Es war einmal… So beginnen viele Märchen. Was hat es diesbezüglich mit dem überwachsenen Plateau in der Stralsunder Straße, kurz vor der Einmündung der Wolgaster Straße gelegen, auf sich? Michael Becker erklärt es.

Einen besonderen Blickfang stellen zunächst fünf Kugellampen dar. Sie umranden das 20 mal 20 Meter kleine Geviert mit Anpflanzungen und Wildwuchs. Auf geraden, dünnen Masten steckend, ragen sie wie vereiste Pusteblumen aus dem hochgewachsenen Grün. Weiterhin ist eine niedrige Umfassungsmauer erkennbar. Die gepflasterte Rampe wirkt gut erhalten. Sie wird manchmal von Besuchern genutzt, um oben auf einem kleinen Holzbalken zum Handylesen zu verweilen. Auf der Mitte der Fläche erinnern Sträucher und Blumen an eine Bepflanzungsaktion vor fünf Jahren. Über blauen Kornblumen kreisen vereinzelt Bienen.
Das geheimnisvolle Erscheinungsbild erweckt den Eindruck eines verwunschenen Ortes. Bestärkt wird er von einem umliegenden Platz und einer Grundschule, beide namens: Vineta. Die der Sage nach vor 1000 Jahren existierende Stadt soll durch den Hochmut ihrer Bewohner in der Ostsee untergegangen sein. Ihr bedeutungsschwerer Name scheint vor einem Versinken des Plateaus zu warnen, diesmal durch sein Vergessen? Aufmerksame Leser des Kiezmagazins brunnen erinnern sich vielleicht an einen Beitrag im zweiten Heft des Jahres 2021. Dort wurde in dem Artikel „Fassaden, Plastiken und das versunkene Vineta“ an die ursprüngliche Bestimmung des Areals in der Stralsunder Straße erinnert.

Es stand einmal… von Anfang der 1960er bis Anfang der 2010er Jahre ein Pavillon an diesem Platz. Während der ersten Hälfte seines Bestehens diente er als Infobox. Hier wurde in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer die Sanierung des Brunnenviertels der 1960er bis Ende 1980er Jahre kommuniziert. Während der Teilung der Stadt von 1961 bis 1989 war das Brunnenviertel auf drei Seiten von der Stadt abgeschnitten und mit der Sanierung wurde ein Zeichen seiner Zukunftsfähigkeit gesetzt. Nach der deutschen Einheit hatte der Bezirksverband Wedding der Kleingärtner e. V. an dem Standort sein Domizil. Später wurde das Gebäude abgerissen. Um für die heutigen Probleme eine angemessene Darstellung zu schaffen, sollte man vielleicht an diesen Traditionsort anknüpfen? Er ist von vier Seiten gut zu erreichen. Angrenzend liegen soziale Einrichtungen wie die Kita Omas Garten und ein Seniorentreff in der Stralsunder Straße 6.
Frei nach dem alten Märchenschluss: …und wenn sie (Probleme) nicht gestorben sind: Die Funktion des ehemaligen Pavillons, auf Info und Gespräch reduziert, könnte heute durch digitale Aktivität mehr Weite und Tiefe entfalten. Durch Gestaltung im Grünbereich gäbe es Austauschmöglichkeiten. Ideal wäre eine Stätte vorurteilsfreier Begegnung: Hier könnten Erfahrungen mit dem gestrigen Brunnenviertel für den heutigen Standort zusammengetragen werden. Neben aktuellen Angeboten würde Vergangenes so präsentiert werden, dass Anregungen für Gegenwärtiges entstehen.



Einen Versuch der Neubelebung der Fläche gab es bereits 2017 mit dem Anlegen eines Gemeinschaftsgartens. Landschaftsarchitekt:innen der gruppe F hatten einen Nutzungsplan entworfen. In Zusammenarbeit mit Nachbarschaftseinrichtungen wurde auf eine Umsetzung hingearbeitet. Leider versagte das Bezirksamt am Ende die Erlaubnis, auf der Grünfläche aktiv werden zu können und entzog dem Projekt damit die Perspektive. So führt das Plateau weiter einen Dornröschenschlaf in Erwartung seines erlösenden Prinzen…
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Der Beitrag ist im gedruckten Kiezmagazin „Die Farben des Kiezes“ enthalten, das im September 2023 erschienen ist. Weitere Texte und Themen dieser Ausgabe sind im Artikel „Neues Kiezmagazin: Die Farben des Kiezes“ gesammelt und verlinkt.

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