Paul Gurk hat den Wedding nicht nur bewohnt, sondern literarisch vermessen. In seinen Romanen „Laubenkolonie Schwanensee“ und „… ein ganz gewöhnlicher Mensch“ wird der Weddinger Norden zur Bühne für Einsamkeit, Nachkriegsalltag und eigensinnige Gedanken. Leichte Kost ist das nicht – aber ein erstaunlich genauer Blick auf den Kiez.
Selbstgespräche auf 210 Seiten
Würde Paul Gurk heute die 210 Seiten seines Buches „… ein ganz gewöhnlicher Mensch“ einem Verlag zum Druck anbieten, würde es sehr wahrscheinlich abgelehnt werden. Viel zu viel Monolog! Die Handlung dagegen ist viel zu knapp. Es passiert eben nur wenig: Ein Nachtwächter schlägt sich durchs Leben und wird dabei eher vom Leben geschlagen, als es zu meistern.
Mit Nachbarn und Kollegen kommt Hauptfigur Gerhard Uhlenhorst nicht wirklich in Kontakt; es bleibt stets eine seltsame Distanz bestehen. Statt um Menschen kreist sein Denken um einen Automaten, der böse funkelt oder fordernd grummelt, wenn Gerhard Uhlenhorst ihn nicht mit Worten füttert. Aus diesen setzt das ratternde Getüm literarische Texte.

Der Blick eines Nichtteilnehmers
Die Hauptfigur ist eine einsame Figur. Bereits der Nachname Uhlenhorst spricht von einer einsamen Eule in ihrem Nest. Der Beruf Nachtwächter erzählt von einem ausgeschlossenen Menschen. Der Blick aus dem Fenster auf das Geschehen auf der Straße ist der Blick eines Nichtteilnehmers, der durch die Glasscheibe von der Welt getrennt ist. Was bleibt Gerhard Uhlenhorst außer dem Selbstgespräch? Dieses wiederum kann Paul Gurk lesenswert inszenieren.
Paradoxien und Sentenzen
Man muss allerdings zuhören wollen und können. Kann das der heutige Leser noch? Erträgt er in einer Welt überschäumender Meinungen noch die Lektüre von Weltauffassungen? Mal nutzt Paul Gurk Paradoxien wie: „Ich habe auch recht, aber ich habe nie recht bekommen. Das ist der Unterschied zwischen erfolgreich und erfolglos. Es ist anzunehmen, dass die Erfolglosen mehr recht haben. Darum bekommen sie es nicht. Wo bliebe sonst der Ausgleich?“
An anderer Stelle schreibt der Autor mit leichter Hand überraschende Schlussfolgerungen hin: „Genau betrachtet gibt es überhaupt keinen Frieden, sondern nur erklärte und unerklärte Kriege. Man nennt sie jetzt heiß oder kalt. Die Kriegserklärung ist aus der Mode gekommen… Vielleicht schreitet die Menschheit einmal noch soweit fort, daß sie den Frieden erklärt, dieses Unerklärliche“. Und dann wieder streut er knappe Sentenzen ein wie „Der Halbtraum ist die Genialität des gewöhnlichen Menschen“.
Wedding nach dem Krieg
Interessant sind stets jene Stellen des Romans, wenn Gerhard Uhlenhorst das Weddinger Nachkriegsgeschehen vor seinem Fenster beschreibt. Wenn er beobachtet, wie Schwarzmarktschieber gehen, sich umgucken, huschen. Wenn er sich über die Namen der Kleingartenanlagen im Weddinger Norden an der Müllerstraße lustig macht. Namen von Anlagen, die längst abgerissen sind, und tatsächlich beinahe so hießen wie im Roman behauptet. Wenn er lakonisch Kriegsschäden in den Straßen benennt.
Vermutlich muss nicht extra erwähnt werden, dass Paul Gurk in dem zum Schreiben gezwungenen Einsiedler Gerhard Uhlenhorst ein Stück weit sich selbst zeichnet. Die Wohnung von Gerhard Uhlenhorst könnte Paul Gurks in der Afrikanischen Straße sein. Der Roman „… ein ganz gewöhnlicher Mensch“ umfasst 210 Seiten und erschien erst 1957 – nach Gurks Tod.

Noch einmal Selbstgespräche auf 210 Seiten
„Laubenkolonie Schwanensee“ ist wie „… ein ganz gewöhnlicher Mensch“ ein Selbstgespräch – dieses Mal getarnt als Dialog. Doch die Grundidee des Romans ist ähnlich. Ein einsamer alter Mann hat sich zurückgezogen. Statt des Rückzugs in die Nacht und in einen Raum mit einer Trichtersprechschreibmaschine gibt es hier die Abschottung in einer Laube in einer Kleingartenkolonie.
Die Anlage Schwanensee ist unverkennbar eine Kleingartenkolonie am oberen Ende der Müllerstraße. Es könnte die „Kleingartenkolonie Weiße Mauer“ sein, die aus Sicht von Historikern bemerkenswert ist. Während in dem in den 1930er Jahren geschriebenen Roman davon gesprochen wird, dass die Anlage für eine neue Straße abgerissen werden soll, wurde sie tatsächlich in den 1950er Jahren für die Wohnanlage Cambridger Straße aufgegeben. Gurk hatte „Laubenkolonie Schwanensee“ bereits 1936 geschrieben; gedruckt wurde der Roman allerdings erst 1949.
Herr Graumann in der Laube
Die einsame Hauptfigur heißt hier Herr Graumann. Und die denkt Sätze wie „Man kann sogar als Toter leben! Ich beweise es“. Seinen Beruf als Lehrer hat Herr Graumann aufgegeben und sieht jetzt von der Warte eines Oberstudienrats aus auf die Welt – während er in seiner Laube sitzt. Das kann ironisch gemeint sein. Das kann auch einfach Einsamkeit beschreiben. In beiden Fällen wird von denen, die das lesen, viel abverlangt. Denn Paul Gurk umgarnt die potenzielle Leserschaft nicht mit Konzentration auf Handlung, Tempo und unerhörte Begebenheiten. Auch in „Laubenkolonie Schwanensee“ überwiegt der Monolog und der Stillstand. Beobachtung und Betrachtung machen das Buch zur Aufgabe.
Paul Gurk – schon zu Lebzeiten vergessen
Im Beitrag „Paul Gurk, ein vergessenes Weddinger Multitalent“ wurde bereits ein Blick auf das Leben des Dichters, Malers und Musikers geworfen. Anlass war eine Ausstellung im Mitte Museum, die sich Gurk widmete. An dieser Stelle sei kurz wiederholt, dass der Dichter viele Jahre in der Afrikanischen Straße 144b wohnte, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Er wurde auf dem Domfriedhof II am nördlichen Ende der Müllerstraße beigesetzt. Bis 2009 ehrte Berlin den Dichter Paul Gurk dort mit einer Ehrengrabstätte.
Kleist-Preis und große Romane
Dass Paul Gurk ohne Zweifel ein großes Talent zum Schreiben besaß, erkannten seine Zeitgenossen. 1921 erhielt der Dichter den Kleist-Preis. Der Preis war bereits damals einer der zehn bedeutendsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Zu den großen Büchern Paul Gurks zählt der Großstadtroman „Berlin“ und der dystopische Science-Fiction-Roman „Tuzub 37“.
Doch ein großes Publikum fand Paul Gurk nie. Nicht in der Weimarer Republik, nicht während der NS-Zeit und auch nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch spätere Versuche der Wiederentdeckung stießen auf keinen großen Widerhall. Paul Gurk war vergessen und blieb vergessen. Man könnte auch sagen: Er war einsam und blieb es trotz seiner Bücher.
Lesen als Kontaktaufnahme?
Offenbar spricht aus Paul Gurks Werken zu stark das eigene Eigenbrötler-Dasein. Und wenn es damals den Menschen schon schwerfiel, sich auf seltsame Gedanken eines Einsamen einzulassen, wie soll es heute gelingen, wo das Angebot an eingängigen Medien von Streaming bis Smartphone überwältigend ist? Lesen als Kontaktaufnahme? Keine Chance.

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