Um die Pflanzenvielfalt im Mauerpark besser kennenzulernen, nutzte Corinna Neinaß erstaunlich oft ihr Smartphone. Der Baum des Jahres ließ sie gedanklich sogar bis nach Amerika reisen. Eine Bestimmungsreise im Brunnenviertel.

Eigentlich war ich oft im Mauerpark. Meist fuhr ich über das ruckelige Pflaster der Schwedter Straße. Die Pflanzen waren eher Kulisse. Der lila Blütenteppich am Hang und die vielen Pappeln. An der Gleimstraße die Weiden mit dem Schilf oder im Frühjahr die blühenden Kirschbäume. All das kannte ich, liebte ich. Doch ein Großteil der Flora war mir noch unbekannt. Das sollte sich mit der Parkerweiterung ändern. Hinter den Zäunen bei der Lortzingstraße grünte schon eine riesige Rasenfläche und vor dem blauen Himmel zeichneten sich Kiefernnadeln ab. Kiefern mitten in der Stadt? Bei jedem Weg vorbei am Steinkreis schaute ich sehnsüchtig zu den Zapfen und bewegte meine Erinnerungen ans Mittelmeer.
Noch war Ende Mai, an Reisen war nicht zu denken. Also Eintauchen ins Mauerparkgrün, zuerst ins Birkenwäldchen. Die Bäume mit den hellen Stämmen werden von vielen Kulturen verehrt. Sie bedeuten Neuanfang – nach dem Winter und für den Boden, auf dem hier in Mauerzeiten kaum etwas wachsen durfte. Vor einem Vierteljahrhundert startete mit den Birken ein neues Kapitel. Der Boden hat Nährstoffe bekommen, ich sehe Brennnesseln und Kletten, rieche an den duftenden weißen Blüten des Holunders.
Salbei, Thymian und Lavendel – auch für den Balkon
Die Blütenfarben geben mir Orientierung: die weißen Köpfe der Wilden Möhre, rote Tupfer von Klatschmohn, Rosen oder Hagebutten, orangefarbene Sanddornfrüchte am Amphitheater. Gelb das Tüpfeljohanniskraut und, noch kräftiger, der Rainfarn. Rosa-violett erfreuen mich Malve und Distel, Natternkopf und Wegwarte in Blau. Der blau-violette Steppensalbei am Hang des Mauerparks lädt abends zum Genießen des Sonnenuntergangs ein – das Gefühl von Süden, das ich mir mit echtem Salbei, Thymian und Lavendel auch auf den Balkon hole. Wie schade, dass es den Pflanzenhof direkt im Park nicht mehr gibt. Dafür ist das Parkareal nun doppelt so groß und endlich kann ich es kennenlernen.






Zu meinem Lieblingsort wird der Rasen hinten bei den Mauergärtnern und den Wildblumenbeeten. Hier habe ich Ruhe, lese in meinem Naturführer und erfahre: Die Wegwarte soll ein verzaubertes Mädchen sein, das auf ihren Liebsten wartete. Zum Schutz gegen Dämonen banden sich die Germanen Beifuß um den Körper (ob das auch bei Allergie hilft?). Die Nachtkerze lässt sich von Nachtfaltern bestäuben und öffnet ihre duftenden Blüten erst, wenn es dunkel wird. Meine Favoritin aber ist die Schafgarbe; wegen ihrer filigranen Blätter nennt man sie auch Augenbraue der Venus.
Flora Incognita: Automatische Pflanzenbestimmung
Für meine Erkundungen kommt der Hinweis einer Freundin auf eine App wie gerufen. Pflanzenbestimmung automatisch und interaktiv. Bei „Flora Incognita“ trifft künstliche Intelligenz auf Natur. Ich kann bestehende Fotos nutzen oder vor Ort wahlweise die Pflanze oder einzelne Teile von ihr fotografieren – Blatt, Blüte, Früchte. Mühelos erkennt die App den Wacholder am Weg. Aber wie heißt das Gewächs dort am Boden, mit den violetten Blüten und roten Beeren? Die Erkennung geht auch diesmal schnell: Bittersüßer Nachtschatten. Giftig! Diese Pflanze kriecht oder klettert und kann drei Meter lang werden. In der hohen Buchenhecke entdecke ich noch weitere Giftpflanzen: Die roten Beeren gehören zur Rotfrüchtigen Zaunrübe und die hübschen weißen Blüten zur Gewöhnlichen Waldrebe. Dazwischen, unverkennbar, die rauhaarigen Blätter des Hopfens. Die Blüten, als Tee zubereitet, sollen beruhigen. Ich versuche, den kreisenden Bewegungen der Sprossenspitzen zu folgen. In der freien Natur klettert diese Schlingpflanze mehrere Meter hoch.
Den im Sommer ersehnten Schatten finde ich unter Bäumen. Über zwei Ausbuchtungen der Straße, wo gern Boule gespielt wird, blühen sie sogar noch. An den langen verzweigten Blütentrauben sehe ich Hummeln. Dank der App weiß ich schnell: Das ist der Japanische Schnurbaum, auch Honigbaum genannt. Ob das die Boulespieler wissen? Nur eine Frau lässt sich ablenken und tippt auf Robinie. Zwar gibt es Ähnlichkeiten zwischen beiden Bäumen, etwa die gefiederten Blätter. Aber die Robinien, die ich immer wieder im Park sehe, sind schon verblüht. Als Europäer die Robinie in Amerika entdeckten, vermuteten sie eine Akazienart. Die erste Scheinakazie, botanisch Robinia pseudoacacia, kam vor 350 Jahren nach Berlin. 2020 ist sie Baum des Jahres.
Die Kraft der Natur, die Kraft des Lebens
Bei einer Runde Ende Juli entdecke ich Mehlbeeren mit leichter Rotfärbung, kleine Früchte an den Obstbäumen und in einigen Baumkronen Misteln. Wie die Platanenallee wohl in dreißig Jahren aussehen mag? Über zweihundert Bäume wurden neu gepflanzt, so auch viele Schnurbäume, Eschen und Eichen. Aber was nur drängelt sich da neben Ulme und Ahorn? Ein Götterbaum? Ein Ailanthus altissima? Der Höchste? Tatsächlich, hinter dem Flohmarkt, neben alten Schienen des früheren Bahnhofs stehen recht hohe Exemplare. Ich erkenne sie an den großen Fiederblättern und der graubraunen Borke.
Im 18. Jahrhundert kam der Baum nach Europa. Er ist äußerst widerstandsfähig und scheint Berlins Innenstadt zu lieben. Nachdenklich hebe ich einen Kiefernzapfen auf und setze mich an die große Steintafel. Ich sinne nach über die Natur, ihre Kräfte und über das Leben, das sie hervorbringt. Wann soll der Mensch eingreifen, wann nicht? Für den Augenblick jedoch vertraue ich auf die Expertise der Landschaftsgärtner und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt.
Die App „Flora Incognita“ wurde von der Technischen Universität Ilmenau zur automatischen Pflanzenbestimmung erstellt. Sie ist kostenlos.







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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Park frei!“ enthalten, das im zweiten Quartal 2020 erschienen und wegen der Corona-Pandemie gleichzeitig das Heft für das dritte Quartal 2020 ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Park frei! Neues Kiezmagazin feiert den Mauerpark gesammelt und verlinkt.

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