Der ehemalige Journalist İskender Sezek musste die Türkei aus politischen Gründen verlassen. Acht Jahre später hat er Ende Mai mit seiner Familie den Anatolia Market in der Müllerstraße eröffnet – und beginnt im Wedding ein neues Kapitel.

Wer steckt hinter dem Anatolia Market?
Iskender Sezek: Mein Name ist İskender Sezek. Ich lebe seit etwa acht Jahren in Berlin. Von Beruf bin ich Journalist. Ich musste die Türkei aus politischen Gründen verlassen. Jetzt bin ich mit meiner Familie Inhaber eines Lebensmittelmarktes in der Müllerstraße.
Wir setzen bewusst auf faire und erschwingliche Preise. Damit möchte der Supermarkt insbesondere Familien und Menschen mit begrenztem Budget den Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln erleichtern. Anatolia versteht sich nicht nur als Einkaufsort, sondern auch als Treffpunkt für die vielfältige Nachbarschaft rund um den Leopoldplatz.
Wir sind zu viert: meine Frau und ich, ihr Bruder und dessen Frau. Unter uns sind ein Anwalt, eine Erzieherin, eine Elektrikerin. Die Leute kannten mich eigentlich als Journalisten. Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich: „Ich verkaufe Tomaten.“
Was bedeutet die Eröffnung des Ladens für Sie?
Iskender Sezek: Acht Jahre später heute hier zu stehen – das bedeutet uns sehr viel. Wir spüren, dass wir unser Selbstvertrauen zurückgewonnen haben. Den Menschen, die versucht haben, uns in den Boden zu stampfen, sagen wir damit: Wir sind immer noch da. Wir stehen wieder auf eigenen Füßen.
Wir haben in den letzten Jahren sehr schwere Dinge erlebt, die wir nicht verdient haben. In der Türkei wurden wir zu Unrecht beschuldigt. Es wurden Verfahren gegen uns eröffnet, unser gesamtes Vermögen wurde beschlagnahmt. Wir mussten unser Land unter sehr schwierigen Umständen verlassen. Hier in Deutschland haben wir dann die Phase des Flüchtlingslagers durchlaufen, die Ungewissheit über unseren rechtlichen Status – das ganze Programm.

Welche Schwierigkeiten haben Sie auf dem Weg zum eigenen Supermarkt erlebt?
Iskender Sezek: Eigentlich müsste man eher fragen: Welche Schwierigkeiten haben wir nicht erlebt? Die Sprache war ein Problem, die wirtschaftliche Lage war schwierig. Man kommt in eine völlig andere Welt. Zwischen dem, was man kennt, und dem, was einen hier erwartet, liegen kulturell und wirtschaftlich Welten. Dinge, die jemand, der hier aufgewachsen ist, ganz selbstverständlich löst, kosten einen selbst enorm viel Kraft. Wieder auf die Beine zu kommen war wirklich nicht leicht. Aber wir haben es geschafft – und darüber bin ich sehr glücklich.
Von wem haben Sie in dieser Zeit die größte Unterstützung erhalten?
Iskender Sezek: Zuallererst von meiner Familie. Außerdem hat uns Hakan Taş, ehemaliges Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, enorm unterstützt. Ich bin ihm sehr dankbar.
Sie haben ein Unternehmen gegründet und schaffen Arbeitsplätze. Wie waren Ihre Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie?
Iskender Sezek: Ehrlich gesagt hatten wir keine großen Probleme. Im Gegenteil – wir haben eine unterstützende Haltung erfahren.


Deutschland hat Ihnen politisches Asyl gewährt. Haben Sie in dieser Zeit auch staatliche Unterstützung erhalten?
Iskender Sezek: Wir sind nicht aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen. In der Türkei ging es uns finanziell gut. Natürlich haben wir hier staatliche Hilfe bekommen. Nach einem Jahr habe ich angefangen zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Allerdings konnte ich in dieser Zeit nicht so gut Deutsch lernen, wie ich es mir gewünscht hätte.
In der Türkei waren Sie in der Medienbranche tätig. Wie blicken Sie heute auf Ihr Leben?
Iskender Sezek: In der Türkei hatte ich ein Medienunternehmen und habe Steuern gezahlt. Heute zahle ich auch hier Steuern. Wir wollen diesem Land etwas zurückgeben. Unser Ziel ist nicht nur, unser eigenes Leben aufzubauen, sondern auch anderen Menschen Arbeit zu geben. Mit diesem Markt werden wir mindestens zehn Arbeitsplätze schaffen. Das macht uns sehr glücklich.
Wie empfinden Sie ihr Leben im Exil?
Iskender Sezek: Wir sind mit Traumata hierhergekommen. Stellen Sie sich eine Pflanze vor, die aus der Erde gerissen und in einen fremden Boden gesetzt wird. Manchmal wächst sie dort nicht an. Aber wir haben es geschafft, hier ein neues Leben aufzubauen. Darüber sind wir glücklich. Und doch ist es ein unvollständiges Glück. In der Türkei gibt es Tausende Menschen, die ihre Freiheit verloren haben. Ich hoffe, dass auch sie eines Tages ein neues Leben finden – ein Leben, in dem sie wieder mit Hoffnung leben können.
Der Anatolia Market
- Adresse: Müllerstr 156, 13353 Berlin-Wedding
- Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7-20 Uhr, Samstag: 7-21 Uhr
- Angebot: Deutsche Alltagsprodukte, Obst und Gemüse, Spezialitäten aus dem Nahen Osten sowie ein umfangreiches Sortiment an Lebensmitteln und Getränken. Zudem gibt es eine offene Halal-Fleischtheke

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