Wenigstens die Weddinger sollten Paul Gurk kennen. Der Dichter, der in der Afrikanischen Straße wohnte, gewann in den 1920er Jahre den Kleist-Preis. Er zählt damit zu den bedeutendsten unter den lebenden und toten Dichtern, die sich im Wedding eine Wohnung suchten. Das Mitte Museum schenkt dem vergessenen Meister des geschriebenen Wortes eine Sonderausstellung. Völlig zurecht, wie eine Lesung am Donnerstag (17.7.) zur Eröffnung der Ausstellung zeigte.

Innere Emigration oder Opportunismus?
Wer war Paul Gurk? Für Kurator Jonas Hartmann und Mitkurator Edouard Compere der Ausstellung „Flucht ins Innere. Der Künstler Paul Gurk in der NS-Diktatur“ war er vor allem ein zweideutiger Charakter. „Jede Zeit, die den vergessenen Autor Paul Gurk wiederentdeckt, sieht in ihm etwas anderes“, sagt Jonas Hartmann. So habe beim Versuch der Wiederbekanntmachung des Dichters in den 1980er Jahren Paul Gurks Kritik an der Umweltzerstörung Interesse gefunden.
Heute – und das ist bitter – geht der Blick der Kuratoren auf Paul Gurks Verhältnis zum NS-Regime. Das ist deshalb bitter, weil dieses Interesse ein erschreckendes Schlaglicht auf unsere Gegenwart wirft. Offenbar werden in unserer derzeit gefährdeten Demokratie die Menschen von der Frage umgetrieben, wie in einer unfreien Gesellschaft zu leben sei. Ein Leben in der Diktatur, im Autoritarismus, in einer undemokratischen Gesellschaft – das ist heute nicht mehr fern und unvorstellbar, sondern liegt als eine mögliche Entwicklung vor uns.

Die Ausstellung „Flucht ins Innere“ im Mitte Museum wirft die Frage auf, ob Paul Gurk zurecht von sich behaupten darf, in die Innere Emigration gegangen zu sein. Der Begriff Innere Emigration ist schillernd; er kann als Schutzbehauptung genutzt werden und er kann tatsächliche Abschottung meinen. „Die Diskrepanz zwischen dem Autor, der sich mit dem NS-Regime arrangierte, und der Botschaft seiner Werke, die den Wert der Freiheit betonen, bleibt ungelöst“, heißt es auf einer der Tafeln zur Ausstellung. Ebenso ungelöst bleibt die Frage, warum er sich distanzierend über seinen Förderer Julius Bab äußerte: „Gefährlich ist es auch, dass mir ein Jude ‚Bab‘ (allerdings ein Deutscher) den Kleistpreis gegeben hat. Damals kannte ich Bab nicht.“ Ist das die sachliche Feststellung einer Gefährdung? Ist das ängstlicher Opportunismus? Ist das Distanzierung?
Maler, Komponist, Dramatiker, Romanautor
Wer war Paul Gurk? Das Mitte Museum sagt: Auch ein Maler. Zahlreiche seiner Bilder befinden sich im Archiv des Museums und werden nun in der Sonderausstellung bis 2. November gezeigt. So sind im Erdgeschoss des Mitte Museums einige Aquarelle zu sehen. Sie zeigen, was noch im 19. Jahrhundert Berliner Weichbild genannt worden wäre. Die Bilder erzeugen eine Stimmung, in der man glaubt, vor den Toren Berlins zu stehen; die Stadt im Rücken, das unverdorbene Land vor sich. Man muss genauer hinschauen, um zu sehen, dass die Gemälde aus dem 20. Jahrhundert stammen. Täglich hat Paul Gurk gemalt und seine Werke mit Datum und Wetterangaben versehen.

Kurator Jonas Hartmann deutet an, dass die Sonderausstellung möglicherweise auch etwas länger hängen könnte. Dann könnten eine weitere Lesung oder andere begleitende Veranstaltungen stattfinden und die Bilder weitere Betrachter finden.
Wer war Paul Gurk? Auch ein Komponist. Zumindest als junger Mensch. Doch gab er später die Musik „aus Mangel an Zeit und Gelegenheit“ wieder auf, wie er selbst notierte. Vermutlich wäre es lohnenswert, sich Paul Gurk auch instrumentiert anzuhören. Das wäre eine interessante Kooperation zwischen Mitte Museum und Musikschule.
Wer war Paul Gurk? Ein Romandichter. Das demonstrierte Christoph Haacker, Verleger und Leiter der Arco Verlages in Wuppertal. Der Herausgeber las zur Ausstellungseröffnung am 17. Juli wie ein gelernter Schauspieler aus veröffentlichten und unveröffentlichten Büchern Paul Gurks. Und er tat es auf eine Weise, dass die Worte im Saal nicht nur zu vernehmen waren, sondern die Zuhörer auch erreichten. (Falls der Arco Verlag Hörbücher herausbringen möchte, dann kann der Chef vormachen, wie Einsprechen geht.) Zum Beispiel beobachtet der vorgetragene Textausschnitt „Die Ewigkeit bis Reinickendorf“ wie eine literarische Reportage das Leben auf der Müllerstraße in der Zeit des Wirtschaftswunders. Wobei das Wunder nicht alle erreicht.
Die von Christoph Haacker wie auf großer Bühne vorgelesenen Texte zeigen einen Dichter, dessen Geschick die Worte sind. Kein Satz, in dem sie nicht ungewohnt nebeneinander gestellt sind. Zu den Überraschungen des Erzählten gesellt sich überraschendes Erzählen. Hört man zu, fragt man sich, wie es passieren konnte, dass Paul Gurk vergessen wurde.

Wer war Paul Gurk? Sein Förderer Julius Bab sagt: ein Dramatiker. „Die eigentliche Kraft dieses merkwürdigen Menschen scheint mir konzentriert in seinen Dramen“, schrieb Julius Bab 1921 in der Zeitschrift Weltbühne. Interessant ist in dem Artikel gleich der erste Satz: „Paul Gurk — der soeben auf meine alleinige Verantwortung hin mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden ist“. Tatsächlich war der Kleist-Preis seit seiner ersten Verleihung 1912 keine Juryauszeichnung.
Als kurzer Einschub: Das geradezu Verrückte an der Auswahl des Kleist-Preises war und ist, dass die Ehrung von einer einzelnen Vertrauensperson vergeben wird. Statt Konsens und damit Kompromiss soll der Preis ungewöhnliche Begabungen unterstützen. In der Kaiserzeit wurden Talente wie Oskar Loerke, Arnold Zweig oder Walter Hasenclever gefördert. In der Weimarer Republik beispielsweise Bertolt Brecht, Robert Musil, Carl Zuckmayer, Anna Seghers und Else Lasker-Schüler.
Paul Gurk im Wedding
Paul Gurk war wie viele Weddinger ein gelernter Weddinger. Das heißt, geboren war er woanders. Am 26. April 1880 kam er in Frankfurt an der Oder zur Welt. Er starb am 12. August 1953 im jüdischen Krankenhaus im Wedding. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Domkirche in Müllerstraße 72/73 im Englischen Viertel. Leider hat Berlin vergessen, für ihn das Ehrengrab zu verlängern; seit 2009 hat Paul Gurk aus Sicht der Stadt nicht mehr einen herausragenden Beitrag für Berlin geleistet.

Gewohnt hat Paul Gurk in der Afrikanischen Straße. 40 Dramen und 50 Romane hat er geschrieben, doch die wenigsten Texte fanden den Weg auf die Bühne oder ins gedruckte Buch. Sein literarisches Erbe lagert im Literaturarchiv Marbach und in der Akademie der Künste. Im Mitte Museum sind Dokumente und weitere Teile des Nachlasses wie seine Aquarelle archiviert.
Dem Wedding hat er seinen Roman „Ein ganz gewöhnlicher Mensch“ geschenkt. Es ist antiquarisch über die etablierten Onlinehändler leicht zu bekommen. Neu aufgelegt – dank des Arco Verlages – ist der Roman „Berlin“. Das ist ein moderner Großstadtroman, der literarisch in einer Liga mit Alfreds Döblin „Alexanderplatz“ spielt.
Einen Anlauf, Paul Gurk dem Vergessen zu entreißen, hatte das Kunstamt Wedding 1970 mit einer Ausstellung unternommen. In der Afrikanischen Straße 144b erinnert eine Gedenktafel an den Künstler.
Die Sonderausstellung „Flucht ins Innere. Der Künstler Paul Gurk in der NS-Diktatur“ ist noch bis zum 2. November 2025 im Mitte Museum, Pankstraße 47, zu sehen. Das Museum hat Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Weiterlesen
In der Weltbühne steht ein Artikel von Julius Bab über Paul Gurk. Hier geht es zu den Neuherausgaben von Paul Gurks Werke vom Arco Verlag. Eine Besprechung zu Paul Gurks Romanen von Gernot Krämern steht der Zeitschrift „Sinn und Form“. Weitere Informationen zur Sonderausstellung Flucht ins Innere gibt es auf beim Mitte Museum.

Kommentar verfassen