeiten. 2010 habe ich die Leitung übernommen. Für mich ist ein Kino immer auch ein sozialer Ort. Natürlich müssen wir Filme zeigen, die von den Verleihern angeboten werden. Aber ich glaube, dass ein Kino erfolgreicher ist, wenn es auch auf die Menschen im Umfeld eingeht.

Das Kino ist also auch ein Ort der Begegnung?

Hanna Dobslaw: Genau. Ein Beispiel ist unser Filmcafé am Mittwoch. Da backe ich selbst Kuchen, und danach schauen die Gäste gemeinsam einen Film. Da kommen manchmal bis zu 200 Besucher, viele ältere Menschen aus dem Kiez.

Am Freitag, den 20. März, beginnt für viele Muslime das Zuckerfest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan. Das Alhambra-Kino bietet an diesem Tag auch eine besondere Ermäßigung an. Was steckt hinter dieser Idee?

Hanna Dobslaw: Das Zuckerfest ist für viele Menschen in unserem Kiez ein sehr wichtiger Feiertag. Wir wollten diesen Anlass nutzen, um das Kino als Ort der Begegnung zu öffnen. Deshalb bieten wir an diesem Tag ermäßigte Eintrittspreise an. Uns ist wichtig zu zeigen, dass Kino ein gemeinsamer kultureller Raum ist, in dem unterschiedliche Traditionen zusammenkommen können. Gerade in einem vielfältigen Stadtteil wie Wedding passt es gut, solche Anlässe aufzugreifen und Menschen einzuladen, gemeinsam Filme zu erleben.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos – gerade in Zeiten von Streaming und künstlicher Intelligenz?

Hanna Dobslaw: Ich glaube, dass Kino weiterhin wichtig bleibt. Vielleicht werden wir in Zukunft nicht mehr jeden Saal jeden Tag bespielen. Aber das Kinoerlebnis selbst wird bleiben. Einen Film gemeinsam mit anderen Menschen zu sehen, zu lachen oder zu reagieren – das kann man zu Hause auf dem Sofa nicht ersetzen.

Der Film „Gelbe Briefe“

Wie im Interview erwähnt, steht aktuell auch ein türkischer Film auf dem Spielplan des Cineplex Alhambra. Er wird im türkischen Original mit Untertiteln und auf Deutsch gezeigt. Der Film „Gelbe Briefe“ des deutsch-türkischen Regisseurs İlker Çatak wurde bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Das politische Drama erzählt die Geschichte eines Künstlerpaares in Ankara, das nach einem Vorfall bei einer Theaterpremiere unter zunehmenden Druck staatlicher Behörden gerät. Der Film thematisiert die Rolle der Kunst in autoritären politischen Systemen und die Frage, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn ihre Überzeugungen auf dem Spiel stehen. Mehr dazu steht im Beitrag „Gelbe Briefe“ im Wedding – Politisches Kino im Alhambra.

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