Bei der Ernst-Reuter-Schule stehen 70 Jahre Schulgeschichte für den steten Aufbruch in die Zukunft. Richtungsweisende Reformen des Schulwesens verbinden sich mit der Oberschule im Brunnenviertel. Beim heutigen Blick in die Zukunft ist die Schulleitung zuversichtlich, dass es nun mit dem geplanten Neubau vorangeht.

„Unsere neue Schule mit Licht, Luft und Sonne“ hatte der damalige Bezirk Wedding Anfang der Fünfzigerjahre auf den Bauzaun in der Stralsunder Straße geschrieben. Interessant an dem Werbespruch ist übrigens das Wort „unsere“. Mit dem Spruch sollte ein Wir-Gefühl aufgedrückt werden: Die Arbeiterpartei SPD hatte sich daran gemacht, eine moderne Schule für die Arbeiterkinder im Wedding zu bauen. Am 12. Oktober 1953 war der erste Schultag für die „9. Oberschule Praktischer Zweig“, die nur wenige Wochen später in Ernst-Reuter-Schule umbenannt wurde. Der zweite Schulneubau in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht einfach als zweckmäßiger Kasten für möglichst viele Schüler gedacht, sondern als richtungsweisende Architektur, die zu einer neuen Art des Lernens passen sollte.
Kein massives, kompaktes Schulhaus
Licht, Luft und Sonne, diesen Dreiklang erreichten die Bauherren mit dem sogenannten Pavillon-Schultyp. Sicher, die einzelnen Gebäudebögen sind etwas größer als ein Häuschen, das im allgemeinen Sprachgebrauch als ein Pavillon gilt. Doch offensichtlich ist, dass das Weddinger Bezirksamt damals kein massives, kompaktes Schulhaus wollte. Es ging um Zwischenräume, um Lockerheit, um verschwenderischen Umgang mit Bauland. Der damals unter Anhängern des Neuen Bauens geäußerte Leitspruch lautete: „Das Schulhaus soll nicht mehr wie ein Schulhaus ausschauen.“
Das war eine Innovation. Bis dahin kannte Berlin vor allem Schulen vom Typ Kaserne. Zu besichtigen ist diese Bauform bei der nahe gelegenen Gustav-Falke-Grundschule aus dem Jahr 1896. Darin sind die Klassenräume wie in einer Kaserne platzsparend und zweckmäßig entlang eines zentralen Ganges aufgereiht. Das Schulhaus wurde wie ein Puzzlestein in die Mietskasernen-Landschaft eingepasst.


Alle Schüler können gefördert werden
Spannend ist auch, dass an der Ernst-Reuter-Schule von Anfang an die äußere Form und der Inhalt – also die Lehrkonzepte – zusammenpassten. Der erste Direktor Walter Scheunemann wandte sich von der hergebrachten Vorstellung unterschiedlich begabter Kinder ab. Im bildungsfernen Wedding glaubte er daran, dass die Schüler gefördert werden können. „Die Schule soll Begabung nicht allein statisch vorgeben, sondern durch Anreize, durch Handeln und Begreifen z. B. in Projekten gewissermaßen herausfordernd aufbauen.“ So formulierte es der erste Schulleiter Scheunemann (Amtszeit 1953 bis 1960) in Broschüren.
Auch in den Siebzigerjahren zeigte sich die Schule aufgeschlossen für Bildungsreformen. So machte sie sich zeitig auf den Weg zur Gesamtschule. Diese neue Schulform entwickelte sich aus einzelnen Experimenten zu einer breiten Alternative zum Abitur am Gymnasium. An die Ernst-Reuter-Schule kamen 1980 die ersten Siebtklässler, die die neu eingerichtete Ganztagsgesamtschule im neuen Gebäude an der Ecke Strelitzer und Bernauer Straße besuchen wollten.
Ein Blick in historische Berlin-Statistiken zeigt, dass es in jenem Jahr in Westberlin 72 Gymnasien mit 51.000 Schülern gab und 31 Gesamtschulen mit 30.000 Schülern. Ein Pionier dieser Schulform war die Ernst-Reuter-Schule demnach nicht. Aber sie hatte sich für zukunftstaugliche Innovation entschieden und gegen Stillstand.

Negative Schlagzeilen und eine Sanierung
Heute steht die Ernst-Reuter-Schule wieder an einem Punkt, an dem sie nach vorn blickt, die kommenden Jahrzehnte anvisiert. Wieder einmal. Jetzt geht es nicht darum, Avantgarde zu sein, sondern den Anschluss wieder herzustellen. Denn in den letzten 20 Jahren geriet die Schule mit Gewaltvorfällen negativ in die Schlagzeilen. Außerdem sorgte die Zwangsentsendung des Lehrerkollegiums einer aufgelösten Oberschule aus Alt-Mitte für interne Kommunikationsprobleme. Und ebenfalls hinderlich für einen Aufbruch in die Zukunft ist die Bausubstanz, die seit ein paar Jahren vom Senat als Schadensfall geführt wird. Eine Sanierung ist im Gespräch.
„Viel zu lange warten wir auf den Neubau, die Sanierung wurde versprochen und verschoben“, merkt Direktor Andreas Huth in seiner Rede bei einem Festakt zum 70. Schulgeburtstag an. Doch nun sei er zuversichtlich, dass die zuständigen Verwaltungen einen Interimsbau in der Putbusser Straße errichten. Interim – das klingt nach Zwischenlösung, Provisorium, nach Containern. Diese sollen auf dem Sportplatz des seit langem geschlossenen Diesterweg-Gymnasium-Standort stehen. In der Interimslösung soll der Unterricht stattfinden, während die Bauarbeiter am Stammhaus lärmen und stauben. Doch anders als Anfang der Fünfzigerjahre, wo zwischen Beschluss zum Schulbau und der Fertigstellung wenige Jahre lagen, wird es nach heutigen Erfahrungen dauern, bis die Sanierung der Ernst-Reuter-Schule abgeschlossen ist – und die Zukunft in ihr Einzug halten kann.
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Der Beitrag ist im gedruckten Kiezmagazin „Der Wut-Zaun“ enthalten, das Anfang Dezember 2023 erschienen ist. Weitere Texte und Themen dieser Ausgabe sind im Artikel „Neues Kiezmagazin: Der Wut-Zaun“ gesammelt und verlinkt.

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