Was für ein Wedding-Abend! Das Mitte Museum hatte am Donnerstag (27.3.) zu einer kleinen Veranstaltung eingeladen, einer Vorführung mit einem Film von anno dazumal. Das Museum hatte einen kleinen Raum zur Verfügung gestellt, ein größerer hätte sowieso nicht zur Verfügung gestanden, und mit ein paar interessierten Besucher:innen gerechnet. Gekommen sind fast 100 Menschen, wobei mehr als 20 am Ende keinen Platz mehr fanden und „Wedding heute“ aus dem Jahr 1966 nicht sehen konnten. Für sie, so versprach der vom Ansturm überraschte Museumsleiter Nathan Friedenberg, soll es bald eine zusätzliche Filmvorführung geben.

Noch ein Stuhl und noch ein Stuhl wurden in den Raum im Museum in der Pankstraße getragen. Das Museumsteam tat, was es konnte, um allen Interessierten einen Platz zu bieten. Am Ende mussten Nathan Friedenberg und Sigrid Schulze aufgeben. Es waren einfach zu viele. „Wir haben mit einem kleinen Klassentreffen gerechnet und ein paar zusätzlichen Menschen. Wir sind total überrascht“, sagte Nathan Friedenberg.
Wedding heute: Wie es 1966 war
Dass der Museumsleiter mit einer Art Klassentreffen gerechnet hat, liegt daran, dass der gezeigte Film im Rahmen einer Film-AG an der früheren Fridtjof-Nansen-Schule in der Gotenburger Straße entstanden ist. Im Jahr 1966 sollte die AG im Auftrag des damaligen Bezirks Wedding ein Porträt des Stadtteils auf 16-Millimeter-Film festhalten. Die Beteiligten waren damals in der 8. Klasse, heute sind sie Rentnerinnen und Rentner und kamen gern und zahlreich, um sich gemeinsam zu erinnern. Doch nicht nur sie hat die Veranstaltung angezogen.
Die, die es in die Vorführung geschafft haben, haben ein wirklich tolles Zeitdokument sehen können. Der Film beginnt und endet mit einem Hubschrauberrundflug über den Wedding – übers Rathaus, über die Müllerstraße, an der Mauer in der Bernauer Straße entlang. Die Aufnahmen stammen nicht von der Schüler-AG selbst, sie wurden damals von den Alliierten zur Verfügung gestellt. Zwischen den Flug-Sequenzen fügen sich sehr dokumentierende und manchmal spielerisch präsentierte Wedding-Eindrücke aneinander.
Alles, was das Herz des Weddingers berührt
Zu sehen sind ebenso Szenen an der geschlossenen Mauer wie das Baden im Sommerbad Humboldthain. Der Volkspark Rehberge, der Rosengarten im Humboldthain, ein Hertha-Spiel in der Plumpe, der Blick vom Plumpen-Pickel (Flakturm im Humboldthain), der Stau auf dem Schering-Canyon (Fennstraße), die Sprengung im Sanierungsgebiet im heutigen Brunnenviertel, die Produktion bei der AEG und bei Schering, das Centre Culturel (heute Centre Français) – alles, was das Herz eines Weddingers oder eine Weddingerin aufgehen lässt. Erinnerungen über Erinnerung wurden wach, so manch einer im Publikum erkannte sich selbst wieder, andere riefen laut die Namen der Politiker oder Lehrer, die im Film zu sehen waren.
Nach der Vorstellung wurden in großer Runde (und später in kleiner) viele Erinnerungen getauscht. Dabei ging es natürlich um den Wedding, aber auch um den Leiter der Film-AG und Regisseur des Films, Hans-Lutz Becker. Dieser hat dem Zeitdokument eine manchmal augenzwinkernde Note mitgegeben und einen Hauch Theater. Hinterlassen hat der inzwischen verstorbene Regisseur und Lehrer einen wirklich tollen Wedding-Film und einen ganzen Raum voller Zeitzeug:innen, die er für Kunst und Kultur begeistert hat (und die bei der Veranstaltung kurzerhand Gedichte zititerten, auf die sich der Film bezog).

Notizen für die Jetzt-Zeit
Meinung: Beim Anschauen der Wedding-Dokumentation drängen sich der Betrachterin zwei Gedanken auf. Könnte und sollte dieses Zeitdokument nicht digital einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden? Es ist für die Vorstellung bereits digitalisiert worden und wurde öffentlich finanziert (mit damals 9000 D-Mark). Eine Videoplattform sollte sich doch schnell finden lassen! Unbenommen bleibt natürlich die Möglichkeit weiterer öffentlicher Aufführungen mit und ohne Zeitzeugen. Der zweite Gedanke: Mach’s noch einmal, Wedding! Gibt es heute noch Film-AGs an den Schulen, die ein Wedding- oder Mitte-Filmporträt drehen könnten? Dann hätten die nachfolgenden Generationen ebenfalls ein so wertvolles Erinnerungsformat zur Verfügung. Denn das Interesse am Wedding von früher ist groß, so wie das Bedürfnis nach Möglichkeiten des gemeinsamen Erinnerns anhand sehr konkreter Zeitdokumente.
Gut zu wissen
Sobald das Mitte Museum einen weiteren Aufführungstermin für „Wedding heute“ (1966) bekannt gibt, wird dieser auch in den Veranstaltungstipps empfohlen.
Kurze Meldungen aus dem Stadtteil
Neben den umfangreichen Beiträgen über Wedding und Gesundbrunnen gibt es nun auch „Wedding kurz & knapp“: kurze Meldungen aus dem Stadtteil. Die aktuellen News sind auf der Startseite des Blogs oder über diesen Direktlink zu finden.

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