Die Ostberliner lieben ihren hohen Fernsehturm, die Westberliner ihren langen Kudamm. Der Insulaner Dietmar Arnold, aufgewachsen in Hermsdorf, liebt die Bauwerke unter Bürgersteig und Gehwegpflaster. Für seine Rettung von Bunkern, Kellern, Tunneln hat er nun das Bundesverdienstkreuz bekommen. Man könnte sagen: Er hat Berlin Tiefe gegeben.

Erlaubnis durch Berliner Unterwelten e.V.
Die Lust am Abenteuer, am Verborgenen war für den Abiturienten Dietmar Arnold Ende der 1970er Jahre zu groß. Ohne Behörden und Eltern in Kenntnis zu setzen, stieg er als Jugendlicher mit Freunden in den Bunker des Humboldthains. Und dort vor allem hinab in die Tiefe, ins Dunkle. Immer wieder. Das war heimliches Tun, waghalsiges, ungeregeltes. Jetzt, als Erwachsener, hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Weil er seine Leidenschaft für die versteckte Welt in geregelte Bahnen gelenkt hat, für professionelle Sicherung sorgt und die Welt unter Tage für Touristen, Berliner und Geschichtsinteressierte erschließt und begehbar macht. 1997 wurde der Verein von Unterwelten e.V. von Dietmar Arnold und weiteren Enthusiasten gegründet, um in Berlin geordnet in die Tiefe gehen zu können.
Am Freitag, 13. Juni, hat der Regierende Bürgermeister Kai Wegner dem Unterweltler Dietmar Arnold die hohe Auszeichnung ans Jackett geheftet. Auch wenn an diesem Tag nur eine Person geehrt werden soll, will Dietmar Arnold doch Reiner Janick und Jürgen Wedemeyer mit nach vorn holen. „Ohne die beiden gebe es Verein Unterwelten nicht mehr, wir haben viele Höhen und Tiefen durchlebt“, sagt Dietmar Arnold.

Wunsch: Erster Gondolieri unter der Erde werden
Dietmar Arnold ist bei der Verleihung des Ordens sichtlich stolz. „Wollen Sie noch etwas sagen?“, fragt Kai Wegner gut gelaunt. Dietmar Arnold stutzt kurz und hält dann spontan und in hohem Sprechtempo eine ausführliche Rede über seine Kellerstationen und seine Wünsche an die Politik. „Ich möchte Berlins erster Gondolieri werden“, sagt er unter anderem. Denn es gebe unter dem geplanten Denkmal zur Deutschen Einheit (Einheitswippe) großflächige Gewölbe, die mit geführten Touren in einem Spreewaldkahn gut zu präsentieren seien. Dann schwenkt er über zum Adlonbunker unter dem Pariser Platz, wo die Unterwelten vor kurzem eine Million Liter Wasser abgepumpt haben. Auch ein Ort, der nach Herrichtung für Führungen gut geeignet sei, weil man dort „80 Jahre in Tiefe gehen könne“.
Humboldthain, Paris, Wendezerstörung
Motivation für seine Leidenschaft für die Welt unter Tage entstand in seiner Jugend im Humboldthain. Als Student in Paris habe er die berühmten Katakomben erkundet und vermessen. Als 1989 die Mauer fiel, hatte er das Gefühl, auch Berlin habe eine vergleichbare Fülle an verborgener Welt. Im Ostteil der Stadt. Aber rasend schnell sei die Zerstörung dieser Bauwerke unter der Oberfläche vorangegangen. Zum Beispiel habe man nicht die Kessel der Schultheiss-Brauerei retten können. „Auch der Denkmalschutz hat damals den Wert nicht gesehen. Heute dagegen stehen fast alle Orte, die die Unterwelten sichern und betreuen, unter Denkmalschutz“, sagt Dietmar Arnold.
Nicht die erste Auszeichnung
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner lobt, dass Dietmar Arnold „unterirdische Räume, die dramatische Ereignisse aus der Geschichte unserer Stadt widerspiegeln, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vor der Zerstörung gerettet hat“. Er erinnert daran, dass Dietmar Arnold sich für den Denkmalschutz und in der Forschung verdient gemacht hat.
Für seine Leistungen erhielt Dietmar Arnold 2006 gemeinsam mit seinem Bruder Ingmar Arnold stellvertretend für den Berliner Unterwelten e.V. den Denkmalschutzpreis Silberne Halbkugel. 2018 wurde ihm der Verdienstordens des Landes Berlin verliehen.
Der Berliner Unterwelten e.V.
Der Verein Berliner Unterwelten hat seinen Geschäftssitz im Gesundbrunnen in der Brunnenstraße 105, einem Pavillon am U-Bahneingang. Dort sieht man auch oft Führungen zum Bunker im U-Bahnhof Pankstraße oder zum Hochbunker Humboldthain starten. Der Gesundbrunnen verdankt dem Verein den weißen Stier vom Humboldthain, den die Unterwelten 2022 gefunden und ausgegraben haben. Ebenfalls im Humboldthain hat der Verein ein archäologisches Fenster eingerichtet, durch das die Fundamente der einstigen Himmelfahrtkirche zu sehen sind.


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