25 Jahre Eschenbräu: Von mir aus kann es endlos weitergehen

Am Mittwochabend sitze ich im Eschenbräu im Biergarten. Am Nebentisch erklärt ein Mann seiner Begleiterin die Brauerei. Eigentlich geht mich das Gespräch nichts an. Aber er spricht so laut, dass ich kaum weghören kann. Und dann sagt er diesen Satz: „Hier habe es schon Craftbier gegeben, als der Begriff Craftbier noch gar nicht existierte“. Stimmt. Martin Eschenbrenner braut jetzt seit 25 Jahren im Sprengelkiez im Wedding.

Ich gehe ins Eschenbräu, seit ich im Wedding wohne. Das ist seit 2008. Ich habe also einen ziemlich großen Teil der jetzt 25-jährigen Geschichte dieser Brauerei als Stammkundin miterlebt. Und ich habe dort viel mehr gemacht als Bier getrunken.

Martin Eschenbrenner steht im Brauereikeller und dankt Weggefährten
Auch eine kurze Rede von Martin Eschenbrenner gehörte zur Geburtstagsparty. Foto: Hensel

Nach einem halben Glas

Ich habe im quirligen Brauereikeller unzählige Menschen kennengelernt, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Sie kamen aus Moabit, aus dem Wedding, aus Spandau oder sogar aus dem Berliner Umland. Spätestens nach einem halben Glas Bier haben wir praktisch immer festgestellt, dass uns viel mehr verbindet als die Lieblingsbrauerei. Die Welt ist klein und die Zeit bleibt draußen, wenn man im Eschenbräu einen Abend zusammen verbringt.

Ein großes und ein kleines Glas mit Eschenbräu-Bier. Foto: Hensel
Ein großes und ein kleines Glas mit Eschenbräu-Bier. Foto: Hensel

Ich saß einmal neben einem Parteitreffen der Linken. Der Fairness halber habe ich mich als (mithörende) Journalistin geoutet. Ein anderes mal geriet mitten in eine private Geburtstagsfeier und ging am Ende mit einem Haufen Käse nach Hause, der übrig geblieben war. Ich habe viele Bekannte aus dem Wedding getroffen, den neuesten Whisky getestet und im Eschenbräu sehr überraschend Norwegisch gesprochen. Ich habe dort auch eines der fiesesten und ernüchternsten Trennungsgespräche meines Lebens geführt. Ich habe gelacht und geprostet, auf den Flammkuchen gewartet und nette Kellner getroffen.

Als unsere Kinder noch klein waren, waren wir mit ihnen da. Dann wurde aus dem Brauereibesuch eine Art Apfelsaft-Picknick unter der großen Eiche im Hof. Damals war die Fläche des Biergartens noch nicht durch einen Zaun abgegrenzt und die Kinder hatten viel Spaß dabei, über die knirschenden Steine zu hopsen. Inzwischen sind die Kinder groß. Und in den vergangenen Jahren ist das Eschenbräu der Abschluss meines Sprachkursabends geworden. Der Kurs findet im fernen Reinickendorf statt. Danach zieht es uns immer wieder hierher. Unseren Mittwochabend bei Esche schätzen wir sehr.

Biergarten mit Menschen
Der Biergarten der Hausbrauerei Eschenbräu ist beliebt und gut besucht – hier 2016. Foto: Hensel

Ich habe mich durch unzählige Saisonbiere von Weddinator über „Alter Schwede“ bis „Roter Wedding“ probiert. Und bin immer wieder beim Klassiker gelandet: Panke Gold.

Sechs Tische und eine Wand

Am Freitagabend sitze ich wieder im Eschenbräu. Diesmal wird Geburtstag gefeiert. 25 Jahre. Die Biergartensaison ist seit vorgestern vorbei, also findet die Feier unten im Keller statt. Erst mit geladenen Gästen, später mit allen. Es gibt Freibier und ein herzhaftes Biergarten-Buffet. Erst spielt jemand eine steirische Harmonika, später gibt’s Irish Folk, schließlich Blasmusik. Martin Eschenbrenner geht von Tisch zu Tisch und spricht mit den Gästen. Ich mache es ähnlich.

Und Eschenbrenner erzählt. „Wir haben klein angefangen, mit sechs Tischen“, sagt er bei seiner kleinen Rede an Weggefährten und Freunde. Einen einzigen Tisch aus dieser Anfangszeit gebe es heute noch: den runden schwarzen. Auch der Raum war früher kleiner, erzählt er. An einer Wand hing damals ein Schild: „Niemand hat die Absicht, eine Gaststätte zu erweitern.“ Drei Jahre hielt die Absicht, „dann war die Wand fällig“. Sie wurde eingerissen und die Gaststätte größer.

Blick in den Brauereikeller von Eschenbräu
Blick in den Brauereikeller von Eschenbräu bam Festtag. Foto: Hensel

Irgendwann kam der Moment, an dem Eschenbrenner wusste, dass seine Idee funktioniert. Der Keller war so voll, dass kein Durchkommen mehr war. Einer von der BHT bestellte deshalb vom Tisch aus sein Bier per SMS. „Da wusste ich: Das wird was mit dem Eschenbräu“, sagt Eschenbrenner bei der Feier.

Es hätte auch ein Swingerclub werden können

Dass Eschenbrenner diesen Keller überhaupt bekam, hat vor allem mit Winfried Schweizer zu tun. Er war lange Geschäftsführer der Bürgermeister-Reuter-Stiftung, der das Haus gehört. Heute ist er Rentner – und ist für diesen Abend ins Eschenbräu gekommen. Am Rande der Feier erzählt er mir, wie es vor 25 Jahren war. In den Räumen hatte zuvor ein Restaurant gesteckt, das nicht gut lief. Danach wollte dort jemand einen Swingerclub eröffnen. Das kam für die Stiftung nicht infrage.

Dann kam Martin Eschenbrenner. Der junge Brauer wohnte damals gleich nebenan und wollte in den Räumen seine eigene Brauerei eröffnen. Schweizer erinnert sich: „Er war sehr entschlossen, und ich dachte: Lass den jungen Mann mal machen.“ 25 Jahre später steht Schweizer im vollen Brauereikeller und bedankt sich bei dem jungen Mann von damals: „Sie haben hier etwas eröffnet, das vielen Menschen Freude macht.“

Ein Bier, über das man spricht

Martin Eschenbrenners ursprüngliche Idee klingt im Rückblick erstaunlich einfach: „Die Vision war, ein Bier zu brauen, über das man spricht.“ Offenbar hat das funktioniert. Von 2016 bis 2019 sei der Höhepunkt erreicht gewesen, erzählt er. Teilweise war es so voll, dass keine weiteren Gäste mehr hineinkamen. Dann kam Corona. „Das war der Spaßkiller“, sagt Eschenbrenner. „Aber jetzt haben wir das überstanden.“

Mann vor Braukessel
Martin Eschenbrenner in seiner Produktionsstätte im Sprengelkiez, der Brauerei Eschenbräu. Foto: Schnell

Wie schwierig diese Zeit war, lässt sich auch in unserem Archiv nachlesen. 2020 brach der Umsatz zeitweise um 75 Prozent ein. Ausgerechnet eine alte Eschenbräu-Eigenheit half damals: das Hausbier zum Mitnehmen. An diesem Geburtstagsabend ist Corona weit weg.

Eschenbrenner bedankt sich bei seinen Gästen für ihre „Freude am Bier“ und ihre Neugier. Sie hätten all die unterschiedlichen Sorten ausprobiert, die er ihnen über die Jahre vorgesetzt hat. Fast alle sind gern gekauft und getrunken worden. Bei den Rauchbiervarianten hörte die Neugier aber offenbar auf, so der Brauer. „Die mögt ihr einfach nicht“, sagt er schulterzuckend.

Ein Brot zum Geburtstag

Am Tisch neben mir sitzt am Geburtstagsabend zeitweise der Betreiber von „Hansis Brot“, der Handwerksbäckerei aus dem Sprengelkiez. Er hat ein Geburtstagsgeschenk mitgebracht: ein großes rundes Brot. Obenauf steht: „Eschenbräu 25 Jahre“. Ich habe ein Foto davon gemacht. Es duftete sehr lecker. „Nein, das esse ich alleine, denn das mag ich sehr“, sagt Martin Eschenbrenner, als ich ihn danach frage.

rundes Brot mit Aufschrift "Eschenbräu - 25 Jahre"
Backkunst aus dem Kiez: Zum Brauereigeburtstag bekam Martin Eschenbrenner auch ein Geschenk von „Hansis Brot“. Foto: Hensel

Solche Sachen mag ich am Eschenbräu. Den Flammkuchen mag ich übrigens auch. Und dass man sein eigenes Essen mitbringen darf. Ich mag den Keller und im Sommer den Hof. Ich mag die vielen unterschiedlichen Menschen, die hier an den Tischen landen. Und natürlich mag ich das Bier.

Zum 25. Geburtstag hat Eschenbrenner ein Festbier gebraut, ein, wie die Brauerei selbst schreibt, „süffiges Märzen“ mit 5,6 Prozent Alkohol. Ich habe es selbstverständlich probiert.

Von mir aus auch

Vor 16 Jahren habe ich schon einmal über das Eschenbräu geschrieben. Damals nahm ich mir eine Flasche Bier und eine Laugenbrezel mit nach Hause. Am Ende meines Textes fragte ich mich, ob ich nach diesem Selbstversuch mehr über den Wedding wisse. Heute würde ich sagen: Ja. Nicht unbedingt wegen des Bieres. Sondern wegen all der Menschen, denen ich hier begegnet bin. Wegen der Gespräche, die an diesen Tischen entstanden sind. Wegen der Geburtstage, der zufälligen Treffen, des Käses, des Norwegischen, der Kinder mit Apfelsaft und sogar wegen dieses wirklich fiesen Trennungsgesprächs.

Martin Eschenbrenner sagt am 25. Geburtstag seiner Brauerei: „Von mir aus kann es endlos weitergehen.“ Von mir aus auch. Und jetzt ein Panke Gold.

leere Biergläser mit Logo der Brauerei Eschenbräu
Ausgetrunken. Eschenbräu im Sommer 2016. Foto: Schnell

📍 Kiez: ,

Kommentare

  1. Avatar von vilmoskörte

    Ein toller Ort mit superguten Bieren!

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Wir sind jeden Mittwochabend da. Wir stoßen gern mal wieder mit Dir an!

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