Vom Gesundbrunnen nach Osnabrück

Brunnenmagazin-Autorin Evelyne Leandro meldet sich! Sie erzählt, wie es ihr nach dem Umzug von Berliner Gesundbrunnen nach Osnabrück geht.

Evelyne Leandro in Osnabrück. Foto: privat
Evelyne Leandro in Osnabrück. Foto: privat

Hello darkness, my old friend… Kennt ihr das Lied „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel? Wenn nicht, solltet ihr aber. Dieses Lied sagt mir viel. Besonders seitdem ich mich entschieden habe, Berlin zu verlassen. Ich sehnte mich nach Ruhe und Gelassenheit. Ich sehnte mich nach stillen Nächten und fröhlichen Gesichtern. Nach 15 Jahren in Berlin war mir die große Stadt einfach zu viel. Und ich zog aus. Ich wollte mich daran erinnern, wie die richtige Stille klingt, ohne die Geräusche der großen Stadt: Sirenen, Hupen, Geschrei.

In Osnabrück fand ich in meiner neuen Nachbarschaft nicht nur die Stille, sondern auch die Dunkelheit. Die Stadt ist dunkler als Berlin. Es sind weniger Neonlichter. Die Straßenlampen müssen genügen und meine Augen müssen sich daran gewöhnen, die Sterne am Himmel zu betrachten. Und es sind auch viel mehr Sterne zu sehen.

In der Nähe meines neuen Zuhauses gibt es einen kleinen Wald. Dort sind viele Tiere zu sehen und zu hören, auch weil er direkt neben dem Zoo ist. Sehr besonders für mich sind die zahlreichen Storchennester, die man einfach nicht in einer Stadt erwartet. Aber hier gibt es sie schon.

Es gibt auch mehr Zeit für Smalltalk auf den Straßen und in den Supermärkten. Es wird gesprochen und zugehört. Eines Tages war ich bei einem Discounter und der Kassierer fragte mich, ob ich die App schon heruntergeladen hätte. Das hatte ich, aber die App wollte nicht funktionieren. Er machte eine Pause, fragte nach meinem Handy, machte die App auf und half mir bei der Anmeldung. Währenddessen sagte er zu den anderen Kunden: „Sie müssen sich ein paar Minuten gedulden.“ Das alles, damit ich einen Preis bekommen konnte: ein kostenloses Spülmittel.

Natürlich vermisse ich die zahlreichen Cafés in Berlin, meine Freundinnen und die Mobilität der Hauptstadt. Berlin und ich, das war ja eine Beziehung von 15 Jahren. Man kann sich nicht einfach trennen, ohne dass dann etwas fehlt. Ich war mir dessen bewusst und war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

Eine Freundin von mir sagte neulich am Telefon, dass meine Stimme ruhiger klingt. Ich gab ihr Recht. Ich sitze im Garten und höre den Gesang der Vögel, während die Bäume grüner werden. Ich fühle den Frühling und die Hoffnung. Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.

Evelyne Leandro mit ihrem Kollegen Jochen Uhländer. Foto: Andrei Schnell
Evelyne Leandro mit ihrem Kollegen Jochen Uhländer im Olof-Palme-Zentrum. Dort arbeitete sie zuletzt als Stadtteilkoordinatorin. Foto: Andrei Schnell

Zur Erinnerung: Evelyne Leandro

Evelyne Leandro war lange Mitglied der Bürgerredaktion im Brunnenviertel. In Brasilien geboren zog sie 2010 ins Brunnenviertel in Berlin. Sie war erst beim Brunnenviertel e.V. aktiv und schrieb ein autobiografisches Buch über eine ungewöhnliche Krankheits- und Genesungsgeschichte („Ausgesetzt – Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit“). Später gründete sie mit anderen Frauen den Janainas e.V. für Migrantinnen. Zuletzt hat sie als Stadtteilkoordinatorin gearbeitet und im Brunnenmagazin abwechselnd mit ihrem Kollegen Jochen Uhländer eine Kolumne geschrieben.

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