An diesem Wochenende, 7. und 8. September, beginnt der sogenannte Dialogprozess zur Bebauung des Tempelhofer Feldes. Weit über 200 Berlinerinnen und Berliner sollen sich mit der Frage beschäftigen, ob der ehemalige Flughafen bebaut werden könnte. Dabei existieren in Berlin selbst in dicht bebauten Gebieten wie dem Wedding alternative Freiflächen: zum Beispiel der Zentrale Festplatz. Hier eine Einschätzung.

Fast 90.000 Quadratmeter ist das Gelände des Zentralen Festplatzes groß. Die Schausteller nutzen davon 60.000 Quadratmeter. Eine riesige Freifläche. Weil der Mietvertrag für Riesenrad und Volksfest im Dezember 2028 endet, könnte anschließend mit Wohnungsbau begonnen werden. 1500 bis 2000 Wohnungen könnte die Fläche Platz bieten, wie die Senatsverwaltung für Bauen im Oktober 2022 im Berliner Abgeordnetenhaus berichtete. Zumindest der Bezirk Mitte will den Zentralen Festplatz bebauen. Im April 2021 haben die Bezirksverordneten beschlossen, „den Zentralen Festplatz als neues Stadtquartier mit der dafür erforderlichen Infrastruktur (u.a.: Schule, Kita, Jugendeinrichtungen) zu entwickeln“. Doch passiert nichts.
Senat „vergisst“ den Zentralen Festplatz
Doch der Senat klammert den Zentralen Festplatz regelmäßig aus, wenn es um Wohnbebauung geht. Bekannt wurde Franziska Giffeys (SPD) Zusage an die Schausteller vom Februar 2023, den Zentralen Festplatz als Brache zu belassen. Bis heute bleibt es faktisch bei dieser Zusagen, obwohl der SPD-Kreisverband Mitte stark protestierte. Der Kreisverband erreichte, dass sich die Berliner SPD bei einem Parteitag für Wohnen auf der Freifläche entschied.
Davon ist Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) unbeeindruckt. Vor wenigen Tagen hat er den Plan „STEP Wohnen 2040“ vorgestellt. In dem 120 Seiten starken Papier, das Flächen für Wohnungsbau in Berlin benennt, taucht das Stichwort „Zentraler Festplatz“ nicht auf. Nicht ein einziges Mal. Auch wurde weder vom Land noch vom Bezirksstadtrat Ephraim Gothe (SPD) bislang der Bebauungsplan II-231 aus dem Jahr 2013 geändert. II-231 sieht einen Zentralen Festplatz vor und verzichtet darauf, Wohnen zu ermöglichen. Auch städtebauliche Wettbewerbe, die vorschlagen, wie ein neues Quartier für tausende Menschen im Weddinger Norden aussehen könnte, sind bislang ebenfalls noch nicht angeschoben worden. Gleichzeitig entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft des Zentralen Festplatzes Wohnraum – im sogenannten Schumacher Quartier auf dem ehemaligen Flughafen Tegel. Die Bagger müssten gewissermaßen nur die Straßenseite wechseln und könnten für weitere Wohnungen sorgen.
Beim Tempelhofer Feld viel Druck
Während der Senat beim Zentralen Festplatz Zeit verstreichen lässt und so tut, als gäbe es genügend andere Bauflächen, agiert er beim Tempelhofer Feld genau entgegengesetzt. Hier wird plötzlich die Wohnungsnot beschworen. Senator Christian Gaebler geht dafür bewusst in den Konflikt mit der Öffentlichkeit. Beziehungsweise wie seine Behörde formuliert: Ziel ist es, „die öffentliche Debatte mit Dialogwerkstätten anzustoßen“. Doch warum soll der mit Volksentscheid 2014 gefundene Friede in der Stadtgesellschaft gestört werden? Ein Grund liegt im Koalitionsvertrag von CDU und SPD, in dem es heißt: „Mit der Randbebauung sollen Wohnquartiere mit breiten sozialen Angeboten für die neuen Bewohnerinnen und Bewohner und die Stadtgesellschaft geschaffen werden.“ Heißt das, Randbebauung steht fest? Geht es nur darum, einen Weg zu finden, wie diese beschlossene Bebauung durchgesetzt werden kann, obwohl dem ein Volksentscheid entgegensteht? Und falls ja, wie könnte dieser Weg aussehen? Die Antwort lautet: mit der Simulation von Demokratie, also einer Bürgerbeteiligung.
Wer bei anderen Gelegenheiten an Bürgerbeteiligung teilgenommen hat, der hat bereits erlebt, dass es bei solchen Formaten nicht unerheblich auf die Regie ankommt. Und die liegt eben nicht beim Bürger, sondern bei den Organisatoren der Beteiligung. Zugespitzt: Beim Dialogprozess Tempelhofer Feld scheint schon jetzt klar zu sein, was am Ende herauskommen darf und was auf gar keinen Fall. So heißt es: „Die zentrale Fragestellung für die Dialogwerkstätten ist, welche gesamtstädtischen Bedarfe bestehen und wie das Tempelhofer Feld in Zukunft einen Beitrag für die Erfüllung der Bedarfe leisten kann.“ Wobei ein Bedarf „bauliche Nutzungen, Flächenpotenziale für den Wohnungsbau und eine integrierte Quartiersentwicklung, darunter auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Nutzungen“ ist. Nicht als Bedarf zur Auswahl steht das Bedürfnis Freifläche. Außerdem gibt es unabhängig vom Votum der beteiligten Bürger ab Herbst ein Ideenwettbewerb. Das heißt, Architekten werden eingeladen, sich über das Tempelhofer Feld Gedanken zu machen. Unwahrscheinlich, dass sie dabei den Wunsch des Auftraggebers nach einer Randbebauung ignorieren werden und ein Blatt abgeben werden, auf dem eine grüne Fläche zu sehen ist.


Worte gegen den gefühlten Druck
Liebe Berlinerin, lieber Berliner, der du diesen Text liest und zufällig zu den 275 Personen gehörst, die am 7. und 8. September am Dialogprozess Tempelhofer Feld teilnehmen: Ja, es lastet ein gewisser Druck auf dir, wenn dir die Frage vorgelegt wird, ob nun eine grüne Wiese oder Wohnen wichtiger sei. Allerdings verliert dieser Druck viel an Gewicht, wenn du weißt, dass Berlin noch andere Flächen zur Verfügung hat. Zum Beispiel den Zentralen Festplatz im Wedding.

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