Schutzraum im Untergrund: Der Atombunker Pankstraße

Bunker, Feldbetten, Notvorräte: Der Zivil- und Bevölkerungsschutz rückt angesichts der veränderten Weltlage wieder stärker ins Bewusstsein. Am Mittwoch will die Bundesregierung ein Milliardenprogramm beschließen. Auch im Ortsteil Gesundbrunnen gibt es mehrere Zivilschutzanlagen. Doch wären sie im Ernstfall überhaupt einsatzfähig? Dieser Frage können Interessierte bei einer Führung des Berliner Unterwelten e. V. in der Zivilschutzanlage im U-Bahnhof Pankstraße nachgehen. Der „Atombunker Pankstraße“ ist seit dem 1. Mai neu im Führungsprogramm des Vereins.

Der Treffpunkt für die Tour ist an der St.-Paul-Kirche an der Badstraße. Foto: Hensel
Der Treffpunkt für die Tour ist an der St.-Paul-Kirche an der Badstraße. Foto: Hensel

Der Bunker beginnt schon an der Treppe

Wer die Treppe in den U-Bahnhof Pankstraße hinuntergeht, steht nach wenigen Schritten schon im Bunker. Das ist die erste überraschende Erkenntnis für Teilnehmende der Atombunker-Tour. Der Bahnhof ist Teil einer mehrstöckigen Anlage. Im Ernstfall sollte eine dicke Stahlwand hinter den Stufen den Bunker abschließen und so einen sicheren Raum schaffen.

Die Mehrzweckanlage im heutigen Ortsteil Gesundbrunnen wurde 1977 errichtet – sie ist die viertgrößte Zivilschutzanlage Berlins. 3.339 Menschen sollten hier zwei Wochen lang nach einem Atomschlag Schutz finden. Bei der Führung waren es nur elf Personen und zwei Tourenführerinnen, die die Zivilschutzanlage aus dem Kalten Krieg besichtigten.

Schlafen auf vier Etagen: Komfortabel wäre eine Übernachtung im Atombunker sicherlich nicht gewesen. Foto: Hensel
Schlafen auf vier Etagen: Komfortabel wäre eine Übernachtung im Atombunker sicherlich nicht gewesen. Foto: Hensel

Eine unterirdische Kleinstadt

Heute kann der Atomschutzbunker durch eine grüne Tür im Eingangsbereich des Bahnhofs betreten werden. Hinter einer Schleuse eröffnet sich eine kleine Stadt – mit unterirdischem Wasserwerk, Diesel-Notstromaggregat, Schlafräumen mit unzähligen vierstöckigen Betten, Küche, Sanitätsraum, Entfeuchtungsanlage und vielem mehr.

Die Tourenführerin berichtete von Notfallreserven und Essensverteilungsplänen, von 7000 Abführtabletten und genauso vielen Beruhigungspillen im Medizinschrank, zeigte einen Bettpfannenreiniger und die schwer entflammbaren Vorhänge an den insgesamt 70 Toiletten. Sie erzählte vom Bunkerwart, vom Gewahrsamsraum und von psychologischen Effekten, die später bei Belegungsversuchen erprobt wurden.

Bei einer Führung im Atombunker im U-Bahnhof Pankstraße. Foto: Hensel
Bei einer Führung im Atombunker im U-Bahnhof Pankstraße. Foto: Hensel

Platz für Tausende – geplant, aber nie genutzt

Raum für Raum durchschreitet die Gruppe den Bunker, immer begleitet von den riesigen Metallschächten der Lüftungsanlage über ihren Köpfen, umfangen vom grellen Neonlicht. Mehr als 3000 Menschen an diesem Ort – das ist heute schwer vorzustellen. Auch der Bahnsteig selbst ist Teil der Tour. Hier, so erfuhren die Teilnehmenden, sollten zwei U-Bahnzüge stehen und Sitzmöglichkeiten bieten. Auf dem Bahnsteig selbst sollten 900 mehrstöckige Betten aufgebaut werden. Ein Plan, der niemals umgesetzt wurde, weil es zu dem angenommenen Ernstfall eines Atomschlags auf Berlin nicht kam.

Die Fragen, die die Menschen bei der Führung stellten, ließen ihre Gedanken erahnen. Sie könnten so zusammengefasst werden: Wenn in Zukunft wirklich etwas Schlimmes passieren sollte, wäre das hier ein sicherer Ort für mich? Die Antwort der Tourführerin war eher ernüchternd: „Die Bunker sind einfach nicht mehr einsatzfähig“. Seit 2009 ist die Anlage auch nicht mehr Teil des Zivilschutzprogramms.

Blick in einen Raum im Bunker. Er ist ein Sanitätsraum. Foto: Hensel
Blick in einen Raum im Bunker. Er ist ein Sanitätsraum. Foto: Hensel

Museum statt Schutzraum

Dass der Zivil- und Katastrophenschutz nicht gut aufgestellt ist, weiß auch die Bundesregierung. Nach ihren Informationen gibt es in ganz Deutschland derzeit noch 579 öffentliche Schutzräume für etwa 480.000 Menschen. Viele Bunker und Sirenen waren nach dem Kalten Krieg stillgelegt worden – auch der Atombunker im Bahnhof Pankstraße. Und selbst wenn: „Direkten Treffern würde der Bunker nicht standhalten. Hier ging es wirklich nur um Strahlenschutz“.

Für den Berliner Unterwelten e. V. ist die Anlage trotzdem interessant, um diese Geschichte sichtbar zu machen. 2010 hat der Verein den Atombunker unter Denkmalschutz stellen lassen.

Am Ende der Tour bleibt die Erkenntnis: Das ist kein Schutzraum für heutige Notfälle, sondern ein Besuch in einem Museum. Mit Ratschlägen für einen persönlichen Notvorrat zu Hause endete die Tour im Bahnhof Pankstraße, dem man seine frühere Bestimmung als Atomschutzbunker ohne Erklärungen nicht ansieht.

Blick in die Küche im Bunker. Mehr als 3300 Menschen sollten in der unterirdischen Anlage im Ernstfall versorgt werden. Foto: Hensel
Blick in die Küche im Bunker. Mehr als 3300 Menschen sollten in der unterirdischen Anlage im Ernstfall versorgt werden. Foto: Hensel

Tickets für die Atombunker-Tour

Tickets für die Tour „Atombunker Pankstraße“ können im Online-Shop auf www.berliner-unterwelten.de gekauft werden.

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Kommentare

  1. Avatar von Rolf

    Gruselig, bleibt die Frage, ob der Bunker durch das neue Bundesprogramm reaktiviert werden wird.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Das ist eine Frage, die nicht nur die Unterwelten gerade umtreibt. Die Wahrscheinlichkeit ist beim Bunker unter dem Blochplatz jedoch deutlich höher. Der ist nämlich formell noch Teil des Zivilschutzes. Bei der Pankstraße wurde durch die Endlosumbauten zudem jetzt zusätzlich wichtige Funktionalität zerstört. Wir werden sehen…

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